Im Jahr 2015 wurde im Pariser Klimaabkommen beschlossen, die globale Erwärmung auf möglichst 1,5 Grad gegenüber präindustriellen Werten zu begrenzen – mit wenig konkreten Folgen. Knapp zehn Jahre später wurde diese 1,5-Grad-Schwelle erstmals überschritten: 2024 lag die globale Jahresmitteltemperatur 1,52 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Und die weltweiten Treibhausgasemissionen steigen weiter. Schon jetzt ist klar, dass das Klimaschutzziel von Paris nicht mehr zu halten ist.
Überschreitung unvermeidlich – aber wie stark?
Was ein Überschreiten der 1,5-Grad-Schwelle bedeutet und welche Optionen der Menschheit danach noch offenstehen, beleuchtet nun ein Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP. Den Analysen zufolge wird sich die Welt selbst im optimistischsten Szenario um 1,8 Grad gegenüber den präindustriellen Werten erwärmen – auch dann, wenn die Menschheit bis 2050 Netto-Null-Emissionen erreicht. Ziel müsse es daher sein, wenigstens bis Ende des Jahrhunderts wieder unter 1,5 Grad Erwärmung zu kommen, so der Bericht.
“Wir müssen das Überschreiten der 1,5 Grad so kurz und gering wie möglich halten“, sagt UN Generalsekretär Antonio Guterres. „Die glühende Hitze, unkontrollierten Waldbrände und tödlichen Überschwemmungen dieses Sommers sind eine Warnung vor dem, was uns bevorsteht.“ Denn jedes Zehntelgrad Erwärmung über 1,5 Grad hinaus könnte Klimafolgen nach sich ziehen, die nur schwer oder nach menschlichen Maßstäben gar nicht mehr umkehrbar sind.

Drei Phasen der künftigen Klimaentwicklung und die nötigen Maßnahmen laut UNEP-Overshoot-Bericht. — © UNEP-Report Limiting Overshoot 2026, CC-by-nc-nd 3.0 IGO
Einige Folgen des Overshoots könnten irreversibel sein
„Der neue UNEP-Report zeigt noch mal sehr eindrücklich auf, warum ein Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze nicht auf die leichte Schulter genommen werden kann: Ein Overshoot und eine spätere Rückkehr unter dieses Limit führen nicht einfach wieder zum gleichen Zustand wie zuvor“, erklärt die Klimaforscherin Sabine Fuss vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). „Manche Veränderungen können sich mit sinkender globaler Temperatur zumindest teilweise zurückbilden, andere reagieren erst nach Jahrhunderten, und einige Schäden sind auf menschlichen Zeitskalen praktisch oder tatsächlich unumkehrbar.“
Das Problem: Bei vielen kritischen Prozessen und Komponenten des Klimasystems ist noch unklar, wo die Temperaturschwelle für ihr Umkippen in einen neuen, teils irreversiblen Zustand liegt. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass beispielsweise die polaren Eisschilde, der Amazonas-Regenwald, bestimmte Meeresströmungen und der Permafrost vor einem solchen Kipppunkt stehen könnten oder ihn vielleicht sogar schon überschritten haben. Je höher die Temperaturen steigen, desto wahrscheinlicher wird es, dass weitere Kipppunkte folgen.
„Keine guten Szenarien oberhalb von 1,5 Grad“
„Es gibt keine guten Szenarien oberhalb von 1,5 Grad“, erklärt UNEP-Exekutivdirektor Inger Andersen. „Jeder Bruchteil eines Grades zählt und jedes Jahr im Overshoot erhöht die Klimarisiken sowie die Gefahr irreversibler Verluste.“ Schon jetzt haben sich Wetterextreme wie Hitzewellen, Dürren, Starkregen, Hochwasser und Stürme deutlich verstärkt. Die 1,5-Grad-Grenze wurde bewusst gewählt, weil solche Klimafolgen darunter noch halbwegs handhabbar bleiben. Wird die Schwelle jedoch überschritten, verstärken sich diese Klimagefahren den Prognosen zufolge deutlich.
„Jahrelanges Nichtstun hat zur Folge, dass selbst bei einer Rückkehr zu einer Erwärmung von unter 1,5 Grad irreversible Verluste und dauerhaft veränderte Bedingungen unvermeidlich sind“, erklärt die UNEP. Das Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze dürfe daher nicht als neues Ziel und Ausrede zu laxem Klimaschutz betrachtet werden. Es sei ein Zustand, dessen Ausmaß wir dringend minimieren und den wir umkehren müssen.

Potenzielle Risiken während der Phasen der Überschreitung der 1,5-Grad-Schwelle, des Erwärmungs-Höchstwerts und des Rückgangs. — © UNEP-Report Limiting Overshoot 2026, CC-by-nc-nd 3.0 IGO
Handlungspfad: Erst Netto-Null, dann CO2-Removal
Aber wie lässt die Erwärmung rückgängig machen und wieder unter 1,5 Grad senken? Dem UNEP-Bericht zufolge sind dafür zwei Maßnahmen zentral: Als erstes muss die Menschheit es schaffen, bis 2050 die Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Das bedeutet, dass wir nicht mehr CO2 ausstoßen dürfen als die Natur und die natürlichen Puffersysteme absorbieren können. „Dieser essenzielle Meilenstein kann nicht übersprungen werden“, betont der Bericht.
Als zweite Maßnahme muss dann überschüssiges Kohlendioxid wieder aus der Erdatmosphäre entfernt werden, um den Treibhauseffekt zu vermindern und so eine Senkung der globalen Temperaturen zu ermöglichen. Möglich wäre dies durch Aufforstung, technische Lösungen zum Entfernen des CO2 aus der Luft (Direct-Air-Capture) oder auch durch riskante und umstrittene Methoden des Geoengineering wie das Freisetzen von Aerosolen in der Atmosphäre oder Eingriffe in natürliche Stoffkreisläufe.
Allerdings können auch diese Maßnahmen nur funktionieren, wenn gleichzeitig keine neuen Treibhausgas-Emissionen anfallen, wie die UNEP betont: „Das Carbon Dioxide Removal (CDR) ist zusätzlich zu dauerhaften Senkungen der Treibhausgasemissionen erforderlich, nicht als Ersatz dafür.“ Hinzu kommt: “Selbst bei einer optimistischen Hochskalierung künftiger CDR-Maßnahmen ist es unwahrscheinlich, dass dies die Temperaturen mehr als wenige Zehntelgrad bis Ende des Jahrhunderts senken kann“, so der UNEP-Bericht.
Enorme Anstrengungen nötig – schon jetzt
Ein weiteres Problem: Um die Überschreitung der 1,5-Grad-Schwelle rückgängig zu machen, müssen enorme Mengen an CO2 aus der Atmosphäre entfernt werden. „Um eine Temperaturabsenkung um 0,1 Grad zu erreichen, muss man im Laufe des Jahrhunderts 220 Milliarden Tonnen CO2 netto aus der Atmosphäre entnehmen“, erklärt Oliver Geden, Leiter des Forschungsclusters Klimapolitik, Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. „Wenn man die im Bericht genannte Erwärmung von 1,7 bis 1,8 Grad zur Grundlage nimmt, dann wären das 550 Gigatonnen auf dem Weg zurück zu 1,5 Grad.“
Zum Vergleich: Zurzeit liegen die jährlichen weltweiten Emissionen bei rund 42 Gigatonnen – und die Menschheit schafft es bisher nicht einmal, den weiteren Anstieg dieser Emissionen zu stoppen, geschweige denn, sie zu verringern. Die UNEP sieht es auch deshalb als entscheidend an, die Überschreitung der 1,5 Grad so gering wie möglich zu halten. „Rasches, gemeinsames und globales Handeln ist unerlässlich: Eine geringere maximale Erwärmung und eine kürzere Dauer der Überschreitung verringern Risiken und Auswirkungen“, die der Report.
Quelle: UN Environment Programme (UNEP); Report: Limiting Overshoot (2026)





