Die Raumfahrt hat uns eine fülle wertvoller Errungenschaften beschert: Wetter- und Klimasatelliten, GPS- sowie TV- und Kommunikationssatelliten sind aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Und ihr volkswirtschaftlicher Nutzen übersteigt die Kosten um ein Vielfaches. Robotische Missionen haben das Sonnensystem in Augenschein genommen und die Planeten, Planetoiden und Kometen zum Teil direkt vor Ort untersucht. Und schließlich haben Astrophysiker mit Weltraumteleskopen die Entwicklung des Universums enträtselt. All diese Projekte werden von einem Großteil der Bevölkerung akzeptiert. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup 2009 halten über Dreiviertel der Deutschen und EU-Bürger die Raumfahrt für bedeutsam für die Erweiterung des menschlichen Wissens. Es ist eben ein grundlegendes Bedürfnis, den Kosmos zu ergründen, von dem wir ein winziger Teil sind. Aber müssen Menschen dafür selbst ins All fliegen?
Zunächst sollten wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass Astronauten wesentlich zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn beitragen. Ein Beispiel: Die Kosten für eine bemannte Mars-Mission werden grob auf 500 Milliarden Dollar geschätzt. Dafür könnte man bequem 500 unbemannte Sonden in völlig unterschiedliche Regionen des Roten Planeten schicken und auch in unwegsamen Gebieten landen lassen. Ein Absturz oder andere Defekte wären zwar ärgerlich, würden aber nur Geld kosten, kein Menschenleben. Und an bemannte Missionen zu besonders interessanten Himmelskörpern – wie dem Jupiter-Mond Europa oder dem Saturn-Mond Titan – ist in absehbarer Zeit überhaupt nicht zu denken. Auch einen direkten wirtschaftlichen Mehrwert kann man sich von der bemannten Raumfahrt kaum erhoffen. Nach wie vor ist das Interesse von Firmen an Experimenten auf der Internationalen Raumstation ISS gering. Bei den meisten Versuchen geht es darum, wie der Mensch in der Schwerelosigkeit überleben kann. Und damit ist man auch schon bei der eigentlichen Motivation der bemannten Raumfahrt: dem Entdecken des Kosmos.
Alexej Leonow, der 1965 als erster Mensch in der Erdumlaufbahn aus seinem Raumschiff ausstieg und die blaue Erdkugel erblickte, beschrieb seine damaligen Gedanken so: Angesichts der Unermesslichkeit des Universums habe er sich zwar wie eine winzige Ameise gefühlt, doch er habe auch die Macht des menschlichen Geistes gespürt, der ihn „als Vertreter der menschlichen Spezies” dort hingebracht habe. Die bemannte Raumfahrt gehorcht keiner wirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnung, sondern sie dient der „Verwirklichung einer kosmischen Kultur”, wie der Philosoph Carl Friedrich Gethmann einmal sagte.
Gegner der bemannten Raumfahrt führen stets die hohen Kosten ins Feld. Wie steht es damit? Deutschland hat 2010 rund 120 Millionen Euro für die bemannte Raumfahrt ausgegeben. Das macht für jeden deutschen Bürger 1,50 Euro im Jahr, einschließlich der Kosten für Entwicklung und Betrieb der ISS sowie für die Ausbildung des Astronautenanwärters Alexander Gerst. Zum Vergleich: Dieselbe Summe wendet die Stadt Hamburg innerhalb von zwei Jahren für die Subvention allein ihrer Staatsoper und des Schauspielhauses auf. Damit soll keineswegs Kultur gegen Raumfahrt ausgespielt werden. Ganz im Gegenteil: Wir können stolz darauf sein, dass sich Deutschland das weltweit am stärksten subventionierte Opern- und Schauspielsystem leisten kann. Aber: Warum legen wir mehr Wert darauf, Bruno Ganz auf der Bühne zu sehen als Alexander Gerst in der Raumstation? Am Geld kann es nicht liegen, wie der Vergleich beweist. Es fehlt an der Begeisterung.
In den 1960er-Jahren, zur Zeit des Kalten Krieges, wurden die Astronauten frenetisch gefeiert. Eineinhalb Millionen Menschen jubelten in Moskau ihrem Helden Juri Gagarin zu. Bei den US-Helden war es nicht anders. Rhetorisch äußerst geschickt hatte John F. Kennedy die ganze Nation hinter sich versammelt, als er den bemannten Mondflug mit folgenden Worten ankündigte: „Wir tun dies nicht, weil es einfach ist, sondern weil es schwierig ist.”
Heute sind Vorträge des deutschen Raumfahrers Thomas Reiter zwar immer noch Kassenmagneten. Aber niemand feierte ihn auf den Straßen, als er als neuer europäischer Langzeitrekordhalter aus dem All zurückkehrte. Die vor allem in deutschen Medien viel gescholtene ISS konnte die damalige Begeisterung nicht wiederbeleben. Aber sie ist – trotz aller Probleme – das bis heute größte und komplexeste globale Bauprojekt der Menschheit. Es könnte als Vorbild für eine bemannte Mars-Mission gelten. Die Landung von Menschen auf dem Mond polierte damals den verletzten Stolz der USA wieder auf. Könnte nicht eine internationale Astronauten-Crew, die zum ersten Mal den Mars-Boden betritt, die ganze Menschheit mit Stolz erfüllen und ihr das Gefühl vermitteln, dass sie nicht nur für Hunger und Krieg verantwortlich ist, sondern auch Großartiges zu leisten vermag?
Wernher von Braun träumte schon während des Apollo-Programms in den 1970er-Jahren von einem Flug zum Mars. Dass es dann ganz anders kam, hängt mit einem anderen Jubiläum zusammen, dass wir ebenfalls am 12. April dieses Jahres feiern: 1981 startete in Cape Canaveral das erste Space Shuttle. Mit der Entwicklung dieses wiederverwendbaren Raumfahrzeugs blieb die amerikanische bemannte Raumfahrt an den erdnahen Raum gefesselt. Mit einem Shuttle kann man nicht die Erdumlaufbahn verlassen.
Nach dem Ende der Shuttle-Ära in diesem Jahr hätte sich das Constellation-Programm der NASA angeschlossen, dass den Aufbau einer bemannten Mond-Station und die Reise zum Mars vorsah. Seit US-Präsident Barack Obama Anfang letzten Jahres das Programm gestrichen hat, herrscht bei der NASA eine ziemliche Perspektivlosigkeit.
Für das amerikanische Konjunkturprogramm zur Bekämpfung der Wirtschafts- und Finanzkrise gab Obama fast 800 Milliarden US-Dollar (etwa 625 Milliarden Euro) aus. Darin bedachte er zwar auch die NASA, aber er konnte sich nicht dazu durchringen, das Budget um jährlich drei Milliarden Dollar aufzustocken, um das Constellation-Programm fortzuführen. Eine enttäuschende Entscheidung, wenn man bedenkt, dass der Irak-Krieg rund eine Billion Dollar verschlungen hat. Nun sind Vergleiche zwischen Kriegs- und Raumfahrtkosten nicht neu, und es wäre naiv zu glauben, man könne hier etwas wegnehmen, um es dort einzusetzen. Dennoch belegen die Zahlen eindrucksvoll, wie sinnlos Menschen Ressourcen verschleudern und Chancen vertun – von den vielen Toten gar nicht zu reden.
Vielleicht muss man die Raumfahrt als eine Phase in der Evolution des Menschen betrachten. Im Hinblick auf diesen großen Zeitrahmen hat der Vorstoß ins All gerade erst begonnen, und ein halbes Jahrhundert mutet wie ein Augenblick an. ■
Thomas Bührke ist promovierter Astronom, Wissenschaftsjournalist und langjähriger bdw-Autor. Er lebt in Schwetzingen. Bührke hat etliche Bücher verfasst, darunter „Lift Off! Die Geschichte der Raumfahrt”. Bei mehreren Starts von Raketen und Space Shuttles war er Zeuge, und er hat die Schwerelosigkeit bei Parabelflügen am eigenen Leib erfahren.




