von CHRISTIAN WOLF
Lange Zeit schien es vor allem eine Frage des Schicksals zu sein, ob jemand an stark belastenden Lebenssituationen wie einer schweren Krankheit oder einer gescheiterten Ehe zerbricht oder an der Herausforderung wächst. Forscher gingen schlicht davon aus, dass der eine eben resilient ist, also einen inneren Schutzschild gegen Stress und Krisen besitzt, und der andere nicht. Resilienz hielten sie für eine relativ fixe Persönlichkeitseigenschaft.
Heute weiß man, dass Hunderte von Gene darüber mitbestimmen, wie psychisch widerstandsfähig ein Mensch ist. Allerdings entfalten die Gene ihre Wirkung erst im Zusammenspiel mit der Umwelt, etwa dem sozialen Umfeld.
2014 verglich eine Studie von Forschern um die Psychiaterin Ananda Amstadter von der Virginia Commonwealth University in Richmond eineiige und zweieiige Zwillinge miteinander. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Erblichkeit von Resilienz 50 Prozent beträgt. Auch wenn die Zahl laut anderen Studien etwas variiert, ist klar: Ein massiver Teil der Unterschiede in der psychischen Widerstandskraft geht auf das Konto der Umwelt.
Förderlich für Resilienz ist etwa, wenn jemand in der Kindheit eine stabile und positiv emotionale Beziehung zu Bezugspersonen wie den Eltern hatte. Fehlte diese oder wurde jemand als Kind gar Opfer von traumatischen Erlebnissen, wiegt das doppelt: Das Erlebte kann zu psychischen Krankheiten wie Depressionen führen – und diese Zeit ist für die Entwicklung von Resilienz verloren.
Aber auch dann gilt: Wenn Resilienz keine stabile Persönlichkeitseigenschaft ist, sondern sich vielmehr dynamisch im Wechselspiel zwischen einem Menschen und seiner Umwelt entwickelt, lässt sich durch ein Training immer noch etwas für die Zukunft verändern.
Resilienzforscher richten ihr Augenmerk auf das Potenzial von Menschen und knüpfen Maßnahmen zur Stärkung daran an. Sie haben mittlerweile eine ganze Reihe von äußeren und inneren Resilienzfaktoren ausgemacht. Resiliente Menschen bewerten etwa herausfordernde Situationen tendenziell positiver als weniger resiliente Menschen. Sie betrachten sich als selbstwirksam, glauben also an ihre Möglichkeit und Fähigkeit, Herausforderungen in ihrem Sinne zu meistern. Deshalb nehmen sie etwa neue schwierige Aufgaben im Beruf als weniger bedrohlich wahr als andere. Wobei auch gilt, dass innerlich robuste Menschen grundsätzlich optimistischer sind.
Verschiedene Resilienzfaktoren entfalten ihre schützende Wirkung oft erst im Zusammenspiel. Das zeigt sich am Beispiel der sozialen Unterstützung, die ein Mensch von seinem Umfeld erhält. Ein gutes soziales Umfeld kann den inneren Schutzschild stärken. Je nachdem, wie man mit der Unterstützung durch Familie und Freunde mental umgeht, ist die Wirkung unterschiedlich. „Spricht man etwa mit einem Freund über eine Stresssituation, kann das dazu führen, dass sich durch die Rückmeldung die eigene Perspektive darauf positiv verändert“, sagt die Psychologin Michèle Wessa von der Universität Mainz.





