Çatalhöyük ist ein ausgesprochen spannender Fundort für die Archäologie. Denn in der Geschichte der Siedlung spiegelt sich wider, was es für den Menschen bedeutete, von der ursprünglich nomadischen Jäger- und Sammler-Lebensweise zu einer bäuerlichen Siedlungs-Kultur überzugehen: Bei Çatalhöyük handelte es sich um eine der ersten größeren Siedlungen, deren Lebensgrundlage die Landwirtschaft bildete. Der Ort repräsentiert somit gleichsam eine Urform unserer heutigen urbanen Strukturen.
Wie das Ausgrabungsteam um Clark Spencer Larsen von der Ohio State University berichtet, belegen die Funde auf dem 13 Hektar großen Gelände, dass Çatalhöyük von etwa 7100 bis 5950 v. Chr. bewohnt war. Anfangs bestand die Siedlung wahrscheinlich nur aus ein paar Lehmziegelhäusern – doch dann wuchs der Ort zu einer beachtlichen Größe heran: Den Höhepunkt seiner Entwicklung erreichte Çatalhöyük etwa von 6700 bis 6500 v. Chr., berichten die Forscher. Schätzungen zufolge lebten in dieser Zeit 3500 bis 8000 Menschen in der Siedlung. Später ging die Bevölkerung dann wieder stark zurück, bis Çatalhöyük um 5950 v. Chr. schließlich ganz verlassen wurde.
Dem Leben in der Steinzeitsiedlung auf der Spur
Im Rahmen ihrer aktuellen Studie sind die Wissenschaftler nun der Entwicklung der Lebensbedingungen in der steinzeitlichen Siedlung nachgegangen. Ihre Ergebnisse basieren auf Analysen von menschlichen, pflanzlichen und tierischen Überresten sowie auf Untersuchungen von Baustrukturen und Spuren der klimatischen Entwicklung in der Region. Neben forensischen Methoden kamen bei der Untersuchung der menschlichen Überreste auch Isotopenanalysen zum Einsatz, die Rückschlüsse über die Ernährungsweise der einstigen Bewohner zulassen.
Diesbezüglich zeigte sich: Die Menschen aßen viel Weizen, Gerste und Roggen sowie eine Reihe nicht domestizierter Pflanzen. Aus den Untersuchungen der Stickstoffisotopenverhältnisse in den menschlichen Überresten ging zudem hervor, dass das Eiweiß der Nahrung von Schafen, Ziegen und auch Wildtieren stammte. Wie die Forscher berichten, zeichnete sich bei den Untersuchungen der gefundenen Zähne der Bewohner ab, dass sie bereits unter der sogenannten “Zivilisationskrankheit” Karies litten: Etwa 10 bis 13 Prozent der Zähne der Erwachsenen wiesen demnach Löcher auf. Vermutlich war dies auf die getreidereiche Ernährung zurückzuführen, erklären die Forscher.
Umweltschäden und Hygieneprobleme
Wie sie weiter berichten, zeigen Veränderungen der Form der Beinknochenquerschnitte im Laufe der Zeit, dass die Bewohner von Çatalhöyük in der Spätzeit deutlich mehr laufen mussten als die früheren Bewohner. Dies legt den Wissenschaftlern zufolge nahe, dass sich die Bereiche, die sich für Landwirtschaft und Viehzucht eigneten, immer mehr vom Ort entfernten. “Wir glauben, dass lokale Umweltzerstörungen und der Klimawandel in der Region die Menschen gezwungen haben, sich weiter von der Siedlung zu entfernen, um Landwirtschaft zu betreiben oder Vorräte wie Brennholz zu beschaffen”, sagt Larsen. “Das hat vermutlich letztlich auch zum endgültigen Untergang von Çatalhöyük beigetragen”, so der Wissenschaftler.





