Der Kölner Zoo bietet seinen Gästen immer mal wieder ein Extraschauspiel wie dieses: Ein Seehund trägt eine Maske über den Augen und hat einen Kopfhörer auf. Er liegt mit dem Körper im Wasser, den Kopf durch einen Ring gesteckt, der am Beckenrand befestigt war. Derweil zischt ein Mini-U-Boot durch das Wasserbecken. Kaum hat es angehalten, nimmt ein Mann dem Tier die Kopfhörer ab. Elegant gleitet die Robbe ins Wasser. Als sie die Fahrspur des U-Boots kreuzt, ändert sie ihre Richtung und schwimmt genau den Weg ab, den das Boot genommen hat. Findet der Seehund das Boot, gibt es als Belohnung einen Fisch. Wie ein Hund die Fährte eines Hasen aufnimmt, folgt der Seehund der für den Zuschauer unsichtbaren Spur des U-Boots. „Mit solchen Versuchen wollen wir herausfinden, wie sich Seehunde in ihrem Element orientieren”, erklärt Privatdozent Guido Dehnhardt. Seit knapp zwei Jahren arbeitet er im Kölner Zoo mit sieben Tieren. Senior der Truppe ist der 18-jährige blinde Marco, die Jüngsten sind die 4-jährigen Halbbrüder Nick und Malte. „Die Tiere fühlen sich hier sichtlich wohl. Kein Wunder – verglichen mit den Becken, in denen sie vorher gelebt haben, ist dieser ehemalige Eisbär-Pool richtig groß”, sagt der Zoologe. Tatsächlich pflügt die Männergruppe gelassen durchs Wasser. Nur Henry hat Starallüren. Nassforsch springt und platscht er im Wasser herum und brüllt. „Er ist eifersüchtig, weil ich ihn im Augenblick nicht beachte. Henry ist gelehrig, benimmt sich aber wie ein verzogenes Einzelkind.” Die Tiere sollen Dehnhardt verraten, welche Sinne sie benutzen, welche Informationen sie aus ihrer Umwelt aufnehmen. „Wir wissen bisher nur sehr wenig darüber, welche Reize Seehunde oder Seelöwen für die Orientierung verwenden”, sagt Dehnhardt. Schließlich ist das Meerwasser nicht nur grau, kühl und nass, wie es Menschen wahrnehmen. Es hat verschiedene Temperaturen und Farbtöne, es schmeckt und riecht unterschiedlich, ist von Geräuschen erfüllt. Strömungen und Wirbel durchziehen die Ozeane. Und schließlich ist die Tiefe eine weitere Dimension. Eine zentrale Frage ist, wie Seehunde und Seelöwen Fische orten. Zahnwale – etwa Delfine – nutzen zum Aufspüren von Beute ihr Sonarsystem. Auch bei Seehunden und Seelöwen hat man lange vergeblich nach einem solchen Sinn gesucht. „Man hat daher angenommen, dass die Tiere sich vorzugsweise visuell orientieren” , sagt Dehnhardt. Diese Ansicht vertrat auch einer der führenden Forscher in Sachen Meeressäugetiere, Ron Schusterman von der Universität Santa Cruz in Kalifornien. Dehnhardt aber war skeptisch. Ihm gab zu denken, dass Seehunde oft im Dunkeln und in nahrungsreichen Gewässern jagen, wo die Sicht erheblich getrübt ist. Außerdem konnte sich der Forscher nicht erklären, warum man Seehunde fand, die völlig blind, aber trotzdem gut genährt waren. Dehnhardt vermutete des Rätsels Lösung in den Vibrissen, jenen imposanten, gleichwohl sehr sensiblen Barthaaren. An jeder Wurzel dieser Haare – ein Seehund hat etwa 100 davon – sitzen rund 1600 Nervenfasern, zehnmal so viele wie in den Barthaaren einer Katze. Gemeinsam mit seinem Doktoranden Björn Mauck begann Dehnhardt 1997 im Tierpark Rheine die Experimente mit dem Seehund Robby und dessen Artgenossen. Dass jede erfolgreiche Übung mit Fisch belohnt wird, scheint für die Tiere zweitrangig zu sein. Hungrig sind sie nicht, denn sie werden normal gefüttert, egal wie viele Übungen auf dem Programm stehen. Viel wichtiger ist ihnen der Spaß an der Sache. Das Training beginnt immer mit einer simplen Übung. Das Tier muss lernen, auf Pfiff zunächst mit der Nase an die Hand zu kommen und später, bis zum gegenteiligen Kommando, bei der Hand zu bleiben und ihr zu folgen. So können die Forscher den Seehund führen, die Hand wirkt wie eine Leine. Dann lernt das Tier motorische Vorgänge, etwa bestimmte Knöpfe zu drücken. Erst wenn es das beherrscht, beginnen die Forscher mit den Untersuchungen. Bobby beispielsweise konnte schon nach wenigen Versuchen anzeigen, wann er die winzigen Wasserbewegungen wahrnahm, die eine 5 bis 50 Zentimeter entfernte vibrierende Kugel erzeugte. Während Fische solche Wasserbewegungen mit ihrem Seitenlinienorgan registrieren, nutzen Seehunde dazu ihre empfindlichen Vibrissen. Der Beweis: Wenn der Seehund einen Maulkorb über die Schnauze gestülpt bekommt, der Wasser noch durchlässt, aber verhindert, dass die Barthaare vibrieren können, reagiert das Tier selbst auf starke Wasserbewegungen nicht. „ Erstaunlich fand ich, dass ihm die Wasserbewegungen an den Barthaaren offensichtlich gefielen. Als die Kugel für längere Zeit still stand und das Tier augenscheinlich ungeduldig wurde, versuchte es, die Vibrationen zu simulieren, indem es mit der Schnauze so schnell wie möglich gegen die Kugel stieß”, erzählt Mauck. Derart ermutigt, versuchten die Forscher festzustellen, ob Seehunde Wirbelspuren im Wasser wahrnehmen können, die von Fischen erzeugt werden. „Fische hinterlassen im Wasser Bewegungsspuren, die relativ lange bestehen bleiben”, erklärt Dehnhardt. Als Fisch diente ein ferngesteuertes Mini-U-Boot. Zunächst trainierten die Forscher mit dem Seehund Henry in Friedrichskoog und später in Köln mit Nick. Tatsächlich entdeckten die Tiere die Wirbelschleppen in 80 Prozent der Versuche haargenau und fanden fast immer heraus, in welche Richtung das Boot gefahren war. Völlig hilflos waren die Tiere aber, wenn Mauck ihnen die Vibrissen mit einem Damenstrumpf verband. Damit war die Schusterman-Theorie von der Dominanz des visuellen Sinns widerlegt. Dennoch testeten Dehnhardt und seine Mitarbeiter, wie gut die Meeressäuger in klarem und trübem Wasser sehen können. Dazu brachten sie den Seehunden Bill und Sam bei, horizontale Streifenmuster von vertikalen zu unterscheiden. Die Diplomandin Bettina Möller zeigte den Tieren gleichzeitig beide Muster – sie sollten sich aus einer festgelegten Entfernung für das horizontale Muster entscheiden. Bei groben Streifen wählten die Seehunde traumwandlerisch das richtige Muster, doch die Diplomandin präsentierte nach und nach immer schmalere Streifen – wie ein Augenarzt, bei dem der Patient immer kleinere Zahlen und Buchstaben lesen soll. Irgendwann gaben Sam und Bill auf. Sie rieten nur noch, welches die Horizontalstreifen sind – und zwar umso früher, je trüber das Wasser war. „Schon bei moderater Wassertrübung, also bei viel weniger Trübe als normalerweise im Meer anzutreffen ist, haben die Tiere erhebliche Schwierigkeiten” , sagt Dehnhardt. „Ich bin deshalb heute überzeugt, dass Seehunde ihre Augen bei der Beutejagd höchstens auf den letzten Zentimetern vor dem Zubeißen nutzen. Vorher verlassen sie sich ganz und gar auf ihre Tasthaare.” Nun will er herausfinden, ob ein Seehund auch biologisch erzeugte Wirbelspuren aufspüren kann und welches die maximale Distanz ist, über die das Tier eine Beute oder einen Artgenossen auf dessen hydrodynamischer Spur lokalisieren kann. Das U-Boot konnten Henry und Nick quer durch das ganze Becken aufspüren – das sind 40 Meter. Wenn man die Spur des kleinen U-Boots hochrechnet auf eine Spur, die ein Hering hinter sich herzieht, dann müssten die Seehunde ihre Beute aus 200 Meter Entfernung wahrnehmen können, meint Dehnhardt. Die Ergebnisse erregten in der Fachwelt Aufsehen. Dehnhardt hat inzwischen eine Arbeitsgruppe von knapp zehn Mitarbeitern, die von der Universität Bonn in die Abteilung für Zoologie und Neurobiologie an der Ruhr-Universität in Bochum umgezogen ist. Finanziell steht die Seehundforschung inzwischen auf festem Boden: Die Volkswagenstiftung unterstützt das Projekt mit 1,4 Millionen Euro. Das ist viel Geld, um neue Denkansätze zu testen. So wollen die Forscher beispielsweise wissen, ob und was Seehunde schmecken können – auch wenn man sich in der Fachwelt bisher nicht vorstellen kann, dass bei Robben Geschmacks- und Geruchssinn eine Rolle für die Orientierung spielen könnte. Als Erstes testeten die Biologen, ob die Seehunde unterschiedliche Salzkonzentrationen wahrnehmen. Bei diesen Versuchen mit den Halbbrüdern Schorsch und Henry träufelten die Forscher den Tieren unterschiedlich salziges Wasser ins Maul. Bei einer Konzentration um die 30 Gramm Salz pro Liter Wasser – das entspricht ungefähr dem Salzgehalt von Meereswasser – entpuppten sich die Seehunde als Feinschmecker. „Bei dieser hohen Salinität reagierten sie sehr empfindlich auf Unterschiede”, berichtet Dehnhardt, „sie merkten sogar, ob das Wasser 29 oder 31 Gramm Salz pro Liter enthielt.” Ein Mensch würde bei diesen Salzkonzentrationen keine Unterschiede schmecken, sondern alles als eklig empfinden. Evolutionär und ökophysiologisch ist beides sinnvoll, denn Menschen nehmen normalerweise salzarme Nahrung zu sich, Robben dagegen salzreiche. Auch Konzentrationsunterschiede von Geruchsstoffen in der Luft – beispielsweise Dimethylsulfid – können die Tiere erkennen. Diese Substanz entsteht vor allem in nahrungsreichen Gewässern beim Abbau von Phytoplankton und könnte demnach den Weg zu reichen Fischgründen weisen. Einen halben Eimer Fisch gönnt Dehnhardt den kräftigen 100-Kilo-Brocken, die dafür flugs aufs Beton-Festland gerobbt kommen. Nach dem Mahl lassen sie sich gern tätscheln. Kalt und glatt fühlt sich ihre Haut an, viel wärmer die Schnauze, hart und stachelig die Vibrissen. Schließlich noch ein Blick ins Maul: „Ein angenehmer Nebeneffekt des Trainings ist, dass unsere Seehunde Vertrauen haben und sich medizinisch untersuchen lassen”, kommentiert Dehnhardt die Zahnkontrolle. Mit einem großen Rohr, das obendrauf eine Art Zielfernrohr trägt, tasten sich die Forscher jetzt auch an die Nachtsichtfähigkeit der Tiere heran. Die Apparatur sieht aus wie eine Minikanone. „Wir haben uns überlegt, dass Seehunde nachts Sterne als Navigationshilfe nutzen könnten”, erklärt Dehnhardt den Sinn des Geräts. Ob das so ist, wissen er und sein Team noch nicht. Sie haben aber bereits festgestellt, dass die Tiere leuchtende Objekte am dunklen Himmel erkennen können. Seehund Nick sollte seinen Kopf in die Röhre stecken und Bescheid geben, sobald er einen Stern mit bestimmter Leuchtkraft in das dunkle Rohr einwandern sah. „Peanuts” kommentiert Dehnhardt die Versuche: „Nick hatte schon nach zehn Minuten Training heraus, worum es ging.” Jetzt untersucht er, ob Nick auch verschieden helle Sterne voneinander unterscheiden kann. Je mehr die Bochumer Forscher über die Sinnesleistungen der Seehunde herausfinden, um so mehr reizt es sie, die Tiere auch in freier Wildbahn zu beobachten. Sie arbeiten deshalb bereits mit Kollegen aus Amerika zusammen – etwa mit Markus Horning von der Texas University, der in der Antarktis mit Hilfe von Videokameras Wedellrobben beim Jagen beobachtete. Wie die Robben unterm Eis hinter dem Kabeljau herschwammen, lässt sich als Verfolgung der Wirbelspuren des Fisches interpretieren. Noch aber wird der aquatische Männerclub von Köln, der um zwei kalifornische Seelöwen anwachsen soll, im dortigen Zoo gebraucht. Die Experimente ums Sehen, Tasten, Schmecken und Riechen sind noch nicht abgeschlossen, denn die Forscher stellen sich immer neue Fragen. So gehen sie mittlerweile der Spur nach: Können die Tiere natürliche Unterwassergeräusche zur Orientierung nutzen, oder nehmen sie zu diesem Zweck polarisiertes Licht wahr? Damit die Seehundjungs nicht schlapp machen, werden sie von Dehnhardts Crew jeden Tag zwei- bis dreimal trainiert – das ganze Jahr über. Dass man dabei zuschauen kann, ist ein tolles Erlebnis für die Zuschauer und ein Novum für einen deutschen zoologischen Garten. Die Kölner demonstrieren damit, dass ein Zoo mehr ist als eine Aufbewahrungs- und Zuchtanstalt für bedrohte Tierarten, nämlich ein spannendes Live-Labor, was Forschern, Besuchern und letztlich auch dem Image des Zoos zugute kommt.
Kompakt
Seehunde können feinste Nuancen schmecken, riechen und vor allem ertasten. Selbst blinde Seehunde überleben in der Natur gut genährt. Seehunde können die Fahrspur eines Bootes auch dann noch finden, wenn das Boot schon verschwunden ist. „Hagenbecki” und „ Wilhelma” – neue Tierarten im Zoo In botanischen und zoologischen Gärten kommen nicht nur Kinder ins Staunen, sondern auch Experten – wie Gerhard Jarms. Vor drei Jahren entdeckte der Fachmann für Quallen im Korallenbecken von Hagenbeck einen Polypen, den er noch nie gesehen hatte. Ein Polyp ist die sesshafte, ungeschlechtliche Form einer Qualle. Dem Laien ist meist nur die bewegliche, geschlechtliche Form – die Meduse – bekannt. Jarms nahm eine Wasserprobe samt Polypen ins Zoologische Institut der Uni Hamburg mit. Inzwischen steht fest, dass er eine neue Art Schirmqualle entdeckt hat, die nach ihrem Fundort „Nausithoe hagenbecki” getauft wurde. Das Tier, dessen Heimat unbekannt ist, kam vermutlich mit einer Lieferung Steine und Korallen nach Hamburg. In der Wasserprobe fand der Zoologe außerdem unbekannte Polypen einer Würfelqualle. Ob auch dies eine neue Art ist, weiß Jarms, der bereits acht Quallenarten entdeckt hat, noch nicht. Im Aquarium der Stuttgarter Wilhelma stießen die Biologen Michael Nickel und Prof. Franz Brümmer auf einen unbekannten Schwamm. Das „Tethya wilhelma” getaufte Tier ist klein, weiß, rund und kann sich erstaunlich schnell fortbewegen: mit vier Millimeter pro Stunde ist es der schnellste Schwamm der Welt.
Karin Hollrichern/ Karsten Schöne




