Geistig bescheidene Menschen werden manchmal „ Schwachstromgehirne” genannt. In Wirklichkeit verdienen jedoch gerade die hellsten Köpfe diese Bezeichnung. Denn Frauen und Männer, die bei Denkleistungen brillieren, verbrauchen dazu am wenigsten neuronale Energie.
Die Tätigkeit des Verstandes kann man sich als Verschieben von Informationseinheiten oder als „Hantieren im Vorstellungsraum” (Konrad Lorenz) vorstellen. Demnach müsste mehr Denken unweigerlich einen höheren Energieverbrauch bedeuten. Doch Forschungsergebnisse der letzten Jahre legen nahe, dass in unserem Zentralorgan das genau entgegengesetzte Energieprinzip regiert. Kluge Köpfe sind von der Natur offenbar auf Energiesparen ausgelegt.
Der Energieumsatz im Gehirn lässt sich mit der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) auskundschaften. Dabei wird der Aufenthaltsort einer unschädlichen radioaktiven Glukose-Abart im Hirn registriert und in farbige Schnittbilder der regionalen Hirnaktivität übersetzt. Der Psychologe Richard J. Haier von der University of California in Irvine hat dieses Verfahren vor einigen Jahren bei 30 jungen Männern angewandt, die über Denksportaufgaben brüteten. Während des Grübelns war der Anstieg der Hirnaktivität in der linken hinteren Großhirnrinde am stärksten. Bei „klugen” Probanden fiel dieser Anstieg am schwächsten aus. Bei denen, die die Aufgaben am schlechtesten lösten, verbrauchten die kleinen grauen Zellen erheblich mehr Energie.
Den abweichenden Energieverbrauch erklären die Wissenschaftler mit einer unterschiedlichen „neuronalen Effizienz”. Aljoscha C. Neubauer, Leiter der Abteilung für Differenzielle Psychologie an der Universität Graz betont: „Menschen mit höherer geistiger Leistungsfähigkeit aktivieren beim Problemlösen offensichtlich gezielt eine kleinere Anzahl von neuronalen Schaltkreisen. Bei geringerer Begabung werden hingegen auch Schaltkreise, ja ganze Kortexgebiete aktiviert, die für eine effiziente Problemlösung zumindest unerheblich, vielleicht sogar störend sind.”
Die bisherigen Studien weisen allerdings Schwächen auf. So hat die PET eine geringe zeitliche Auflösung, die keine raschen Messungen erlaubt. Zudem waren die Stichproben stets sehr klein, und auch das Spektrum der Aufgaben war beschränkt. Diese Mängel hat Neubauer jetzt in einer eigenen Untersuchung an 26 Männern und 25 Frauen behoben, bei der er das zeitlich hoch auflösende Hirnstromwellenbild (EEG) verwendete.
Während die Probanden einen Intelligenztest und einen Mix von diagnostischen Aufgaben lösten, nahm Neubauer die „ Ereignisbezogene Desynchronisation” (ERD) in Augenschein. Die ERD ist ein Indikator für den Aktivitätsanstieg in der Großhirnrinde. Auch bei dieser Studie verbrauchten die intelligentesten Hirne am wenigsten „Gehirnschmalz”.
Doch ein anderer Unterschied fiel bei der Untersuchung erstmals und sehr viel stärker ins Gewicht: Die Gehirne kluger weiblicher Probanden verbrauchten beim Bearbeiten sprachlicher Aufgaben am wenigsten Energie, während männliche Schlauköpfe diejenigen Probleme, die räumliches Denken erforderten, am energieeffizientesten lösten. Eine schöne Bestätigung der psychologischen Binsenweisheit, dass Frauen beim Lösen verbaler Aufgaben die Männer übertrumpfen, während Männer beim Bewältigen räumlicher Anforderungen überlegen sind.
Offenbar kann man es sich beim Denken nur da leisten, mit Schwachstrom zu arbeiten, wo man am meisten auf dem Kasten hat.
Rolf Degen




