Deutschland wappnet sich für die Fußball-WM 2006. Dabei sucht die Polizei – auch mit Hilfe von Psychologen und Verhaltensforschern – nach den besten Strategien, um gewalttätige Ausschreitungen zu verhindern.
Am 9. Juni ist Anpfiff. Von da an werden 32 Mannschaften 64 WM-Spiele in 12 deutschen Städten austragen. Über drei Millionen Zuschauer werden erwartet – neben friedlichen Fans allerdings auch Hooligans, die das sportliche Großereignis auf ihre Art „ feiern”. Zwei Drittel der Bundesbürger befürchten während der Weltmeisterschaft Ausschreitungen und Gewalt, wie eine Studie der Universität Hohenheim zeigt. Der Marketing-Professor Markus Voeth befragt in einer Langzeitstudie seit 2001 regelmäßig rund 2000 Personen aller Altersgruppen über ihre Vorstellungen von der WM. 2004 wollte er auch wissen, was den Bürgern Sorge bereitet und wie sie die Sicherheit in den Stadien und den Städten ringsherum sowie die Kompetenzen der Sicherheitskräfte einschätzen. „Neben Terroranschlägen befürchten die Menschen vor allem Ausschreitungen durch alkoholisierte Fans und randalierende Hooligans, gefolgt von Kleinkriminalität und Verkehrschaos”, berichtet Voeth.
Die Umfragen zeigen auch, dass die Ängste je nach Nachrichtenlage zwischen Bier und Bin Laden schwanken: „Nach dem Bombenanschlag in Madrid 2004 sahen die Befragten die größte Bedrohung in Terroranschlägen”, sagt Voeth. „Aktuell werten wir die Umfrage aus, die wir im Mai 2005 nach den Ausschreitungen deutscher Hooligans in Celje, Slowenien, durchgeführt haben. Fest steht schon, dass die Angst vor Fußball-Rowdys die Sorge vor Terroristen abgelöst hat.”
Die Sicherheitskräfte bereiten sich derweil intensiv auf die WM vor. Ende Mai 2005 verabschiedeten der damalige Bundesinnenminister Otto Schily und die Innenminister der Länder ein nationales Sicherheitskonzept über Bedrohungsszenarien und mögliche Gegenmaßnahmen bei der WM. Rund 6200 Deutsche sind in der Datei „Gewalttäter Sport” gespeichert, und der Deutsche Fußball-Bund hat zur Zeit gegen mehr als 2370 Hooligans ein Stadionverbot ausgesprochen. Das gesamte deutsche „ Problem-Fan-Potenzial” (Kategorie A: harmlos, ohne Gewaltneigung, Kategorie B: bei Gelegenheit gewalttätig, Kategorie C: gewalttätig) zählt 10 000 Fans. Sie stehen bereits im Vorfeld der WM im Visier der Polizei.
Deutschland hat mit der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze” (ZIS) beim Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf und diversen Landesinformationsstellen ein bewährtes, gut eingespieltes Informationsnetz. „Die Datei ‚ Gewalttäter Sport‘ erlaubt uns einen bundesweiten Blick auf den harten Kern. Die Zeit bis zum Beginn der WM wird genutzt, um die Informationen über diese Täter zu verdichten. Hooligans müssen mit Platzverweisen, Meldeauflagen und sogar Gewahrsamsmaßnahmen rechnen. Ihre Reisewege werden aufmerksam beobachtet”, betonte der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech bei der Verabschiedung des Sicherheitskonzepts. Auch international ist vereinbart, bekannte Gewalttäter gar nicht erst einreisen zu lassen und entsprechende Kontrollen an Grenzen, Bahnhöfen und Flughäfen zu verschärfen.
Brennpunkte sind nicht nur die Stadien selbst, sondern auch Übertragungen auf Großleinwände, Autokorsos und WM-Partys. Bei den Spielen selbst wird moderne Überwachungstechnik für Sicherheit sorgen. Hochleistungskameras können einzelne Personen aus der riesigen Menschenmenge heranzoomen und identifizieren, da beim Kauf der Tickets Personendaten erhoben wurden und alle Platzkarten mit einem fälschungssicheren RFID-Chip (Radio Frequency Identification) ausgestattet sind.
Teilnehmer eines britisch-niederländischen Forschungsprojekts, die Sicherheitskonzepte entwickeln und dafür die Erkenntnisse aus Polizei- und Fan-Befragungen, analysierten Spielen und Massenpsychologie berücksichtigen, sind überzeugt, dass die Beobachtung polizeibekannter Hooligans das Problem nicht wirklich löst. Zum einen können nicht nur Hooligans gewalttätig sein, zum anderen sind Hooligans auch bei Spielen anwesend, die friedlich verlaufen. Und manchmal werden nicht die Fans der gegnerischen Mannschaft angegriffen, sondern Polizisten. Bisweilen setzt auch gerade der Versuch der Ordnungshüter, Hooligans zu kontrollieren, die Gewaltspirale in Gang. Zwei Beispiele machen das deutlich: Unter den bei der WM 1998 in Frankreich festgenommenen englischen Fans waren viele, die nie zuvor polizeilich aufgefallen waren. Andererseits kam es beim Qualifikationsspiel Schottland gegen Deutschland 2003 in Glasgow trotz der Anwesenheit von fast 200 deutschen B- und C-Fans zu keinen nennenswerten Auseinandersetzungen – es scheinen also noch andere Faktoren den Verlauf von Spielen zu beeinflussen.
„Der Großteil der Forschung über Fußballgewalt fokussiert aber den Hooligan und reduziert damit das Problem auf die individuelle Pathologie. Man denkt, dass es zu Auseinandersetzungen kommt, wenn Fans aufeinander treffen, die prädestiniert sind für Gewalt” , erklärt Clifford Stott, Experte für Massenpsychologie an der University of Liverpool. Sein Team versucht, praktikable Lösungen zu erarbeiten und berät Trainingsinstitute der britischen Polizei. Mit von der Partie ist Otto Adang, Verhaltensforscher und Professor an der niederländischen Polizeiakademie in Apeldoorn. Er entdeckte in einer Studie über die Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden, dass unterschiedliche Polizeistile, die er als „High Profile” und „Low Profile” bezeichnet, bei den Fans unterschiedliche Reaktionen hervorrufen.
„Low Profile” bedeutet:
• Die Eingreifkräfte sind präsent, bleiben aber im Hintergrund,
• die Beamten vermitteln den Fans klare Verhaltensgrenzen,
• die Polizei verhält sich bestimmt, aber freundlich gegenüber Fans. Dabei zählt nur deren tatsächliches Verhalten, nicht der Ruf, den sie haben.
„High Profile” dagegen heißt:
• Die starke Präsenz von Einsatztruppen in Schutzanzügen mit Helmen und Schlagstöcken – bis zu dreimal mehr Beamte sind auf dem Platz als bei Low-Profile-Einsätzen,
• es gibt kaum Kommunikation und positive Interaktionen zwischen Fans und Polizei,
• Orte, an denen es zu Gewalt kommt, werden geräumt und umfangreiche Festnahmen angeordnet.
Adang beobachtete, dass es bei der EM 2000 nicht bei den gefürchteten „Risikospielen” zu den größten Ausschreitungen kam, sondern bei solchen, die als relativ ungefährlich eingestuft worden waren. Allerdings war bei diesen Partien – gemäß der High-Profile-Strategie – ein Großaufgebot der Polizei angerückt. Die Fans empfanden das massive Vorgehen als unangemessen, die Gewalt eskalierte. Nach sozialpsychologischen Theorien wird ein Konflikt wahrscheinlicher, wenn die Beziehung zwischen zwei Gruppen als illegitim betrachtet wird. Jetzt steht fest, dass dieser Mechanismus auch beim Fußball gilt. Fans sind mit höheren Sicherheitsmaßnahmen in der Regel nur einverstanden, wenn es sich um klare Risikospiele handelt. „Harte, als ungerechtfertigt empfundene Aktionen bringen die Menge auf. Das schafft eine gemeinsame Identität unter den Fans, die es normalerweise nicht gäbe”, sagt Clifford Stott. Er untersucht seit Jahren das Verhalten von Massen und bestätigte in einer Studie über Ausschreitungen bei der WM 1998 in Frankreich, dass die Polizei eine große Rolle bei der Entstehung von Krawallen spielt. Wie effektiv welche Polizeitaktik ist, zeigte die Analyse von knapp 40 internationalen Spielen, die die beiden Wissenschaftler gemeinsam unter die Lupe nahmen. Ein Polizeistil, der sich am tatsächlichen Risiko orientierte, erwies sich als besonders positiv. Den Fans wurde bereits bei geringen Zwischenfällen deutlich gemacht, welche Verhaltensweisen unakzeptabel sind.
Wichtig ist auch, den kulturellen Hintergrund der Gruppen zu kennen und möglichst viele Informationen über sie zu sammeln, um das Gefahrenpotenzial realistisch einzuschätzen. Ein Beispiel: Fans von Manchester United hängten bei einer Begegnung mit dem F.C. Boavista Porto ein Banner mit den Worten „Tony O’Neil’s Red Army” auf. Die örtliche portugiesische Einsatzleitung interpretierte dies als Zeichen für einen bevorstehenden Hooligan-Aufmarsch. Das Wort „army” bedeutet im britischen Fußballzusammenhang aber einfach nur „Anhänger”. Als die Polizisten das erfuhren, griffen sie nicht hart durch – was sich als richtig erwies.
Auch ein Spiel zwischen dem PSV Eindhoven und Leeds United zeigte, wie wichtig die genaue Kenntnis von Fan-Gruppen ist: Die Einsatzleitung in den Niederlanden erfuhr durch britische Fans von möglichen Problemen der Leeds-Fans mit der örtlichen türkischen Bevölkerung, denn kurz zuvor war ein Leeds-Fan in Istanbul ermordet worden. Nach einem Gespräch mit den türkischen Fußball-Anhängern wurde erreicht, dass sich gewaltbereite türkische Jugendliche von der Innenstadt fern hielten, solange die englischen Fans dort waren.
Dass die Einbeziehung von Fan-Organisationen in die Sicherheitsmaßnahmen Ausschreitungen verhindern kann, belegt auch das Rückspiel der bereits erwähnten Qualifikationsbegegnung Deutschland gegen Schottland 2003 in Dortmund: Hier kooperierten alle beteiligten Parteien – eine Hotline mit englischsprachigen Mitarbeitern wurde eingerichtet, die wichtigsten Informationen wurden auf einem Flugblatt zusammengefasst. Am Abend vor dem Spiel hatten die Fans beider Länder bei einer Party Gelegenheit zum Kennenlernen. Am Spieltag selbst fand in der Innenstadt ein Fan-Treffen mit verschiedenen kulturellen Veranstaltungen statt. Das Vorgehen der Polizei erfolgte auf Low-Profile-Niveau. Es kam an diesem Tag nur zu wenigen Festnahmen, und wo ein Streit ausbrach – etwa in einem Freizeitzentrum –, hielten sich die Fans gegenseitig in Schach.
Solche Beobachtungen flossen in das Sicherheitskonzept der EM 2004 in Portugal ein – überaus erfolgreich: Die Spiele waren die friedlichsten der letzten Jahrzehnte.
Der Kern des wissenschaftlichen Sicherheitskonzepts lautet also: Es genügt nicht, nur potenzielle Gewalttäter im Blick zu haben. Man muss Gewalt vielmehr als eine Aufgabe des Massenmanagements begreifen, nicht als das Problem Einzelner. Bedrohung und Schutzmaßnahmen sollten ausgewogen sein, da übereifrige Polizeieinsätze selbst wieder Gewalt provozieren können. Gehen die Ordnungshüter dagegen freundlich mit den friedlichen Fans um und greifen bei Störern gezielt durch, passiert Erstaunliches: Die Fans fangen an, untereinander für Ordnung zu sorgen und Randalierer zu unterdrücken. Die Mehrheit schließt sich dann gegen Krawallmacher zusammen. Dieser Mechanismus – „Self Policing” genannt – ist auch der Grund, warum es bei manchen Spielen trotz der Anwesenheit von Hooligans nicht zu größeren Ausschreitungen kommt.
Für solche Dynamiken will das Team um Otto Adang jetzt die deutschen Behörden sensibilisieren. Es rät zu einer gezielten Taktik, die kleine Vorfälle löst, bevor sie sich zu großen Ausschreitungen auswachsen. Man müsse sich schon vorher mit der sozialen Struktur, den politischen Werthaltungen und Verhaltensweisen der einzelnen Fan-Gruppen befassen, um das Konfliktpotenzial zu verstehen und rechtzeitig Gewalt zu unterbinden, empfehlen die Experten.
Das entspricht durchaus der geplanten Strategie der deutschen Polizei, sagt Frank Scheulen, Sprecher des Landeskriminalamtes in Nordrhein-Westfalen. Er spricht von „Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber friedlichen Fans”, aber einer „sehr niedrigen Toleranzschwelle gegenüber Störern”. Da hierzulande Polizeiaufgaben Ländersache sind, und ein Teil der Sicherheitsmaßnahmen bei den Innenministerien beziehungsweise den Veranstaltern vor Ort liegt, kann sich das Vorgehen von Spielort zu Spielort unterscheiden. „Bundesweit verbindliche einsatztaktische Vorgaben existieren nicht”, räumt er ein.
WM-Einsätze werden schon ganz praktisch geprobt, etwa in Essen. Dort simulieren die Sicherheitskräfte im Vorfeld der Spiele alles, was auch im Ernstfall von Nöten ist: Fußball-Fans in Bussen und Bahnen begleiten, rivalisierende Fan-Gruppen trennen, die Personalien von Verdächtigen feststellen. In der Schalke-Arena probten 400 Sicherheitskräfte den Ernstfall: Die eine Hälfte mimte Randalierer, die andere Hälfte sollte die gefährliche Situation entschärfen.
Der Satz von Sepp Herberger, „Das nächste Spiel ist immer das schwerste”, wird aber dennoch mit Sicherheit auch für die Ordnungshüter gelten. ■
Dr. Eva Tenzer, freie Wissenschaftsjournalistin aus Oldenburg, hat sich für bdw nicht nur mit lautstarken Hooligans, sondern auch mit geheimen Existenzen („Doppelleben” 01/06) beschäftigt.
Ohne Titel
• Um Ausschreitungen während der WM zu verhindern, wollen die Behörden bekannte Hooligans anderer Länder nicht einreisen lassen und entsprechende Kontrollen verschärfen.
• Wichtig ist auch, verschiedene Fan-Gemeinden richtig einzuschätzen, um ihr Gewaltpotenzial zu kennen.
• Wenn sich die Polizei taktisch geschickt verhält, mobilisieren sich die Fans selbst gegen Randalierer.
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