Let’s get physical: In hautengem Anzug schlängelt sie sich über die Bühne, wirft ihre langen Locken lässig in den Nacken und haucht à la Marilyn „Carbons are the girls best friends” ins Mikrophon – so lernt man gerne die Modifikationen des Kohlenstoffes. Lynda Williams dürfte Amerikas ungewöhnlichste Physik-Dozentin sein. Doch das sexy Outfit holt die attraktive Wissenschaftlerin nur abends aus ihrem Schrank, wenn sie als „ Physics Chanteuse” das kalifornische Publikum in den Varietés der San Francisco Bay Area unterhält – tagsüber unterrichtet sie ganz seriös an der San Francisco State University. Williams One-Woman-Show ist ein unterhaltsamer Mix aus Kabarett, Musik-TV und Schulfernsehen. Stimmgewaltig bringt die 38jährige selbstkomponierte Lieder zum besten, etwa den Bosonen-Love-Song, in dem sie über subatomare Teilchen reimt. Physikgrundkenntnisse können dabei nicht schaden:
„Gluons are strong they make the quantum-chromo glue binding quarks into atoms like I am bound to you” In jeder ihrer Show-Einlagen steht die Wissenschaft im Mittelpunkt. So auch bei den selbstproduzierten Videoclips, in denen sie dickbebrillt im Laborkittel als „verrückte Forscherin” auftritt und das Ozonloch stopft. Zwischen Fulleren- Balladen sorgt sie mit Parodien für Stimmung, zum Beispiel auf Madonnas „Material Girl”: „Some boys kiss me, some boys hug me I think they are passé If they can’t talk about quantum theory I just walk away”
Kein Wunder also, daß das kalifornische Multitalent immer häufiger für wissenschaftliche Kongresse angeheuert wird und Pep unter das eher muffig-konservative Publikum bringen soll. Das ist Spaß für die Experten, doch hartes Brot für Williams. Für ein Festival zu Ehren von Kip Thorne, einer Koryphäe auf dem Gebiet der Schwarzen Löcher, nahm Williams Nachhilfestunden in String-Theorie: „Ich hatte das Gefühl, für ein Physik-Examen zu lernen, nur daß die Prüfung diesmal gesungen werden mußte!”
Das Ergebnis konnte sich sehen und hören lassen: Zur Melodie des Beatles- Songs „Blackbird” textete Williams ihren „Black Hole Song” und besang LIGO, den Gravitationswellen-Detektor von Thorne – untermalt von einem selbstproduzierten Soundtrack, der den Zusammenstoß zweier Schwarzer Löcher wiedergibt. Die „Chanteuse” ist für Williams ein Ventil, ihre Beobachtungen in der physikalischen Welt auszudrücken. Dabei wird sie durchaus politisch. „Ich möchte nicht nur die Schönheit der Natur besingen, sondern auch die Konflikte, die mit dem Wissen um die Natur verbunden sind.”
Williams kam auf Umwegen zur Physik. An der Universität Sacramento hatte sie sich zunächst für Politik und Philosophie eingeschrieben, „doch um etwas über die Bedeutung des Universums sagen zu können, mußte ich Mathematik und Naturwissenschaften verstehen”, erzählt die flotte Physikerin. Sie schaffte es, das Versäumte nachzuholen. „Ich habe viel gebüffelt – und geweint, wenn ich im Scientific American etwas nicht verstanden habe.” Das Ergebnis: Williams leckte Blut, wechselte das Studienfach und diplomierte in Mathematik und Physik.
Ihre Bühnenqualitäten waren mit weniger Arbeit verbunden. Ihr Talent für Gesang, Tanz und Theatralik wurden ihr in die Wiege gelegt – und nach der Highschool als Go-Go-Girl ausgebaut.
Demnächst will die charmante Chanteuse mit ihrem physikalischen Kabarett auf Europa-Tournee gehen und Bücher schreiben. Ihr größter Traum: Eine eigene Show am Broadway. „Wenn man erfolgreich über Katzen ein Musical machen kann, warum nicht auch über den Big Bang?”
Désirée Karge / Lynda Williams




