Das Arsenal der Mediziner gegen Prostata-Krebs hat sich um eine neue Waffengattung erweitert: radioaktive Stifte, sogenannte Seeds. Sie werden direkt in das kranke Gewebe injiziert und veröden den Tumor. Das Verfahren ist wesentlich schonender als die schwierige Entfernung der Prostata und für die Patienten mit weniger Aufwand verbunden als die langwierige herkömmliche Bestrahlung von außen. Für Männer ist der Krebs der Vorsteherdrüse die zweitgefährlichste Tumorerkrankung nach dem Lungenkrebs. Das Risiko irgendwann daran zu erkranken, liegt für einen Jungen heute bei etwa 10 Prozent. In der Regel greifen die Ärzte bislang zum Skalpell, um die befallene Prostata zu entfernen. Doch die Operation ist nicht einfach: Die Harnröhre muß durchtrennt werden. In ihrer Nachbarschaft verlaufen Blutgefäße und Nervenfasern, die den Schwellkörper des Penis versorgen. Nicht immer lassen sich hier Operationsschäden vermeiden. Je nach Tumor, chirurgischer Methode und vor allem der Erfahrung des Arztes leiden 24 bis 89 Prozent der Patienten anschließend an Impotenz und 5 bis 47 Prozent an Harninkontinenz. In den letzten Jahren sind die Nebenwirkungen zwar deutlich zurückgegangen, aber dennoch suchen die Mediziner stets nach besseren Therapien.
Ein Ergebnis ist die Seed-Implantation. Bereits in den siebziger Jahren hatten US-amerikanische Ärzte erste Versuche unternommen, doch die Erfolge waren bescheiden. Erst mit der Entwicklung leistungsfähiger Ultraschallgeräte, die es erlauben, die Prostata während der Operation ständig unter Kontrolle zu haben, war es möglich, die Seeds präzise zu plazieren. Und nur eine gleichmäßige Verteilung sichert eine ausreichend hohe Strahlendosis in allen Teilen des Tumors. Über Hohlnadeln wird die Prostata mit etwa 80 bis 100 solcher Stifte regelrecht gespickt. Der Zugang erfolgt dabei in Vollnarkose über den Damm, die Gewebebrücke zwischen After und Hodensack. Die Seeds bestehen entweder aus ummanteltem radioaktivem Jod-125 (Halbwertszeit: 59 Tage) oder Palladium-103 (Halbwertszeit: 17 Tage). Sie haben einen Durchmesser von 0,8 Millimetern und sind etwa 4,5 Millimeter lang. Die Stifte spürt der Patient nicht. Sie müssen nach Abklingen der Strahlung nicht wieder entfernt werden.
Die Position der Seeds berechnen die Radiologen so, daß die Strahlung das umliegende Gewebe so wenig wie möglich schädigt. „ Auch für die Umgebung des Patienten besteht keine Gefahr”, sagt Prof. Wolfgang Hinkelbein, Strahlentherapeut am Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Berlin. Noch ist aber offen, ob die Seeds-Methode tatsächlich die Erfolgsquoten einer operativen Entfernung erreicht. „Es gibt zwar mehrere Studien, die dies zu belegen scheinen, aber für endgültige Schlüsse ist die Zahl der einbezogenen Patienten noch zu klein”, meint Hinkelbein. Außerdem sei es unklar, ob langfristig weniger Patienten an Impotenz oder anderen Nebenwirkungen zu leiden hätten. Der Berliner Radiologe sieht das Haupteinsatzgebiet der Seed-Implantation vor allem bei Patienten, die älter als 60 Jahre sind und deren Tumor in einem frühen Stadium entdeckt wird. Hinkelbein: „Für jüngere ist eine Operation noch die sicherere Alternative. Denn nur für diese Methode ist derzeit eine Tumorfreiheit über mehrere Jahrzehnte belegt.” bdw-Community Internet
Deutsche Prostatakrebshilfe
www.prostatakrebse.de
Patienten fragen – Experten antworten
www.prostata.de/
patienten-fragen.phtml
Bundesarbeitsgemeinschaft Prostatakrebs Selbsthilfe e.V.
www.prostatakrebs-bps.de
LESEN
Rolf Harzmann, Andrea Grüber
DIAGNOSE PROSTATAKREBS
Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige
Verlag im Kilian 2000, DM 26,00
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Prof. Wolfgang Hinkelbein
Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie
Universitätsklinikum Benjamin Franklin
Hindenburgdamm 30
12 200 Berlin
Ulrich Fricke




