Leipzig im November 1997. Der Fußweg zur Inselstraße führt vorbei an waschbetongrauen Plattenbauten, gleich daneben luxussanierte Gründerzeitvillen, benachbart von solchen, deren Schönheit noch unter jahrzehntealter Patina verborgen ist. In der Inselstraße selbst drängen sich die renovierten Prachtbauten, Reklametafeln offerieren Büro- und Geschäftsräume. Das Ziel: Inselstraße 22 bis 26, ein top-renoviertes rotbraunes Backsteingebäude im Reclam-Karee, unmittelbar neben dem Brockhaus-Komplex. Eine feine, eine teure Adresse. Die schicke Tafel im repräsentativen Eingangsbereich gibt nähere Auskunft: “Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung, 2. Stock”. Es ist hier vorübergehend untergebracht, bis der Neubau in der Steffan-Straße Ende 1998 fertig ist.
Ein imposantes Jugendstil-Treppenhaus führt hinauf. Summend öffnet sich die Tür. Überrascht von der großzügigen Innenausstattung der Etage fühlt man sich weniger in einer Forschungsstätte als in den Empfangsräumen eines Industriekonzerns.
Die freundliche Dame am Empfang weist den Weg, vorbei an Regalen mit wissenschaftlicher Literatur in das elegant-funktionale Büro der “Chefin”: Prof. Dr. phil., Dipl. Psych. Angela D. Friederici, Jahrgang 1952, geboren in Köln, zierlich und blond, gewählt gekleidet, auffallender Schmuck, dezent geschminkt, flott frisiert, leidenschaftliche Sprachforscherin, Direktorin des 1994 gegründeten Max-Planck-Instituts für neuropsychologische Forschung in Leipzig, Honorarprofessorin der Universitäten Leipzig und Potsdam, ausgezeichnet mit dem “Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis” der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
“Ich setz mich mal aus dem Chef- Sessel raus”, sagt sie, läßt ihr Mittagessen – ein Brötchen – gleichgültig zurück und steuert flink einen Stuhl in der Besucherecke ihres sehr aufgeräumten modernen Schreibtisch-Ensembles an. Sie wirkt lebendig, partnerschaftlich, selbstbewußt, offen und sehr viel jünger als 46 Jahre, auch in der Sprache, die sie spricht. Angela Friederici will partout nicht in das Bild passen, das der eine oder andere wohl auch heute noch von einer “Professorin” hat. “Ich erwartete eine ältliche Frau im grauen Kostüm mit Nickelbrille und Dutt”, schildert Karin Rudisch, die engagierte Sekretärin, amüsiert ihr erstes Zusammentreffen mit ihrer Chefin: “Und dann kam da eine mit Rucksack und im kurzen Rock.”
Kontraste findet sie spannend, meint Angela Friederici. Deshalb gefalle ihr auch Leipzig so gut: auf der einen Seite die “totale Zerrüttetheit” und gleich daneben der neuentstandene Glanz. Sie wohnt im Waldstraßenviertel, einer Altbaugegend mit Bürgerhäusern. “Da hat es Raum”, sagt sie, “den brauche ich.” Ihr Arbeitstag im Institut beginnt um neun Uhr morgens, endet um neun Uhr abends, auch die Wochenenden sind in die Arbeit eingeplant. Genauso wichtig aber sind ihr die “Auszeiten”, die sie sich bewußt und regelmäßig gönnt, um Kräfte zu tanken: beim Tauchen, beim alpinen Skilauf oder während einer sommerlichen Segeltour in der Ägäis. Verheiratet ist Angela Friederici seit 15 Jahren, zusammengewohnt hat sie mit ihrem Mann, einem Kieferchirurgen, noch nie: “Ich war immer woanders als er.”
Zum Beispiel in Berlin, wo sie von 1989 bis zu ihrem Eintritt in das Max-Planck-Institut in Leipzig als Professorin für Psychologie an der Freien Universität tätig war. Zuvor arbeitete sie zehn Jahre lang im Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im holländischen Nijmegen, unterbrochen von Forschungsaufenthalten in aller Welt, etwa im Massachusetts Institute of Technology (MIT), im Laboratoire de Psychologie Experimentale der Universität René Descartes in Paris oder am Center for Cognitive Science der University of California in San Diego. Ihre Umtriebigkeit ist die Folge großer wissenschaftlicher Neugier: Angela Friederici tut alles, um mehr über ein Phänomen zu erfahren, das das Menschsein bestimmt wie kaum ein zweites: wie Sprache im Gehirn entsteht, wie sie wahrgenommen, verstanden und verarbeitet wird.
Sobald Angela Friederici auf “ihr Thema” zu sprechen kommt, ist in ihren blauen Augen zu sehen, was sie bei ihren Mitarbeitern voraussetzt: Begeisterung. Sie selbst hat ihre seit über zwei Jahrzehnten unverminderte Begeisterung einem Erlebnis an der Universität Bonn zu verdanken. Dort stellte ein Professor seinen Studenten während eines Seminars Patienten vor, die nach einer Hirnverletzung bestimmte sprachliche Fähig-keiten verloren hatten.
Unter den Seminar-Teilnehmern war auch die junge Germanistik- und Romanistik-Studentin Angela Friederici, die sich – “heilfroh der langweiligen Schule endlich entronnen” zu sein – an der Universität auf jene Fächer konzentrierte, die ihr am Gymnasium “am meisten Spaß” gemacht hatten. An die Wirkung des in der Sprachwissenschaft eher ungewöhnlichen Anschauungs-Unterrichts erinnert sich Angela Friederici noch heute: “Einer der Patienten redete im Telegrammstil, ohne jede Grammatik. Bei ihm war die Broca-Region, das Grammatik-Zentrum des Gehirns, ausgefallen.” Zum ersten Mal sei ihr deutlich geworden, daß es definierte Sprach-verarbeitungsmodule im Gehirn gibt, daß man die Sprachverarbeitung in Einzelteile zerlegen, anschließend wieder zusammensetzen und nach den Regeln der experimentellen Wissenschaft analysieren kann.
Von nun an wollte sie nicht wissen, “wie Sprache quasi als Fakt in ein Buch kommt, das nachher Grammatik heißt”. Sie interessierte sich vielmehr dafür, “wie die Grammatik in unser Gehirn kommt, wo sie dort sitzt, wie das Gehirn mit ihr umgeht, wie Sprachen gelernt, wo eigentlich die Wörter abgelegt werden. All das fand ich sehr viel aufregender als beispielsweise althochdeutsche Grammatik.” Sie begann, die Literatur über die neurobiologischen Grundlagen der Sprachverarbeitung zu durchforsten und stellte fest, daß nicht allzuviel über das Thema zu finden war: “Das hat mich gereizt, der Sache weiter nachzugehen.”
Dabei ging sie mit jener Zielstrebigkeit vor, die Menschen eigen ist, die früh erkannt haben, was sie wollen. Mit 24 Jahren promovierte sie im Fach Germanistik, schon zuvor hatte sie das Studium der Psychologie aufgenommen, das sie mit 28 Jahren mit dem Diplom abschloß.
Es folgte mit 34 Jahren die Habilitation. Die Auswahl ihrer Studiengänge hat sie “der Sache wegen” stringent geplant: Die Sprachwissenschaft habe sie gebraucht, um die Strukturen der Sprache zu erkennen, die Psychologie, um zu erfahren, wie Kommunikation funktioniert und welche psychologischen Prozesse sie begleiten.
Gerne, meint sie rückblickend, hätte sie auch noch ein Studium der Neurobiologie absolviert – sofern man dieses Fach damals hätte in Deutschland belegen können. Ein komplettes biologisches Studium dagegen sei ihr zu wenig zielgerichtet gewesen.
Die neurowissenschaftlichen Grundlagen zum Verständnis der Sprachverarbeitung im Gehirn hat sie sich dann während ihrer Forschungsaufenthalte in Amerika angeeignet. Was sich in ihrem Lebenslauf so schlüssig lese, betont Friederici, dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie bis zum Alter von 38 Jahren nie einen festen Job hatte, “immer nur Stipendien, oft nur für ein Jahr. Es gab im Grunde nie eine Sicherheit.” Resigniert hat sie allerdings nie.
Sie sorgte vielmehr pragmatisch dafür, sich nicht von den Bedingungen lenken zu lassen, sondern die Bedingungen “aktiv so zu kanalisieren, daß etwas Positives dabei herauskommt”.
Etwa damals, als ihr eine Zwangspause am Ende ihres Zweitstudiums drohte: Das Prüfungsamt wollte sie nicht vorzeitig zum Diplom zulassen. Sie nutzte die Zeit, um 1978 für ein Jahr an jenen einzigartigen Ort in Cambridge, Massachusetts, zu gehen, wo die Besten “ihr Thema” diskutierten: “Da wollte ich dabeisein.”
Gleich in der ersten Woche, erzählt Friederici, sei sie neben einem der ganz Großen der Sprachwissenschaft, Noam Chomsky, zu sitzen gekommen. Sie habe nicht gewußt, mit wem sie da “auf das Heftigste” über die Sprachverarbeitung im Gehirn diskutierte. Sie habe nur “ihre Position” vertreten, die sie in ihrer Doktorarbeit erarbeitet hatte. Chomsky versuchte die Stipendiatin von seiner Sichtweise zu überzeugen. “Er hatte ganz gute Argumente”, sagt Angela Friederici verschmitzt. “Und später habe ich seine Ansicht ja auch akzeptiert.”
Nach dem “denkwürdigen Gespräch” mit Chomsky seien alle möglichen Leute zu ihr gekommen und hätten gefragt: “Ja weißt Du denn nicht, mit wem Du da gestritten hast? Wenn Du es wüßtest, hättest Du es ganz sicher nicht getan.” Ihre Antwort: “Da bin ich mir gar nicht mal so sicher.”
In Cambridge hat sie auch zum ersten Mal erlebt, was in Deutschland bis dato nur selten zu finden war: Interdisziplinäres Arbeiten. “Da saß der Philosoph Jerry Fodor bei dem Linguisten Chomsky in der Vorlesung und umgekehrt”, erinnert sich Friederici. Man habe aufeinander gehört und versucht, gemeinsam weiterzukommen.
“Fachgrenzen verhindern”, hieß die Lehre, die Friederici von Massachusetts mit nach Hause nahm. In Deutschland mußte sie die Verantwortlichen erst vom Reiz und Nutzen fachübergreifender Spracheinsichten überzeugen.
Ihr Talent zu überzeugen hatte sie allerdings schon zuvor unter Beweis gestellt: Auch ihrem Doktorvater, einem Altphilologen mit dem Schwerpunkt Mittelhochdeutsch, konnte sie “ihr Thema” – Sprachstörungen nach Hirnverletzungen – vermitteln. “Ich verstehe nichts davon”, habe er schließlich souverän gesagt, “aber machen Sie mal.”
Ein kämpferischer Typ sei sie aber nicht. Mit Kämpfen, sagt sie, komme man viel weniger weit als mit guten Argumenten. Grenzüberschreitende Neugier ist eine ihrer Stärken. Starre Strukturen sind ihr zuwider: “Sie schaden nur – im Endeffekt auch jenen Menschen, die sie vertreten.”
Fachübergreifendes Denken und offener Austausch ist denn auch die Normalität in ihrem Max-Planck-Institut: Sprachwissenschaftler arbeiten mit Psychologen, Philosophen experimentieren gemeinsam mit Physikern, Biologen oder Medizinern. “Nur so geht’s”, begründet Friederici, “anders kommen wir an die Sprache im Gehirn nicht heran.” Einen Großteil ihrer Arbeitszeit verbringt sie damit, in ihrem jungen Team neue Ideen, Methoden und Experimente zu diskutieren, die tauglich sein könnten, dem Gehirn sein Sprach-Geheimnis zu entreißen.
“Ich kenne jedes Experiment, das in meiner Arbeitsgruppe läuft. Ich weiß, weshalb es läuft und wie es läuft”, behauptet Friederici. Am meisten freue es sie, wenn die Daten endlich auf dem Tisch liegen: “Das ist das Spannendste für mich überhaupt. Dann sitzen wir Stunde um Stunde und reden.”
Vor zwei Jahren hat die Wissenschaftlerin ein vielbeachtetes Modell formuliert, das darstellt, wie Sprachprozesse im Gehirn ablaufen. Es geht unter anderem davon aus, daß das Gehirn zunächst die Struktur von Sätzen und erst in einem zweiten Schritt den Inhalt der Äußerung analysiert: Form kommt vor Inhalt. Jetzt gilt es zu klären, ob es Fakten gibt, die dieses Modell stützen oder modifizieren.
Neben den traditionellen Methoden wie der Untersuchung des Spracherwerbs von Kindern oder die Analyse der Ausfallerscheinungen von Hirnverletzten stehen Friederici und ihren Mitarbeitern im Max-Planck-Institut moderne bildgebende Verfahren wie die Elektro- oder die Magnet-Enzephalographie und die Kernspintomographie zu Verfügung – “Fenster”, durch die die Forscher direkt auf den Sprachverarbeitungsprozeß im Gehirn blicken können.
Auch die Zusammenarbeit mit dem Neurologen Prof. Detlev Yves von Cramon, der dem Institut als Direktor des Arbeitsbereiches Neurologie vorsteht, läßt Friederici hoffen, künftig noch mehr Details der Sprachverarbeitung zu erkennen. “Es gibt so viel Neues – ich lerne pausenlos dazu”, beschreibt sie die Vorteile der mit dem Leipziger Max-Planck-Institut geschaffenen engen Kooperation.
Als Direktorin habe sie allerdings auch sehr viel Verwaltungs- oder Gremienarbeit zu leisten – das sei wichtig, aber eben doch nur Zeit, die sie “abarbeiten” müsse. Die Forschung stehe im Vordergrund, am liebsten würde sie selber jeden Tag im Labor arbeiten, um endlich zu erfahren “wie das Hirn das macht”, aus Gedanken Sprache zu produzieren oder umgekehrt Schallwellen, die das Ohr treffen, in Sprachverständnis zu transformieren. Wenn sich statt dessen die Akten auf ihrem Schreibtisch türmen, dann kann ihr der Spaß an der Arbeit vorübergehend schon einmal vergehen.
Den verliert sie aber ganz sicher nie, wenn es um die Forschung ihrer Mitarbeiter geht: “Die können mich noch nachts um vier anrufen.” Forschung contra Wissenschaftsmanagement – business as usual. Ob es nicht doch etwas Besonderes ist, als eine von nur vier Frauen unter 216 männlichen Direktoren ein Max-Planck-Institut zu leiten? “Nein”, sagt Angela Friederici, “oder doch – man erinnert sich besser an uns.”
Claudia Eberhard-Metzger / Angela Friederici




