bdw: Was ist das Besondere an der Carl-Zeiss-Stiftung und der Carl Zeiss AG, Herr Dr. Kurz?
KURZ: Qualitätsprobleme bei der Herstellung von Mikroskopen kamen Carl Zeiss Mitte des 19. Jahrhunderts so teuer, dass er fast bankrott gegangen wäre. Er hat deshalb Berater gesucht und ist an den Theoretischen Physiker Ernst Abbe geraten, der in genialer Weise die Probleme löste. Abbe war es auch, der als Teilhaber von Carl Zeiss das Unternehmen auf eine wirtschaftlich gesunde Basis stellte, später Zeiss-Sohn Roderich die Anteile abkaufte und 1889 die Carl-Zeiss-Stiftung ins Leben rief. Wichtige Ziele der Carl-Zeiss-Stiftung waren und sind: Zukunftssicherung des Unternehmens – unabhängig von Partikularinteressen, Re-Invest der Gewinne bei gleichzeitig hoher sozialer Verantwortung. Abbe sah allerdings auch vor, das Stiftungsstatut den ökonomischen, rechtlichen oder technischen Veränderungen von Rahmenbedingungen anzupassen. Das wurde in der Vergangenheit mehrmals vorgenommen. Deswegen kam es 2004 zu einer großen Reform des Abbe’schen Statuts.
bdw: Was heißt das konkret?
KURZ: Die Carl-Zeiss-Stiftung als Eigentümerin der beiden Unternehmen Carl Zeiss und Schott und die Rechtsform der beiden Unternehmen mussten den modernen Gegebenheiten angepasst werden, um die Aufgabe der Stiftung und die Führung der Unternehmen präzise zu fassen. Als Unternehmen sind wir heute eine AG. Alle Aktien werden von der Stiftung gehalten. Der Vorteil dieser Konstruktion bleibt, dass sich die Stiftung langfristig orientiert. Die Carl Zeiss AG hat damit weder die Not, von fremden Aktionären kurzfristig im Geschäft beeinflusst zu werden, noch die Verpflichtung, die Entwicklung im Quartalsrhythmus veröffentlichen zu müssen. Dessen ungeachtet sieht das Stiftungsstatut vor, den Unternehmenswert langfristig und nachhaltig zu steigern.
bdw: Die Stiftungsstruktur scheint die Innovationskraft geradezu zu beflügeln.
KURZ: In der Tat unterscheiden wir uns von der Konkurrenz durch eine hohe Innovationskraft. Wir wollen mit besserer Qualität, mehr Leistung oder zumindest früher als Wettbewerber am Markt sein. So dreht sich in der Halbleitertechnik alles darum, sechs oder wenigstens drei Monate vor Wettbewerbern neue Produktgenerationen auf den Markt zu bringen.
bdw: Mit welchen Mitteln fördert die Carl Zeiss AG das Innovationsklima?
KURZ: Wir geben zehn Prozent des Umsatzes für Forschung und Entwicklung (F&E) aus. Es gibt nicht viele vergleichbare Unternehmen, die in dieser Größenordnung liegen. Dabei ist das nur unser Durchschnittswert. Bei den Lithographie-Systemen, die zur Herstellung von Mikrochips nötig sind, betragen die F&E-Ausgaben bis zu 15 Prozent vom Umsatz.
bdw: Wie finden Sie die Leute, die ganz vorne am wissenschaftlichen Fortschritt mitarbeiten?
KURZ: Durch ein Bündel von Aktivitäten. Einmal ist unsere Marke so stark, dass wir für Naturwissenschaftler und Ingenieure eine sehr gute Anlaufadresse sind. Auch über die Schiene unserer weltweit rund 400 Kooperationen mit anderen Forschungs- und Technologiezentren kommen Leute zu uns. Weiterhin werden Mitarbeiter bei unseren Kunden – etwa den Max-Planck- oder Fraunhofer-Instituten – auf uns aufmerksam. Neuerdings präsentieren wir uns auch an Hochschulen als Arbeitgeber. Insgesamt gesehen haben wir keine Probleme, geeignete Mitarbeiter zu finden.
bdw: Wie viele Hochschulabsolventen stellen Sie pro Jahr ein?
KURZ: In Deutschland sind das zwischen 100 und 150 Naturwissenschaftler und Ingenieure. Wenn die Nachfrage nach Lithographie-Systemen boomte, waren es auch schon bis zu 300.
bdw: Wer bei Carl Zeiss beginnt, bleibt dabei?
KURZ: Das ist sehr häufig so. Ein wesentlicher Grund ist die Größe der Geschäfte. Die Mitarbeiter können ihren eigenen Beitrag zum Geschäft rasch erkennen. Durch die Internationalität unserer Geschäftsfelder können sie sich auch rasch in globale Netzwerke integrieren, was ebenfalls eine hohe Motivation erzeugt.
bdw: In den USA sorgt ein weit verbreitetes Mäzenatentum dafür, dass wissenschaftliche Einrichtungen Spitzenforschung betreiben können. Ist das ein Vorbild für Deutschland?
KURZ: Lange Zeit herrschte bei uns die Auffassung: Wir bezahlen Steuern, und dies nicht zu knapp. Deshalb sollen Wissenschaft und Forschung auch vom Staat finanziert werden. Langsam macht sich die Erkenntnis breit, dass der Staat das allein gar nicht mehr richten kann, weil er mit Gesundheitsreformen und weiteren Veränderungen im Sozialsystem bereits überfordert ist. Deshalb fällt Stiftungen zunehmende Verantwortung zu. Sie bewegen heute schon eine ganze Menge, etwa durch Stipendien und Stiftungsprofessuren.
bdw: Was bewegt die Carl-Zeiss-Stiftung?
KURZ: Die Carl-Zeiss-Stiftung hat vor fünf Jahren die erste Stiftungsprofessur für Optik an der Fachhochschule in Aalen eingerichtet, wissenschaftliche Institute und Schulen gefördert sowie Stipendien vergeben.
bdw: In welchem finanziellen Rahmen?
KURZ: Im laufenden Jahr in einer Größenordnung von rund 2,5 Millionen Euro. Die Carl Zeiss AG wendet weitere 750 000 Euro im Jahr für Spenden auf, davon rund 600 000 Euro für Wissenschaft und Bildung.
bdw: Was verbindet Sie mit der Landesstiftung Baden-Württemberg?
KURZ: Deren weitblickendes Engagement. So hat die Landesstiftung untersuchen lassen, wo Wirtschaft und Wissenschaft im Land Kernkompetenzen haben. Dabei kam heraus, dass Optik und Elektronik sehr stark sind. Uns als größtem Unternehmen in diesem Sektor wurde die Chance gegeben, ein völlig neues Netzwerk aufzubauen. Dazu wurde der Verein Photonics e.V. mit Sitz in Oberkochen ins Leben gerufen. Schon die ersten Ergebnisse dieser Vernetzung sind hervorragend und bringen durch den Erfahrungsaustausch die Photonik-Aktivitäten im Land bestens voran. In dem Verein sind große Unternehmen wie DaimlerChrysler oder Bosch ebenso aktiv wie Mittelständler und öffentliche Forschungseinrichtungen. Eine solche Plattform funktioniert natürlich nur, wenn jeder Beteiligte etwas davon hat. Weil das gewährleistet ist, entwickeln sich viele Kooperationen, an die vorher nicht zu denken war.
bdw: Ohne Angst vor Know-how-Abfluss?
KURZ: Unsere Erfahrung zeigt, dass man Innovationsprozesse nur aufgrund eigener Kraft heute kaum noch durchsetzen kann. Anders als vor drei Jahrzehnten reicht die geniale Idee in der Regel nicht mehr, um den Markt dauerhaft zu beeindrucken. Wissen ist heute so umfangreich verfügbar, dass es kaum möglich ist, sich über Jahre hinaus einen Vorsprung zu sichern. Um wirklich voranzukommen, braucht man Allianzen und Netzwerke.
bdw: Was erhoffen Sie sich von der Landesstiftung künftig?
KURZ: Die Förderung an Hochschulen ist zu sehr an der Institution und zu wenig an Projekten ausgerichtet. Hier kann eine Einrichtung wie die Landesstiftung viel bewirken, indem sie Projekte fördert. Das wäre ein Incentive für all jene, die losmarschieren und Ideen auf den Prüfstand heben wollen.
Das Gespräch führte Wolfgang Hess ■





