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Tödliche Pestausbrüche schon vor 5500 Jahren
Archäologie

Tödliche Pestausbrüche schon vor 5500 Jahren

Dieser etwa elfjährige Junge war an der Pest erkrankt, wie Analysen der alten bakteriellen DNA enthüllen. · Foto: © Vladimiri Bazaliiskii

Schon vor rund 5500 Jahren erkrankten steinzeitliche Jäger und Sammler an der Pest. Das zeigen Analysen alter DNA aus Gräbern am Baikalsee in Sibirien. 18 von 46 der dort bestatteten Menschen starben offenbar an der Pest – in vielen Fällen waren es Kinder. Demnach war der Pesterreger bereits damals hochgradig virulent und wurde wahrscheinlich von Mensch zu Mensch übertragen.
Autor
Elena Bernard
17. Juni 2026
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Archäologie

Die Pest verbinden wir heute üblicherweise mit verheerenden Ausbrüchen im Mittelalter, als der Erreger in überfüllten Städten durch Flöhe und Kleiderläuse übertragen wurde und große Teile der Bevölkerung das Leben kostete. Doch die Geschichte der Pest reicht viel weiter in die Vergangenheit zurück. Unklar ist allerdings, seit wann der verantwortliche Erreger Yersinia pestis dazu in der Lage ist, schwere Erkrankungen bei Menschen auszulösen. Zumindest die Virulenzfaktoren, die zur Entstehung der Beulenpest führen, entwickelten sich Studien zufolge erst vor etwa 3.800 Jahren.

Übertragung von Mensch zu Mensch

Nun belegen Funde aus Ostsibirien, dass Menschen schon vor 5500 Jahren an der Pest erkrankten und starben. Ein Team um Ruairidh Macleod von der Universität Kopenhagen hat alte DNA aus menschlichen Überresten analysiert, die in Grabstätten in der Region des Baikalsees in Ostsibirien gefunden wurden. Dabei rekonstruierten die Forschenden auch uralte Bakteriengenome, die im Zahnzement der Verstorbenen erhalten geblieben waren. „Bei 18 von 46 Personen wiesen wir den Erreger Yersinia pestis nach“, berichtet das Team. Die Nachweisrate liegt damit höher als bei typischen mittelalterlichen Pestgräbern.

Viele der infizierten Personen sind den Analysen zufolge kurz nacheinander gestorben und wurden gemeinsam bestattet. „Durch die Rekonstruktion von Verwandtschaftsstammbäumen stellten wir fest, dass kleine Familiengruppen betroffen waren, was mit einer Übertragung der Krankheit von Mensch zu Mensch übereinstimmt“, so die Forschenden. „Die Infektionen scheinen zu einer akuten Sterblichkeit geführt zu haben, insbesondere bei Kindern im Alter von acht bis elf Jahren.“ Die gleichzeitigen Infektionen unter Verwandten, die anschließend gemeinsam bestattet wurden, eröffnen zudem einen Einblick in die soziale Dimension: Offenbar kümmerten sich die Menschen um ihre Kranken und Toten – und steckten sich dabei an.

Verheerende Wirkung durch ein Superantigen

Nähere Analysen des damals ursächlichen Peststamms ergaben, dass dieser zwar noch nicht die später bekannten Virulenzfaktoren trug, dafür aber ein zuvor unbekanntes Superantigen – also einen genetischen Faktor, der für die Produktion von Giftstoffen sorgt und überschießende Immunreaktionen ausgelöst haben könnte. Gerade bei Kindern könnte das zu Enztzündungen und tödlichen Komplikationen geführt haben.

„Diese Erkenntnis verändert unser Verständnis der frühesten Pestausbrüche“, sagt Macleods Kollege Martin Sikora. „Noch bevor das Bakterium eine effiziente Übertragung durch Flöhe entwickelt hatte, scheinen diese alten Stämme eine wirkungsvolle Kombination von Virulenzfaktoren in sich getragen zu haben, die eine Infektion hochgradig tödlich machen konnten.“

Die Forschenden gehen davon aus, dass die steinzeitliche Pest wahrscheinlich zoonotisch von wilden Murmeltieren auf die damaligen Jäger und Sammler übertragen wurde. Bis heute sind Murmeltiere in der Region rund um den Baikalsee ein wichtiges Reservoir des Pesterregers. Fossilien belegen, dass diese großen Nagetiere bereits damals von Menschen gejagt und verzehrt wurden.

Pest-Ausbrüche kamen nicht erst mit der Sesshaftigkeit

Der Nachweis dieses steinzeitlichen Pest-Ausbruchs zeigt zudem, dass es solche Epidemien auch schon vor der Ära der Sesshaftigkeit und Landwirtschaft gab. „Dass diese Ausbrüche in relativ kleinen, mobilen prähistorischen Jäger- und Sammlergruppen auftraten, unterstreicht, dass eine erhöhte Bevölkerungsdichte, die Domestizierung von Tieren und Lebensstiländerungen infolge des Übergangs zur Jungsteinzeit keine notwendigen Voraussetzungen für bedeutende zoonotische Ausbrüche sind“, schreiben Macleod und seine Kollegen.

Aus Sicht der Forschenden sind ihre Ergebnisse nicht nur historisch bedeutsam, sondern auch epidemiologisch. „75 Prozent der neuauftretenden menschlichen Krankheitserreger stammen von Tieren“, so das Team. „Einblicke in die Evolutionsgeschichte von Krankheitserregern über Zeiträume erheblicher demografischer und technologischer Veränderungen hinweg können Daten liefern, um die großen Herausforderungen, denen die Menschheit derzeit gegenübersteht in einen Kontext zu setzen –beispielsweise die durch den Klimawandel bedingte Störung ökologischer Nischen weltweit.“

Quelle: Ruairidh Macleod (Universität Kopenhagen, Dänemark) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-026-10540-5

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