Unsere Sprache ermöglicht es uns, uns über Dinge und Begebenheiten auszutauschen, die über die gegenwärtige Situation hinausgehen. Wir können uns historische und zukünftige Ereignisse ausmalen, abstrakte Konzepte diskutieren und hypothetische Szenarien entwickeln. Doch ab wann sind Kleinkinder in der Lage, Wörter für Dinge zu lernen, die sie nicht unmittelbar sehen? „Viele Menschen glauben, dass der Erfolg beim Erlernen von Wörtern voraussetzt, dass das Kind ein neues Wort einem Objekt zuordnet, das physisch vorhanden ist“, erklärt Sandra Waxman von der Northwestern University in Illinois. „Im Laufe eines Tages kommt es jedoch häufig vor, dass wir – und auch Säuglinge – Wörter hören, ohne dass die Objekte, auf die sie sich beziehen, für unsere unmittelbare Wahrnehmung zur Verfügung stehen.“
Neue Wörter und Objekte
Gemeinsam mit ihrer Kollegin Elena Luchkina von der Harvard University in Massachusetts hat Waxman untersucht, aber welchem Alter Kinder Kontextinformationen nutzen, um auf die Bedeutung eines unbekannten Wortes zu schließen. Dazu präsentierten die Forschenden jeweils 67 Kleinkindern im Alter von zwölf und von 15 Monaten zunächst eine Reihe bekannter Objekte, die sich alle der gleichen Kategorie zuordnen ließen, beispielsweise verschiedene Früchte. Dabei zeigten sie jeweils auf ein Bild des Objektes und benannten es mit Worten wie „Schau mal, eine Banane!“ Als nächstes nannten sie ein unbekanntes Wort („Schau mal, eine Modi!“) und deuteten dabei auf ein Bild hinter sich, das das Kind nicht sehen konnte.
Für den eigentlichen Test präsentierten die Forscherinnen den Kindern anschließend zwei Bilder von neuen Objekten, von denen eines ebenfalls eine Frucht zeigte, das andere einen Gegenstand aus einer anderen Kategorie. Dann fragten sie: „Wo ist die Modi?“ Die Idee dahinter: „Wenn das Kind aufgrund der Kontextinformationen eine Idee von der Bedeutung des unbekannten Wortes entwickelt hat, wird es das Objekt aus der gleichen Kategorie bevorzugen“, erklären die Forscherinnen.
Fokus auf das passende Objekt
Und tatsächlich: Die 15 Monate alten Kinder schauten in dem Test jeweils deutlich länger auf das passende Objekt. Hatten sie also zuvor verschiedene bekannte Früchte gesehen, fokussierten sie sich nun auf die neue Frucht. Um sicherzustellen, dass dieser Effekt tatsächlich mit dem sprachlichen Hinweis zusammenhing, nannten die Forscherinnen in einigen Fällen statt des zuvor eingeführten Wortes einen anderen unbekannten Begriff. In diesem Fall interessierten sich die Kinder weniger für das Bild der Frucht. Offenbar hatten sie wirklich den neuen Begriff „Modi“ mit der Kategorie „Früchte“ in Verbindung gebracht.
„Die Studie zeigt, dass selbst Babys, die gerade erst ihre ersten Worte sprechen, von der Sprache lernen, die sie hören, selbst wenn die besprochenen Objekte oder Ereignisse nicht vorhanden sind”, sagt Waxman. „Babys nehmen auf, was sie hören. Selbst wenn kein Bezugsobjekt vorhanden ist, bilden sie eine mentale Repräsentation der Bedeutung des neuen Wortes, die stark genug ist, um sie später zu verwenden, wenn das entsprechende Objekt auftaucht.“





