Die Pest verbinden wir heute üblicherweise mit verheerenden Ausbrüchen im Mittelalter, als der Erreger in überfüllten Städten durch Flöhe und Kleiderläuse übertragen wurde und große Teile der Bevölkerung das Leben kostete. Doch die Geschichte der Pest reicht viel weiter in die Vergangenheit zurück. Unklar ist allerdings, seit wann der verantwortliche Erreger Yersinia pestis dazu in der Lage ist, schwere Erkrankungen bei Menschen auszulösen. Zumindest die Virulenzfaktoren, die zur Entstehung der Beulenpest führen, entwickelten sich Studien zufolge erst vor etwa 3.800 Jahren.
Übertragung von Mensch zu Mensch
Nun belegen Funde aus Ostsibirien, dass Menschen schon vor 5500 Jahren an der Pest erkrankten und starben. Ein Team um Ruairidh Macleod von der Universität Kopenhagen hat alte DNA aus menschlichen Überresten analysiert, die in Grabstätten in der Region des Baikalsees in Ostsibirien gefunden wurden. Dabei rekonstruierten die Forschenden auch uralte Bakteriengenome, die im Zahnzement der Verstorbenen erhalten geblieben waren. „Bei 18 von 46 Personen wiesen wir den Erreger Yersinia pestis nach“, berichtet das Team. Die Nachweisrate liegt damit höher als bei typischen mittelalterlichen Pestgräbern.
Viele der infizierten Personen sind den Analysen zufolge kurz nacheinander gestorben und wurden gemeinsam bestattet. „Durch die Rekonstruktion von Verwandtschaftsstammbäumen stellten wir fest, dass kleine Familiengruppen betroffen waren, was mit einer Übertragung der Krankheit von Mensch zu Mensch übereinstimmt“, so die Forschenden. „Die Infektionen scheinen zu einer akuten Sterblichkeit geführt zu haben, insbesondere bei Kindern im Alter von acht bis elf Jahren.“ Die gleichzeitigen Infektionen unter Verwandten, die anschließend gemeinsam bestattet wurden, eröffnen zudem einen Einblick in die soziale Dimension: Offenbar kümmerten sich die Menschen um ihre Kranken und Toten – und steckten sich dabei an.
Verheerende Wirkung durch ein Superantigen
Nähere Analysen des damals ursächlichen Peststamms ergaben, dass dieser zwar noch nicht die später bekannten Virulenzfaktoren trug, dafür aber ein zuvor unbekanntes Superantigen – also einen genetischen Faktor, der für die Produktion von Giftstoffen sorgt und überschießende Immunreaktionen ausgelöst haben könnte. Gerade bei Kindern könnte das zu Enztzündungen und tödlichen Komplikationen geführt haben.
„Diese Erkenntnis verändert unser Verständnis der frühesten Pestausbrüche“, sagt Macleods Kollege Martin Sikora. „Noch bevor das Bakterium eine effiziente Übertragung durch Flöhe entwickelt hatte, scheinen diese alten Stämme eine wirkungsvolle Kombination von Virulenzfaktoren in sich getragen zu haben, die eine Infektion hochgradig tödlich machen konnten.“





