Das Modell ist der Beginn der Wissenschaft. Das gilt für die geistige Vorstellung wie für den Sperrholznachbau. Heute werden die Laubsägearbeiten weitgehend von Computersimulationen abgelöst. Jetzt ist Troja am Computer auferstanden: Dr. Wolfgang Zöller, Inhaber eines Stuttgarter CAD-Büros (Computer aided design) und Lehrbeauftragter der Universität Stuttgart, hat mit Architekturstudenten die mythische Stadt im Computer wieder aufgebaut. Grundlage waren die Grabungsergebnisse der Troja-Forscher um den Tübinger Archäologen Prof. Manfred Korfmann. Dessen Assistenten legten eifrig mit Hand an den Computer und lieferten in vielen Gesprächen den wissenschaftlichen Hintergrund des Vorhabens. Denn sobald aus zweidimensionalen Grabungszeichnungen dreidimensionale Modelle im Computer entstehen, kommt zwangsläufig Interpretation ins Spiel – wie hoch die Mauern von Troja VI wirklich waren, kann kein Archäologe sagen, und ob die Mauer mit Zinnen gekrönt war oder nicht, weiß kein Ausgräber.
Die virtuelle Stadt ist ein Bestandteil der großen Troja-Ausstellung in Stuttgart, die dem Mythos Troja durch die Jahrhunderte bis heute nachspürt. Auf mehreren Monitoren kann der Besucher durch die trojanische Burg, Stadt und Landschaft „ wandeln”. Dabei werden ihm jeweils verschiedene Möglichkeiten der Realität angeboten: Die Mauer mit und ohne Zinnen, die Häuser aus Stein oder verputzt, die Stadt in der Morgen- oder Abendsonne oder aus der Luft gesehen. Wir bringen hier einige Beispiele dieser ersten Computer-Rekonstruktion von Troja. Korfmann-Assistent Peter Jablonka ist begeistert: „Die Zusammenarbeit mit Herrn Zöller schafft eine grundlegend neue Situation. CAD und Archäologie – das wollen wir in Zukunft kräftig ausbauen.” Auf alle Fälle wollen die Tübinger Troja-Forscher die Zöller-Modelle für ihre Arbeit nutzen. Ein weiterführendes, vom Bundesforschungsministerium finanziell gefördertes Programm will die Berliner Firma Art+Com auf schnellen Rechnern entwickeln: CAD-Archäologie in Echtzeit.
Michael Zick / Joachim Latacz




