Handwerker, Sekretärinnen, Ingenieure – in der deutschen Mittelschicht fürchten viele, Arbeit, Geld und Status zu verlieren. Doch es gibt keinen Grund zur Panik.
Ein Ordentliches Finanzpolster sichert ein angenehmes Leben, die Kinder genießen eine solide Bildung und ihre Berufsaussichten sind gut. Traditionelle Vorstellungen von Deutschlands Mittelschicht – doch tatsächlich Gemeinplätze, die noch nie viel mit der Wirklichkeit zu tun hatten. Die deutsche Mittelschicht war schon immer in Bewegung. Sie ist kein starrer Block gut verdienender Menschen, sondern eine breit gefächerte Gruppe, in der etliche um den sozialen Aufstieg kämpfen – und auch so mancher gegen den Abstieg.
Die Tagespresse erklärt zwar immer wieder, die Mittelschicht würde schrumpfen. Doch wird sie tatsächlich kleiner – und wer zählt eigentlich zu Deutschlands Mitte? Unstrittig dürfte sein: niemand, der arm oder von Armut unmittelbar bedroht ist. Zwar lässt sich darüber streiten, wie Armut zu definieren ist, doch legt man plausible Kriterien zugrunde – zum Beispiel den Bezug von Hartz IV –, dann gehören mindestens zehn Prozent der Menschen in Deutschland nicht zur Mittelschicht. Geht man von der international üblichen Definition aus, nach der die „ Armutsschwelle” bei 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt, dann hängt es ganz stark von der sozialen Situation ab, wer in die Armut abrutscht und wer nicht: Gegenwärtig drohen etwa zwei Drittel der Arbeitslosen zu verarmen. Bei den Vollzeiterwerbstätigen sind es nur etwa 3 Prozent. Insgesamt leben ungefähr 15 Prozent der Menschen in Deutschland unterhalb des Einkommensniveaus der Mittelschicht.
Und wo lässt sich die Grenze nach oben ziehen? Oder anders gefragt: Wer gehört zur Oberschicht? Ein Ansatz wäre – analog zur Definition von Armut mittels Hartz IV –, die Grenze mithilfe der „ Reichensteuer” zu bestimmen, dem Spitzensteuersatz von 45 Prozent. Die Einkommensgrenze dafür liegt bei 250 000 Euro im Jahr. In Deutschland trifft das nur auf etwas mehr als 30 000 Besteuerte zu – also auf viel weniger als ein Prozent der potenziell Steuerpflichtigen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn nur diese kleine Gruppe die Oberschicht bildet, dann umfasst die Mittelschicht etwa 85 Prozent der gesamten Bevölkerung, zeitweise in den letzten Jahrzehnten – als es weniger Arme gab – sogar etwa 90 Prozent. Aus dem Spitzensteuersatz auf die Größe der Mittelschicht zu schließen, ergibt also eine winzige Oberschicht. Und das ist nicht plausibel.
Aussagekräftiger ist es, die Mittelschicht folgendermaßen nach oben abzugrenzen: Jemand ist dann wirklich reich und gehört zur Oberschicht, wenn er ein gutes Einkommen hat und sich dauerhaft keine finanziellen Sorgen machen muss. Mit den Daten des Sozio-oekonomischen Panels kann man diesen Anteil an der Gesamtbevölkerung leicht ausrechnen. Als gutes Einkommen darf das Doppelte des Durchschnitts gelten, das mit 45 000 Euro pro Jahr für einen Alleinlebenden noch nicht einmal außergewöhnlich hoch ist. Aus dieser Einkommensgruppe filtert man nun diejenigen heraus, die im Verlauf von fünf Jahren keine finanziellen Sorgen bei den Befragungen äußerten. Bei dieser Rechnung kommen am Ende deutlich mehr reiche Menschen heraus als nur die Zahlungspflichtigen der Reichensteuer: etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Besonders groß ist die Oberschicht aus diesem Blickwinkel allerdings auch nicht, doch das ergibt Sinn: Im Prinzip kann es jedem Erwerbstätigen widerfahren, arbeitslos zu werden – außer Beamten, die in der Tat einen Gutteil der sorgenfreien Reichen ausmachen. Und eines zeigen die SOEP-Daten ganz deutlich: Die Erfahrung, die Arbeit verloren zu haben, empfinden die meisten als so schlimm, dass dieses Gefühl selbst dann, wenn sie wieder einen Job gefunden haben sollten, noch für Jahre die Lebenszufriedenheit dämpft. Und wer sich vor Arbeitslosigkeit fürchten muss, kann nicht zur Oberschicht gehören.
Um wirklich finanziell sorgenfrei zu leben, braucht man nicht nur ein gutes Einkommen, sondern auch ein ansehnliches Vermögen, zum Beispiel in Form von Immobilien. Der Rentenanspruch beziehungsweise die Beamtenversorgung gelten normalerweise nicht als Vermögensanteile, da Rentner und Pensionäre über dieses Geld weder frei verfügen noch es vererben können. Deswegen gilt: Auch gemessen am Vermögen bleibt die Gruppe der Reichen klein – und besitzt dennoch sehr viel: Fünf Prozent der Bevölkerung mit dem größten Vermögen dürfen etwa die Hälfte des gesamten Privatvermögens in Deutschland ihr Eigen nennen. Dabei handelt es sich aber keineswegs nur um Vermögensmillionäre – die machen nur ungefähr ein Prozent der Menschen in Deutschland aus–, sondern auch um etliche, die für sich alleine „lediglich” 350 000 Euro auf der hohen Kante haben. Und davon kann man auf Dauer nicht sorgenfrei leben.
Sieht man sich die Vermögensverteilung genauer an, wird klar: Nicht nur die unterste soziale Schicht hat kein Vermögen, sondern auch ein großer Teil der Mittelschicht. Insgesamt sind zwei Drittel der Bevölkerung „vermögensarm”. Und diejenigen, die am oberen und unteren Ende der Vermögensverteilung stehen, rühren sich kaum vom Fleck: Wer 2002 verschuldet oder vermögenslos war, so die Ergebnisse des SOEP, steckte 2007 mit einer Wahrscheinlichkeit von knapp 60 Prozent noch immer in dieser Lage. Und die obersten 10 Prozent der Vermögenden 2002 reihten sich mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 80 Prozent auch 2007 in die Gruppe der obersten 20 Prozent ein.
Egal, wie man die Statistiken dreht und wendet, der Begriff „ Mittelschicht” sagt herzlich wenig über die tatsächliche Lebenssituation von über 80 Prozent der Menschen in Deutschland aus. Es gilt genauer hinzusehen – zum einen auf die einzelnen Bevölkerungsgruppen, zum anderen auf die Lebensläufe von Generation zu Generation. Genau das ist mithilfe der SOEP-Daten möglich.
So stellte sich heraus, dass die Menschen kaum von oben nach unten fallen oder umgekehrt sich von unten weit weg bewegen. Eben das wird sich aber langfristig zum größten sozialen Problem in Deutschland auswachsen. Denn: Nur wenige Familien bilden die Oberschicht, und daran wird sich auf lange Sicht nichts ändern. Ebenso gilt: Wer unten ist, hat es schwer aufzusteigen. Einzig innerhalb der großen Mittelschicht geht es ständig auf und ab. Von 2002 bis 2007 stiegen aus der Mittelschicht – egal, wie man sie definiert – etwa 5 Prozent in die Armutsgefährdung ab. Doch so gut wie keiner erreichte die Oberschicht. Von denen allerdings, die ungefähr beim Durchschnittseinkommen lagen, verbesserten sich etwa 30 Prozent, und etwa 50 Prozent verschlechterten sich. Diese Mobilität innerhalb der Mittelschicht ist die eigentliche Ursache der oft beschworenen Ängste. Freilich: Eine solche Mobilität in zwei Richtungen ist unvermeidbar in einer offenen Gesellschaft.
Dass die drei großen Schichten kaum durchlässig und stark voneinander abgeschottet sind, liegt in zwei Nachkriegsentwicklungen begründet: Das deutsche Bildungswesen hat sich zu wenig um die vielen Kinder der „Gastarbeiter” gekümmert. Ohne gute Bildung ist es jedoch kaum möglich, in die Mittelschicht aufzusteigen und sich dort zu halten. Die Bedingungen bessern sich leider nur langsam, doch die seit einigen Jahren ausgebaute Kinderbetreuung und die Ganztagsschulen werden mittelfristig Wirkung zeigen. Und wie die SOEP-Befragungen klar zeigen: Bildung macht zufrieden.
Der zweite Grund: Die sozialen Aufsteiger aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg tun alles, um ihre Kinder und Enkelkinder in der oberen Mitte der Gesellschaft zu halten. Ein Beispiel: In letzter Zeit sind Jahr für Jahr etwa sechs Prozent der Schüler ein Jahr oder länger ins Ausland gegangen. Die meisten haben gut ausgebildete und gut verdienende Eltern, die vor allem der oberen Mittelschicht und zum Teil der Oberschicht angehören.
Da die Einkommensungleichheit in Deutschland niedriger ist als zum Beispiel in den USA, würde man hierzulande auch eine höhere soziale Durchlässigkeit erwarten als dort. In den Vereinigten Staaten lebt nahezu niemand mehr den „amerikanischen Traum”, und die Oberschicht schottet sich fast hermetisch vom Rest der Gesellschaft ab. Neueste SOEP-Ergebnisse belegen, dass die deutschen Verhältnisse den US-amerikanischen ziemlich gleichen. Demnach hing in den vergangenen zehn Jahren der Bildungserfolg zu zwei Dritteln vom Elternhaus ab. Damit wirken die Eltern stärker auf den Bildungserfolg ihrer Kinder ein als auf deren Körpergröße, die sie genetisch von Generation zu Generation weitergeben. Auch die ebenfalls genetisch stark bedingte Risikobereitschaft vererbt sich weniger häufig als der Bildungserfolg. In Skandinavien ist das völlig anders. Bei Männern resultiert dort die Höhe des Einkommens nur zu 20 Prozent aus dem sozialen Status des Elternhauses, während es in Deutschland und den USA etwa 45 Prozent sind.
Einkommen und Vermögen bestimmen ohne Zweifel die Lebensqualität. Ebenso können Schicksalsschläge, wie schwere Krankheiten oder der Tod des Partners, die Lebenszufriedenheit auf Dauer mindern. Das Gleiche gilt für die Arbeitslosigkeit, vor der am wirksamsten gute Bildung und Ausbildung schützen. Aus diesem Grund besteht in den kommenden Jahren die größte Herausforderung für unsere Gesellschaft darin, die Chancen für Kinder aus bildungsfernen, oft schlecht verdienenden Elternhäusern zu verbessern. Als wirksame Maßnahmen müssen Politiker weiterhin den Ausbau der Kinderbetreuung und der Ganztagsschulen vorantreiben. Eines lässt sich damit allerdings kaum ändern: die Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg. Sie wird nicht verschwinden. Im Gegenteil. Gerade eine offene Gesellschaft wird in ihrer Mitte Ängste produzieren. ■
Kompakt
· Weder arm noch finanziell sorgenfrei – so steht es um die Mittelschicht in Deutschland.
· Diese unsichere Situation schürt Ängste bei den Menschen. Doch gute Bildung schützt vor dem sozialen Abstieg. Viel mehr noch: Sie stellt die Weichen für den Aufstieg.
Alleinerziehende Eltern, arme Kinder
2009 lebten ungefähr 2,5 Millionen Kinder in finanziell prekären Verhältnissen. Die Gefahr, von Einkommensarmut betroffen zu werden (Armutsrisikoquote), bestand vor allem für die 1,2 Millionen Kinder, für die nur ein Elternteil sorgte.
Wie der Vater so der Sohn
USA gleich BRD: Egal, ob der Vater wenig oder viel verdient – die Söhne treten beim Einkommen meist in die Fußstapfen ihrer Väter. In Deutschland gelingt Söhnen von einkommensschwachen Vätern immerhin oft ein leichter Aufstieg.
Am oberen und unteren Rand ist die Gesellschaft sehr stabil
Von den Menschen, die 2007 zur armutsgefährdeten untersten Einkommensgruppe in Deutschland zählten, standen 2011 noch immer 50 Prozent am Ende der Skala. In die oberste Einkommensschicht schaffte es praktisch keiner. Ein noch deutlicheres Bild zeichnet sich bei den Bestverdienern ab: 65 Prozent haben 2007 und 2011 ein unverändert hohes Einkommen bezogen. Ganz nach unten rutschte niemand. Fazit dieser SOEP-Studie, die Markus Grabka am DIW Berlin durchgeführt hat: Wer zur unteren Schicht der Gesellschaft gehört, kann seiner sozialen Lage nur sehr schwer entrinnen. Wer andererseits ganz oben angekommen ist, braucht den sozialen Sturz kaum zu fürchten. Und die Mittelschicht? Sie ist nicht nur bei der Höhe des Einkommens extrem breit gefächert, sondern auch ziemlich in Bewegung. Nur ein Viertel der Menschen hatte 2011 so viel Geld zur Verfügung wie vier Jahre zuvor. Etwas stabiler waren die Einkommen am oberen Ende der Mitte: Gut ein Drittel der Menschen dort besaß 2011 so viel Geld wie 2007. Der Rest stieg auf – oder ab. Auch hier gilt: Ganz nach oben und ganz nach unten bewegten sich nur wenige. Der „rege Verkehr” in der Mitte schürt auch die Angst vor dem sozialen Abstieg – der aber nur selten tatsächlich bis ganz nach unten führt.
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