Soziales Verhalten gegenüber Mitmenschen sorgt dafür, dass menschliche Gesellschaften funktionieren und allen Beteiligten nützen. Wie großzügig und hilfsbereit der Einzelne ist, hängt jedoch von vielen verschiedenen Faktoren ab und schwankt beträchtlich. Bereits frühere Studien haben Hinweise darauf geliefert, dass Geschlechtshormone wie Testosteron dabei eine Rolle spielen. Im Gehirn geht die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und Rücksicht zu nehmen, mit einer Aktivierung der sogenannten temporoparietalen Verbindung einher, dem Übergangsbereich zwischen Scheitel- und Schläfenlappen.
Soziale Beziehung spielt eine Rolle
Ein Team um Jianxin Ou von der Shenzhen University in China hat nun den Einfluss von Testosteron auf Verhalten und Gehirnaktivität mit einem kombinierten Ansatz untersucht. Dazu ließen sie 67 junge Männer Entscheidungsaufgaben lösen, bei denen sie einen bestimmten Geldbetrag entweder komplett für sich behalten oder mit einer mehr oder weniger nahestehenden Person teilen konnten. Währenddessen beobachteten die Forscher die Hirnaktivität der Probanden im funktionellen MRT. Bei einem Teil der Probanden hatten Ou und Kollegen zuvor den Testosteronspiegel erhöht, indem sie ihnen ein testosteronhaltiges Gel auf Arme und Schultern strichen. Eine Vergleichsgruppe erhielt stattdessen ein Gel ohne Wirkstoff. Weder die Forscher noch die Probanden wussten während der Durchführung, wer welches Gel bekommen hatte.
„Wir haben festgestellt, dass Testosteron zu egoistischeren Entscheidungen führt, insbesondere wenn es um Personen geht, zu denen der Proband keine enge Beziehung hat“, berichten die Forscher. Bei sehr nahestehenden Personen wie Eltern, Geschwistern oder Lebenspartnern entschieden sich Probanden aus beiden Gruppen häufig zum Teilen, wobei sich die Teilnehmer unter erhöhtem Testosteroneinfluss geringfügig weniger großzügig zeigten. Ein deutlicher Unterschied zeigte sich hingegen bei weniger engen Kontakten, etwa Freunden, flüchtigen Bekannten oder Fremden. Hier waren die Probanden, die das Testosterongel erhalten hatten, deutlich weniger bereit, auf eigenen Gewinn zu verzichten, damit der andere auch etwas bekam – selbst wenn die ausgezahlte Gesamtsumme in diesem Fall höher gewesen wäre.
Hirnbereiche für Altruismus weniger aktiv
Die MRT-Scans verrieten den Forschern, was während dieser Entscheidungen im Gehirn der Probanden vor sich ging. Bei Personen, die das Placebogel erhalten hatten, zeigte sich während großzügiger Entscheidungen eine deutliche Aktivierung der temporoparietalen Verbindung im Gehirn. „Diese Hirnregion wird aktiviert, wenn wir uns in andere hineinversetzen“, erläutern die Forscher. „Sie spielt eine entscheidende Rolle bei der Perspektivübernahme, bei moralischen Urteilen und bei der Verortung des eigenen Ichs im Verhältnis zu anderen.“





