In ganz New York und auf Long Island ist heute nachmittag mit windigem Schauerwetter zu rechnen. Das Regenrisiko liegt bei 80 Prozent.” Für die Menschen in den USA und in vielen anderen Ländern ist die Angabe von Wahrscheinlichkeiten im Wetterbericht seit Jahrzehnten Normalität. Erstaunlich: Auch der Meteorologische Dienst der ehemaligen DDR orientierte sich schon Ende der siebziger Jahre am Vorbild der Amerikaner und veröffentlichte Wahrscheinlichkeitsprognosen für Regen, Schnee, Glatteis oder Nebel.
Bei der gesamtdeutschen Wettervorhersage sind harte Prozentzahlen dagegen eine Rarität. Meist müssen sich die am Wetter Interessierten aus verbalen Umschreibungen wie “überwiegend heiter” oder “strichweise Regen” ihren Reim auf das zu erwartende Wetter der nächsten Stunden oder Tage machen. Für Konrad Balzer, der beim Deutschen Wetterdienst in Potsdam über die Qualität der Wetterprognosen wacht, ist das in erster Linie eine Frage der Mentalität: “Die meisten Deutschen erwarten Ja- oder Nein-Aussagen.” Mit Wahrscheinlichkeiten dagegen könne man hierzulande nicht gut umgehen.
Dabei hätten Prozentangaben Vorteile. Mit Wahrscheinlichkeitswerten seien die Prognosen einfacher zu begreifen, glaubt Konrad Balzer. Bei einem Regenrisiko von 80 Prozent sei die Gefahr, naß zu werden, eben größer als bei 30 Prozent.
“Für jemanden, der vom Wetter verursachte Schäden so gering wie möglich halten muß, sind Wahrscheinlichkeitsvorhersagen unverzichtbar”, sagt Balzer. So lohne es sich beispielsweise für eine Spedition, auf das Ausladen feuchteempfindlicher Waren zu verzichten, falls das angekündigte Regenrisiko zu hoch ist. Der Spediteur muß lediglich die Kosten durch die entstehende Wartezeit zu den Kosten durch eine Beschädigung der Waren bei einem Regenguß ins Verhältnis setzen und mit den Prozentzahlen der Wettervorhersage vergleichen.
Um zur Angabe einer Regenwahrscheinlichkeit zu gelangen, vertrauen die Meteorologen entweder auf ihre subjektive Einschätzung oder auf eine Kombination von Prognosemodellen und statistischen Methoden. Seit einiger Zeit nutzen die Wetterforscher auch Ensemblevorhersagen, bei denen die Entwicklung des Wetters mehrmals mit jeweils leicht unterschiedlichen Ausgangsbedingungen berechnet wird. Sagen beispielsweise 80 von 100 dieser Berechnungen für ein Gebiet Regen voraus, so beträgt das Regenrisiko dort 80 Prozent.
Manchmal kommt es auch bei der Angabe von Niederschlagswahrscheinlichkeiten zu Mißverständnissen, gibt Prof. Klaus Fraedrich vom Meteorologischen Institut der Universität Hamburg zu. So bedeutet etwa ein Regenrisiko von 25 Prozent für die kommenden zwölf Stunden nicht, daß ein Fünftel der Fläche des Vorhersagegebietes naß wird oder daß es drei von zwölf Stunden regnet. Gemeint ist, daß es während der angegebenen Zeit mit einer Chance von eins zu drei regnen wird – egal wie lange und wie heftig. Das sollten klare Formulierungen in jeder Wahrscheinlichkeitsprognose deutlich machen, fordert Fraedrich.
Wetterrekorde…
335 km/h betrug die höchste Windgeschwindigkeit in Deutschland, gemessen am 12. Juni 1985 auf der Zugspitze
416 km/h betrug die höchste Windgeschwindigkeit weltweit, gemessen am 12. April 1934 auf dem Mount Washington, USA
Daß Prozentangaben keine Garantie für eine gute Vorhersage sind, zeige das Beispiel USA, sagt Gerhard Lux vom DWD: “Dort sind die Vorhersagen vergleichsweise schlecht.” Einen – wenn auch eher subjektiven – Vorteil haben die Prozentangaben: Sie sorgen für Transparenz und Ehrlichkeit: “Die unvermeidliche Unsicherheit in jeder Vorhersage wird auf diese Weise mit angegeben”, sagt Fraedrich.
Tatsächlich gehört Selbstkritik nicht gerade zu den Tugenden der Fernsehanstalten. “Viele verleihen ihrer Wettervorhersage einen Verlautbarungscharakter – für Fehler ist kein Platz”, gesteht Gerhard Lux vom DWD. Anders sehe es im Radio aus: Da müßten die Meteorologen beim Telefoninterview schon mal beichten, daß die Vorhersage gestern daneben lag.
Prognosen über mehrere Tage hinweg sind sowieso mit Vorsicht zu genießen und sollten auch entsprechend präsentiert werden. Während die Vorhersage für den nächsten Tag noch mit über 90 Prozent eintrifft, sinkt die Verläßlichkeit nach fünf Tagen auf 65 Prozent – nur wenig mehr, als man mit Kaffeesatzlesen erzielen würde.
Fazit: Eine falsche Wettervorhersage ist keine Schande – wenn man dazu steht.
Ein offenerer Umgang mit Fehlern und das Ansprechen von Schwierigkeiten in der Meteorologie würde Wettervorhersagen glaubwürdiger machen.
Ralf Butscher / Bernd Müller / Daniel Münter / Raymund Windolf




