Auf der UN-Klimakonferenz in Paris im Jahr 2015 haben sich die meisten Staaten der Welt auf das Ziel verständigt, die globale Erwärmung bis 2100 auf maximal zwei Grad, besser 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Obwohl seither bereits viele Maßnahmen geplant und umgesetzt wurden, bleiben die bisherigen Bemühungen weit hinter dem Notwendigen zurück. Ein wichtiges Ziel auf dem Weg ist es, die Kohlenstoffemissionen massiv zu begrenzen und so bald wie möglich auf null herunterzufahren, also eine vollständige Dekarbonisierung zu erreichen. Inwieweit das gelingt, hängt vor allem von gesellschaftlichen Entwicklungen auf politischer, wirtschaftlicher und individueller Ebene ab.
Plausibilität statt Machbarkeit
Ein Forschungsteam vom Exzellenzcluster „Climate, Climatic Change and Society“ (CLICCS) der Universität Hamburg hat nun analysiert, wie gesellschaftliche Faktoren die Plausibilität des 1,5-Grad-Ziels beeinflussen. In ihrem zweiten Hamburg Climate Futures Outlook kommen sie zu dem Ergebnis, dass ein gesellschaftlicher Wandel unabdingbar ist, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Aktuelle Entwicklungen machen es allerdings unwahrscheinlich, dass entsprechende Veränderungen rechtzeitig umgesetzt werden, so die Forscher. Bereits 2021 hatte das Team im ersten Hamburg Climate Futures Outlook festgestellt, dass die Plausibilität für eine vollständige Dekarbonisierung bis 2050 gering ist.
„Wenn es um zukünftige Klimaszenarien geht, fokussieren sich die meisten Studien auf die theoretische Machbarkeit“, erklärt das Forschungsteam. Das gilt zum Beispiel für die Klimaberichte des Weltklimarats IPCC. „Diese Berichte vernachlässigen jedoch soziale Dynamiken, die einen entscheidenden Einfluss darauf haben, ob notwendige Maßnahmen eingeführt werden. In unserer Analyse haben wir dagegen eine große Bandbreite an gesellschaftlichen und physikalischen Faktoren analysiert, die die Plausibilität von Klimaszenarien beeinflussen.“

Gesellschaftliche Triebkräfte in beide Richtungen
Von zehn gesellschaftlichen Triebkräften, die das Team in die Analyse einbezog, unterstützen sieben die Reduktion von Kohlenstoffemissionen – wenn auch nicht genug für eine vollständige Dekarbonisierung bis 2050. Zu diesen positiven Einflussfaktoren zählen die Klimapolitik der Vereinten Nationen, darunter insbesondere Klimaabkommen, länderübergreifende Initiativen wie der europäische Emissionshandel, nationale Klimagesetze, Klimaproteste und weitere soziale Bewegungen. Außerdem Klimaklagen, beispielsweise gegen Mineralölkonzerne, verringerte Investitionen in fossile Brennstoffe und die Verbreitung von Wissen über den Klimawandel. Doch der Analyse zufolge gehen diese Faktoren zwar in die richtige Richtung, aber nicht stark genug: „Die erforderliche vollständige Dekarbonisierung schreitet einfach zu langsam voran“, sagt CLICCS-Sprecherin Anita Engels von der Universität Hamburg.





