Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir! Also hinein ins volle G8, inklusive allem, was eine künftige Karriere so mit sich bringt. Nämlich Zeit- und Konkurrenzdruck, Überstunden, Stress ohne Ende. Schon für Pennäler gilt hier das Survival of the Fittest. Wer nicht mithalten kann, fliegt raus. Erste Anflüge von Burnout werden billigend als Vorgeschmack aufs wahre Berufsleben in Kauf genommen. Musik, Kunst, Sport, Freizeit, Persönlichkeitsentwicklung, Kreativität, echte Bildung gar? Überflüssiger Luxus, meinen Wirtschaftsfunktionäre und Kulturbürokraten. Am Zieleinlauf des achtjährigen Gymnasialmarathons stehen das Turbo-Abi, früher noch zutreffend als Reifezeugnis bezeichnet, und der nächste Schritt auf dem Weg zum perfekten Humanmaterial: Der Bachelor. Dieser wird innerhalb von drei bis vier Jahren an einer sogenannten Universität produziert, die dank Bologna-Reform von einer Lehr- und Forschungsstätte zu einer Art Berufsschule mutiert. Zu deren vornehmsten Zielen zählt nunmehr die „Employability”, also die bestmögliche Anpassungsfähigkeit des Zöglings an die Ansprüche der Wirtschaft .
Auf der Strecke bleiben die ernsthafte und kritische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Inhalten sowie jegliche Art von Freiheit, Höher-bildung und Horizonterweiterung. Dafür klagt laut einer Umfrage des Hochschul-Informations-Systems HIS fast jeder zweite künftige Absolvent über Erschöpfung und Überforderung, kaum weniger über psychosomatische Beschwerden und mehr als 40 Prozent leiden unter Angstzuständen.
Am Ende des durchgängig optimierten Lernprozesses steht der fertige Bachelor, noch blutjunge 21 Jahre alt, und wundert sich. Darüber, dass ihn weder Wirtschaft („zu jung, zu unerfahren”) noch Staat („keine Befähigung für die höhere Laufbahn”) besonders ernst nehmen, geschweige denn der schöne neue Titel auch nur einen Hauch wissenschaftlicher Strahlkraft verströmt. Kein Wunder, dass die Mehrzahl (laut Allensbach 61 Prozent) der Bachelor-Absolventen einen anschließenden Master- Studiengang anstrebt. Freilich geht hier ohne exzellente Bachelor-Noten und/oder meisterliche Gelenkigkeit bei der Wahl des Studienorts vor allem in Fächern wie BWL oder Psychologie gar nichts. Das liegt nicht jedem.
Aber der Widerstand gegen diese Zustände wächst zusehends und zeigt Wirkung. Elterninitiativen und Pädagogen rebellieren in ganz Westdeutschland gegen das achtjährige Gymnasium. In Baden-Württemberg läuft ein Modellversuch mit 44 Schulen, die einen G9-Zug anbieten, weitere dürften folgen. Auch Schleswig-Holstein und Hessen offerieren eine entsprechende Option. Niedersachsen beerdigt das Turbo-Abitur nächstes Jahr. In Hamburg und Bayern streben G8-Gegner derzeit einen Volksentscheid an.
Und Bologna? Hat Ruh. Die Professorenschaft hat sich resignierend mit der Reform und ihrer Praxis abgefunden, der „ absurden Perversion der Universitätsidee”, wie sie der Hamburger Universitätspräsident Dieter Lenzen in seiner Streitschrift „ Bildung statt Bologna” charakterisiert. Die Studenten fragt ohnehin keiner.




