Wer tolle Ideen hat und sie öffentlich vertritt, bekommt schon mal was auf die Mütze. Das ist auch Michael Specht so gegangen, anno 1995. „Ich bin heute vorsichtiger geworden”, sagt der mittlerweile 44jährige. „Bei der Darstellung visionärer Ideen in den Medien kann man sich einiges verbauen.” Die visionäre Idee: Am Stuttgarter Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung (ZSW) verfolgte das Team des promovierten Chemikers, gemeinsam mit den Universitäten Stuttgart und Karlsruhe, das Projekt „CO2-Gewinnung und CO2-Reduktion zur Methanolsynthese”. Die Forscher reicherten Kohlendioxid aus der Luft an und setzten es mit Wasserstoff zu Methanol um – als CO2-neutralen Kraftstoff für Autos: Beim Verbrennen des Sprits entstand nur so viel Kohlendioxid, wie zuvor der Luft entnommen worden war.
Nach einem Bericht in bild der wissenschaft (Heft 5/1995, „ Unverhoffte Karriere”) und einer Pressekonferenz stand bei Michael Specht das Telefon nicht mehr still. Sogar aus Japan reisten Interessierte an und ließen sich die gut funktionierende Stuttgarter Versuchsanlage erklären. Doch eisiger Gegenwind schlug dem ZSW-Forscher aus einem Kältetechnik-Unternehmen entgegen: „Abwegig”, „verspäteter Aprilscherz”, wütete Verfahrenstechniker Heinz Karwat von der Linde AG in der Ingenieur-Wochenzeitung „VDI-Nachrichten”. Und fügte an: „Sollte der skizzierte Weg auch noch mit Hilfe von Steuergeldern entwickelt worden sein, wäre dies ein Skandal!” Das lasen auch die Förderer des ZSW – vor allem in der baden-württembergischen Landesregierung – und stellten die Ohren auf: War man einem Phantasten aufgesessen, einem wissenschaftlichen Windei? „ Plötzlich wurde unsere Arbeit hinter den Kulissen von manchen systematisch schlechtgeredet”, erinnert sich Specht. Da traf es sich glücklich, daß – nach den ersten drei Projektjahren – eine Begutachtung im Auftrag des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums anstand. Unter Leitung des Mannheimer Professors Robert Schnörr prüfte ein externes Expertengremium das Vorhaben auf Herz und Nieren. Das Ergebnis war eine glänzende Rehabilitierung sowie die Verlängerung des Projekts um weitere drei Jahre.
Mit dem Abschlußbericht, der Mitte 2000 vorlag, war der Schlußstrich gezogen. Benzin und Diesel aus Erdöl regieren nach wie vor die Straße. Denn die Herstellungskosten des aus Luft erzeugten Kraftstoffs betrügen, selbst bei günstigen Strombezugskosten von 5 Pfennig pro Kilowattstunde, immer noch umgerechnet 2 Mark pro Liter – und auch das nur unversteuert. Daraus hatte der ZSW-Forscher freilich schon 1995 kein Hehl gemacht: Nur wenn im Rahmen einer künftigen Gesetzgebung der Staat bei CO2-neutralem Kraftstoff auf jegliche Steuer verzichten würde, wäre der Sprit konkurrenzfähig.
Inzwischen gehen Michael Specht und seine Kollegen einen kostengünstigeren Weg: nicht Luft-CO2, sondern Biomasse – ebenfalls CO2-neutral – in Kraftstoff zu verwandeln. In Heidenheim, nordöstlich von Ulm, wollen sie in diesen Wochen eine erste Versuchsanlage installieren, die aus Klärwerk-Faulgas Methanol macht. Aber der realistische Chemiker warnt vorbeugend: „ Auch hier gilt: Ohne entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen hat dies alles keine Chance.”
Thorwald Ewe




