„Nur eben die neuesten Benachrichtigungen checken…“ – und schon ist wieder eine halbe Stunde vergangen, ohne dass wir uns richtig daran erinnern können, was wir in dieser Zeit überhaupt gemacht haben. Manche Menschen beschreiben ihren Social-Media-Konsum als eine Art Sucht, bei der sie, ohne es wirklich zu wollen, Stunden damit verbringen, durch verschiedene soziale Netzwerke zu scrollen, und sich am Ende darüber ärgern, die Zeit nicht sinnvoller genutzt zu haben. Und auch ohne das Gefühl einer Sucht kennen viele Menschen den Effekt, dass die Uhr schneller zu gehen scheint, wenn sie sich mit Facebook und Co. ablenken.
Gedankenloses Scrollen
Ein Team um Amanda Baughan von der University of Washington in Seattle hat sich nun näher mit diesem Effekt und möglichen Abhilfen beschäftigt. Dazu entwickelten die Forscher eine eigene App namens Chirp, die das reale Twitter-Konto der Nutzer einbindet, zugleich aber integrierte kurze Befragungen sowie Interventionen ermöglicht. 43 Twitter-Nutzer aus den USA verwendeten die App zu Forschungszwecken einen Monat lang. Bei jeder Sitzung poppte nach drei Minuten und in regelmäßigen Abständen danach ein Dialogfeld auf, in dem die Nutzer auf einer Skala von eins bis fünf angeben sollten, inwieweit sie der Aussage zustimmten „Ich benutze Chirp derzeit, ohne wirklich darauf zu achten, was ich tue.“
18 der 42 Testpersonen stimmten dieser Aussage mindestens einmal zu – für die Forscher ein Hinweis darauf, dass die Teilnehmer in einen Zustand der Dissoziation geraten waren. „Dissoziation wird dadurch definiert, dass man völlig in das vertieft ist, was man gerade tut“, erklärt Baughan. „Aber die Leute merken erst im Nachhinein, dass sie dissoziiert haben. Wenn man aus der Dissoziation herauskommt, hat man also manchmal das Gefühl: Wie bin ich hierher gekommen?“ Ein ähnlicher Effekt kann sich einstellen, wenn man ein spannendes Buch liest oder sich Tagträumen hingibt.
Dissoziation statt Sucht
Baughans Beobachtung nach schämen sich viele Menschen für ihre exzessive Nutzung sozialer Medien. Aus Sicht der Forscherin kann der Begriff „Dissoziation“ statt „Sucht“ dabei helfen, das Narrativ zu verändern: „Anstelle von: ‘Ich sollte in der Lage sein, mehr Selbstkontrolle zu haben’, heißt es eher: Wir alle dissoziieren im Laufe des Tages auf vielfältige Weise – ob wir nun träumen oder durch Instagram scrollen, wir hören auf, auf das zu achten, was um uns herum passiert“, beschreibt sie. Das sei nicht unbedingt schlecht, sondern könne durchaus zur Entspannung beitragen. Problematisch werde es allerdings, wenn die Nutzer das Gefühl haben, ihre Zeit verschwendet zu haben und in der Folge unzufrieden sind.
„Eine der Fragen, die wir uns gestellt haben, war: Was passiert, wenn wir eine Social-Media-Plattform so umgestalten, dass sie weiterhin das bietet, was die Leute an ihr mögen, aber mit dem ausdrücklichen Ziel, dass der Benutzer die Kontrolle über seine Zeit und Aufmerksamkeit behält?“, sagt Baughans Kollege Alexis Hiniker. Nach der ersten Woche, während der die Probanden die App Chirp frei genutzt hatten, bauten die Forscher daher Interventionen ein, die den Nutzern helfen sollten, ihre Mediennutzung bewusster zu gestalten. Nach einem Monat führten sie mit elf Teilnehmern ausführliche Interviews zu ihren Nutzungserfahrungen.





