Vor drei Jahren waren sich die Marktforscher der International Data Corporation (IDC) sicher: Mehr als jeder zweite Bildschirm auf Bürotischen würde 2001 flach sein. Doch die Revolution der augenfreundlichen Flüssigkristall-Displays (englisch: Liquid Cristal Displays, LCDs) läßt weiter auf sich warten. Noch immer beherrschen die dicken Röhrenbildschirme mit einem Anteil von 85 Prozent klar den Markt. LCD-Monitore werden bislang vor allem zu repräsentativen Zwecken eingesetzt: in Arztpraxen, im Eingangsbereich von Firmen, in Rechtsanwalts-Kanzleien. Doch das soll sich jetzt ändern: Für knapp 1000 Mark dürfte ein 15 Zoll großer Flachbildschirm bald zu haben sein, sagen Marktkenner voraus – der rechte Preis für den Massenmarkt. Der Grund für den Preissturz ist ein Überschuß an Flüssigkristall-Folien, den „ LCD-Panelen”. In Taiwan schießen die Panel-Hersteller wie Pilze aus dem Boden. Die Produktionskapazitäten übersteigen die Nachfrage im Markt, vermuten die Forscher von DisplaySearch aus den USA. Sie erwarten Rekord-Tiefpreise schon Mitte des Jahres.
Auch die Hüllhorster Wortmann AG läßt ihre Bildschirme in Taiwan produzieren. „Wir machen nur die Vorgaben, insbesondere in Hinsicht auf das Design und die Qualität – unsere Subunternehmer produzieren”, sagt Michael Schulte, verantwortlicher Produktmanager bei Wortmann. Für 1500 Mark ist derzeit der billig-ste 15-Zoll-LCD-Bildschirm aus der Magic-Reihe zu haben. „ Wir beobachten den Markt: Momentan ist dieser Preis das Ende der Fahnenstange”, sagt Schulte. Wortmann möchte sich „nicht um jeden Preis in den harten Verdrängungswettbewerb begeben”. Schließlich sind die Hauptkunden des Unternehmens immer noch Geschäftsleute, keine Privatnutzer. Der Trend sieht anders aus: Wie die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg beobachtete, verlagert sich die Nachfrage zunehmend auf den „Consumer” -Bereich, also die Frau und den Mann auf der Straße. Ihr Anteil verdoppelte sich von 8 Prozent im Jahr 1999 auf 16 Prozent im Jahr 2000. Das gesamte Marktvolumen lag Ende letzten Jahres nach GfK-Angaben bei knapp einer Milliarde Mark – das ist fast zehnmal mehr als vor zwei Jahren.
Die Technik, die die Grundlage für diesen Riesenmarkt liefert, heißt TFT (von „Thin Film Transistor”). „Die Funktion von Flüssigkristallen ist zwar schon seit über 80 Jahren bekannt, doch bis in die neunziger Jahre hinein konnte niemand das verwerten”, sagt Horst Strobender. Der Elektronik-Techniker arbeitet seit 14 Jahren im Monitor-Bereich – sechs Jahre für Hitachi und nun seit acht Jahren für den koreanischen TFT-Monitor- und Panel-Hersteller Samsung. Flüssigkristalle sind weder fest noch flüssig. Die Zwischenstadien, insbesondere die sogenannte nematische Phase, werden für die Darstellung von Bildern genutzt. Dazu werden die Kristalle von Transistoren angesteuert, die als dünner Film auf der Kristallschicht liegen. Fast alle Flachbildschirme arbeiten heute auf TFT-Basis. Vorteil: LCD-Bildschirme strahlen und flimmern nicht, verbrauchen nur halb so viel Energie wie Röhrenmonitore und ermöglichen ein schärferes Bild. TFT-Bildschirme finden sich fast überall – ein paar Zoll groß in Handys und Navigationsanzeigen im Auto, mit knapp 10 Zoll etwas größer in digitalen Notizbüchern (PDAs), mit 11 bis 14 Zoll in Laptops und schließlich im „Stand alone”-Bildschirm in der Größe von 15 bis 24 Zoll.
„Einen Nachteil haben aber alle Flachbildschirme”, betont Horst Strobender: „Bewegte Bilder ziehen eine Mausspur auf den Bildschirm.” Videos, Spiele oder Animationen auf dem Computer sind in der Regel nicht in der Qualität eines herkömmlichen Kathodenstrahl-Bildschirms möglich. Deshalb, prophezeit Strobender, werden LCD-Monitore die Röhrenbildschirme nie ganz verdrängen. Und noch ein Wermutstropfen: Wer in einem sehr schrägen Winkel auf den Bildschirm schaut, bekommt nichts zu sehen. Deshalb wurden spezielle Techniken entwickelt, die den Betrachtungswinkel aufklappen und den Unterschied zwischen Röhre und TFT vertuschen. Für Displays, die nicht größer als 15 Zoll sind, werden in der Regel winzige Linsen als „Retarderschicht” in das Bildschirmglas implantiert. Sie öffnen den Betrachtungswinkel von 90 Grad auf etwa 120 Grad. Durch verschiedene – allerdings recht kostspielige – Tricks läßt sich der Winkel auf 170 Grad vergrößern. Diese Techniken – „In-Plane-Switching” (IPS) und „ Multi-Vertical-Alignment” (MVA) – werden hauptsächlich in größeren Bildschirmen (ab 17 Zoll) eingesetzt. In kleinen Bildschirmen und in Laptops hat der Einsatz von MVA oder IPS nach Ansicht von Horst Strobender keinen Sinn: „Das ist etwa so, als ob ein Auto für den Stadtverkehr mit 10000 PS ausgestattet würde.” Nur NEC macht eine Ausnahme und setzt IPS als „Super TFT” auch in Laptops ein.
Bis 2005, schätzt Alexander Klein von NEC Mitsubishi Electronics in München, dem weltweit größten Monitor-Hersteller, werde der Anteil von Flachbildschirmen am Monitor-Markt auf etwa 50 Prozent steigen. Diese Marke haben die Japaner schon heute überschritten. Der Grund: Flachbildschirme sparen Platz, und der ist in Japan ein kostbareres Gut als in Europa, wo erst jeder Zehnte einen Flachmonitor auf dem Tisch stehen hat. Der Preissturz findet auch im Hause NEC-Mitsubishi statt. Allein zwischen Oktober 2000 und Februar dieses Jahres purzelten die Preise um rund ein Viertel – in den Vorjahren schrumpften sie um gerade einmal zehn Prozent jährlich. Für Schnäppchenjäger bieten sich also nun günstige Gelegenheiten zum Einkauf.
Andreas Schmitz




