Meine Grosstante Rosalinde ist fast 90 Jahre alt, sehr gebrechlich und sitzt im Rollstuhl. Aber ihr Verstand ist noch immer messerscharf, und ihre Zunge ist spitz wie eh und je. Als wir sie das letzte Mal besuchten, fragte meine Tochter sie: „ Tante Rosalinde, warum hast du eigentlich keinen Mann?” – „Pst! So etwas fragt man nicht. Das ist unhöflich”, tadelte meine Frau sie. „Nun lass’ das Kind doch fragen. Es ist besser, unhöflich zu sein, als unwissend zu bleiben”, sagte Tante Rosalinde. „Wenn du mir eine Tasse Tee machst, Inga, verrate ich dir, warum ich nie geheiratet habe.” Als der Tee fertig war und Tante Rosalinde den ersten Schluck genommen hatte, begann sie zu erzählen: „Ich bin in Schlesien geboren und aufgewachsen. Dort lernte ich auch Ferdinand kennen. Dann brach der Krieg aus, und Ferdinand musste an die Front. Aber vorher verlobten wir uns noch. Ferdinand hatte Glück und überlebte den Krieg. Doch kurz bevor wir heiraten konnten, wurden wir aus Schlesien vertrieben und gelangten nach langer Irrfahrt ins Emsland. Wir hausten in Baracken, und Ferdinand fand keine Arbeit. Eines Tages sagte er zu mir: ‚Ich wandere nach Australien aus. Und wenn ich dort Arbeit und eine Wohnung gefunden und etwas Geld gespart habe, komme ich zurück und hole dich.‘ Die Reise von Bremerhaven aus mit dem Schiff sollte am 1. Juli 1947 beginnen. Wir saßen am Vorabend noch lange zusammen, und der Abschied fiel uns sehr schwer. Kurz vor Mitternacht gab mir Ferdinand ein kleines Päckchen. ‚Mach es auf‘ , sagte er. Es enthielt eine Armbanduhr. Sie war zwar nicht neu, aber sehr hübsch. Im Ziffernblatt war neben der 3 ein winziges Fensterchen eingelassen, in dem die Tageszahl 30 zu sehen war. ‚ In einer Minute ist Mitternacht, und der 1. Juli beginnt‘, erklärte Ferdinand. ‚Auf der Uhr wird aber eine 31 zu sehen sein, denn sie zählt die Tage eines Monats immer von 1 bis 31. Damit die Anzeige korrekt bleibt, müsstest du sie um Mitternacht um einen Tag vorstellen.‘ Ich wollte gerade die Krone der Uhr herausziehen, um die Zeiger zu verdrehen, als Ferdinand sagte: ‚ Halt! Wenn du das Datum nie korrigierst und nie vergisst, die Uhr aufzuziehen, dann werde ich spätestens dann aus Australien zurück sein, wenn die Uhr zum ersten Mal wieder eine korrekte Tageszahl anzeigt.‘” Tante Rosalinde unterbrach sich und nahm einen Schluck Tee. „War denn dein Ferdinand pünktlich zurück?”, fragte Inga. Tante Rosalinde seufzte. „Zu Anfang schrieb er mir jede Woche einen Brief, dann nur noch einmal im Monat und dann irgendwann gar nicht mehr. Schließlich kam der Tag, an dem meine Armbanduhr in dem Fensterchen auf dem Ziffernblatt die richtige Tageszahl zeigte. Obwohl ich wenig Hoffnung hatte, dass Ferdinand vor meiner Tür stehen würde, hatte ich mein schönstes Kleid angezogen. Aber er kam natürlich nicht, und ich habe nie wieder etwas vom ihm gehört. Da ich Ferdinand nicht bekommen konnte und einen anderen Mann nicht wollte, habe ich nie geheiratet.” „Wann hätte Ferdinand denn zurückkommen wollen?”, fragte Inga. „Das, mein Kind”, sagte Tante Rosalinde, „kannst du dir doch leicht selbst überlegen.” – Kennen Sie das Datum?
So machen Sie diesen Monat mit
Teilnehmen kann jeder, außer den Mitarbeitern des Verlags und deren Angehörigen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Schicken Sie bitte Ihre Lösung (ausschließlich!) auf einer Postkarte bis zum 30. September 2012 an:
bild der wissenschaft, Kennwort „Cogito 09|12″
Ernst-Mey-Str. 8, 70771 Leinfelden-Echterdingen
Die Lösung und die Namen der Gewinner werden im Dezember-Heft 2012 auf der Leserbrief-Seite veröffentlicht.
Das gibt es zu gewinnen
Unter den Einsendern der richtigen Lösung werden fünf Bücher ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Buchpreis ist „Die Palasträtsel” von Heinrich Hemme, unserem langjährigen Cogito-Autor. Der Mathematik-Professor an der Fachhochschule Aachen stellt die älteste bekannte Sammlung unterhaltsamer mathematischer Rätsel vor. Schon Ende des 8. Jahrhunderts hat der englische Gelehrte Alkuin von York, ein Berater am Hof Karls des Großen, die über 50 „Aufgaben zur Schärfung des Geistes der Jugend” zusammengetragen. Heinrich Hemme, der sie neu übersetzt hat, beschreibt ihren historischen Hintergrund und nennt zahlreiche Varianten, Erweiterungen und ausführliche Lösungen. „ Besser als Reben zu pflanzen ist es, Bücher zu schreiben. Denn jenes dient nur dem Bauch, dieses aber der Seele”, schrieb Alkunin. Mehr Informationen finden Sie unter: www.anacondaverlag.de





