Das ist schon verrückt: Eine Kunst, die jahrhundertelang geheim war, eine Wissenschaft, die auf den reinsten und schönsten mathematischen Objekten, den Primzahlen, aufbaut, eine Vision, die davon träumt, grundlegende physikalische Prinzipien, nämlich Quantenphysik, einzusetzen, die steht plötzlich im Zentrum des öffentlichen Interesses. Eigentlich kein Wunder, wenn man weiß, daß viele High-Tech-Produkte von den Ergebnissen dieser Wissenschaft, der Kryptographie, abhängen: Keine Scheckkarte, kein Handy, keine Wegfahrsperre würde ohne sie sicher funktionieren. Und die Kryptographen bekommen leuchtende Augen, wenn sie daran denken, daß jeder Bezahlvorgang im Internet nur mit besten kryptographischen Verfahren realisierbar ist. Durch die Erfindung der Public-Key-Kryptographie in den siebziger Jahren wissen wir, daß Dinge möglich sind, an die man früher nicht einmal zu denken wagte: Jeder kann jedem eine verschlüsselte Nachricht schicken, ohne daß vorher ein geheimer Schlüssel ausgetauscht wurde – man braucht nur den sogenannten öffentlichen Schlüssel des Empfängers.
Unglaublich! Simon Singh, Autor des Bestsellers „Fermats letzter Satz”, erzählt in seinem neuen Buch die faszinierende Geschichte der geheimen Codes. Er tut dies mit Sachkenntnis, Augenmaß und Engagement. Dabei hat er mit vielen noch lebenden Akteuren gesprochen. Singh schafft eine meisterliche, unaufgeregte, aber nie langweilige Balance zwischen historischem Hintergrund, technischer Information und der Darstellung wichtiger Konzepte. Ein Höhepunkt seines Buches ist die „geheime Geschichte” der Public-Key-Kryptographie, die zum ersten Mal in einem Buch erzählt wird. In jüngster Zeit wurde nämlich bekannt, daß der englische Geheimdienst schon Anfang der siebziger Jahre das Prinzip der Public-Key-Kryptographie und den RSA-Algorithmus kannte – aber aufgrund der extremen Geheimhaltungsvorschriften kein Sterbenswörtchen davon veröffentlichen durfte. Es muß für die Erfinder James Ellis und Clifford Cocks furchtbar gewesen sein, zu be-obachten, wie die späteren Heroen der Public-Key-Kryptographie die ganze Aufmerksamkeit erfuhren, die eigentlich sie verdient hätten.
Kurz: Nicht nur ein Buch, in dem jeder das findet, was ihn interessiert, sondern ein Buch, in dem jeder auch das liest, von dem er gar nicht wußte, daß es ihn interessiert.
Albrecht Beutelspacher / Simon Singh





