bild der wissenschaft: Die Ausschläge in der Weltwirtschaft nach oben wie nach unten werden heftiger, die Zeiträume, in denen das geschieht, immer kürzer. Wie wird das weitergehen, Herr Professor Schneidewind?
Uwe Schneidewind: Die Ausschläge sind ein Zeichen dafür, dass die Welt nicht nur ökologisch, sondern zunehmend auch ökonomisch überhitzt ist. Wenn wir nicht zu neuen Wachstums- und Wohlstandsmodellen kommen, werden diese Fieberkurven sogar noch stärker werden.
Sehen Sie Licht am Ende des Tunnels?
Die Anpassungs- und Veränderungsprozesse werden Jahrzehnte dauern. Schließlich geht es ja nicht nur darum, Produkte oder
Produktionsprozesse zu verändern. Sondern es geht darum, die Weltwirtschaft neu zu organisieren und soziale Gerechtigkeit im globalen Maßstab zu etablieren. Wie viel Zeit dabei ins Land gehen kann, zeigt ein Blick auf die Klimadebatte. In drei bis fünf Jahren ist da nicht viel zu erreichen. Um auf Ihre Frage konkret einzugehen: Ich sehe Licht am Ende des Tunnels, doch der Tunnel ist noch sehr lang.
Wie wichtig ist wirtschaftliches Wachstum, um das Tunnelende zu erreichen?
Wir am Wuppertal Institut fragen nicht, ob Wachstum wünschenswert ist oder nicht. Wir orientieren uns an empirischen Feststellungen – und da zeigt sich, dass die Volkswirtschaft in vielen Industriegesellschaften stagniert oder sogar schrumpft – allein schon aus demographischer Sicht. Deshalb denken wir vor allem darüber nach, wie wachstumsunabhängige Gesellschaften aussehen können. Wir sind zuversichtlich, neue Wohlstandsmodelle formulieren zu können, die Nachhaltigkeitsprinzipien folgen.
Was ist für Sie Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit ist für mich nichts anderes als Gerechtigkeit. Die
Art und Weise, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen, macht sich auch daran fest, wie wir Menschen miteinander umgehen. Unser ökologischer Raubbau ist ein Vergehen an Menschen, deren Lebensraum von uns ausgebeutet wird, sowie ein Vergehen an zukünftigen Generationen.
Der Begriff Nachhaltigkeit geht vielen flugs über die Lippen, ohne das eigene Handeln darauf abzustellen.
Eine unserer Schlüsselfragen ist in der Tat: Wie sehen die Transformationsprozesse hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft aus? Nach zwei Jahrzehnten der Umweltforschung müssen wir erkennen, dass es nicht so einfach funktioniert, wie zunächst erhofft. Ursprünglich waren wir der Meinung, man müsse nur erklären, wie die Zusammenhänge aussehen, und schon würden die Menschen die Erkenntnis in vernünftiges Konsumhandeln umsetzen. Heute wissen wir, dass Konsumentscheidungen so tief in kulturellen, sozialen und familiären Prozessen verwurzelt sind, dass neues Wissen alleine nicht reicht, um Verhalten zu verändern. Im Gegenteil: Statistiken offenbaren, dass es häufig die Umweltsensiblen sind, die den schwersten ökologischen Rucksack herumschleppen.
Nichtregierungsorganisationen – kurz: NGOs – verschaffen sich in der Nachhaltigkeitsthematik weltweit Gehör. Offensichtlich haben Politiker da etwas versäumt.
In reputationsgeprägten Branchen wie der Autoindustrie oder
Ernährungsindustrie sind Marken das höchste Kapital eines Unternehmens: Mercedes, Puma, Coca Cola – das sind Marken von einzigartigem Wert. Doch solche Marken sind anfällig für ökologische und soziale Skandale. Greifen NGOs Negativbeispiele auf, können sie Unternehmen erheblich zusetzen: Sie haben die Macht, Marken dauerhaft zu schädigen. Ich erinnere mich noch gut an die Imageschäden bei Shell durch die geplante Versenkung der Ölplattform Brent Spar. Greenpeace gelang es, das Unternehmen regelrecht vorzuführen. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in NGOs wird deren Rolle weiter stärken: Sie werden von vielen als glaubwürdige
Anwälte des Volkes gesehen, oft mehr als die Politiker.
Was bedeutet das für Politik und Wirtschaft? Wie kann die Glaubwürdigkeit zurückgewonnen werden?
Wir brauchen eine intelligente institutionelle und politische Flankierung. Und wir brauchen eine darauf abgestellte Angebotsstrategie der Wirtschaft. Ein Prinzip, für das sich schon der Gründungspräsident dieses Instituts Ernst Ulrich von Weizsäcker stark gemacht hat, sind Preise, die die ökologische Wahrheit ausdrücken. Umweltschädliche Bestandteile müssen angeprangert und höher besteuert werden.
Sie sind ein Freund der in Deutschland ab 1999 eingeführten
ökologischen Steuerreform?
Sie hat sich als ein erfolgreiches Steuerungselement erwiesen – auch deshalb, weil sie einer politisch gut vermittelbaren Logik folgt, nach dem Motto: Wir verteuern den Verbrauch von Energieressourcen und verbilligen durch die Steuereinnahmen den Faktor Arbeit, in dem wir durch diese Steuer einen Teil der Rentenversicherung finanzieren. Ich bin dafür, die von der jetzigen Bundesregierung angestrebte Energiewende durch weitere Etappen der ökologischen Steuerreform zu beleben.
Unter Ernst Ulrich von Weizsäcker wurde das Wuppertal Institut quasi über Nacht zu einer Institution. Wie ist es heute um das Institut bestellt, dessen Leitung Sie im vergangenen Jahr übernahmen?
Vor 15 Jahren waren wir Agenda-Setter, machten also auf bestimmte Themen erstmals aufmerksam: ökologische Steuerreform, Ressourcen-Effizienz, ökologische Rucksäcke … Inzwischen hat sich unsere Rolle gewandelt: Die meisten Partner, die mit uns zusammenarbeiten, suchen bei uns projektspezifische Unterstützung. Und: Die Zahl der Auftraggeber ist deutlich gewachsen. Mit Freude stelle ich fest, dass wir bei Wirtschaft und politischen Institutionen als ein hochkompetenter Partner wahrgenommen werden.
Die Ära von Weizsäcker machte das Institut bekannt. Doch unmittelbar nach seinem Weggang offenbarte sich, dass manches im Argen lag am Institut. Um die Jahrtausendwende wurde die Grundfinanzierung durch das Land Nordrhein-Westfalen heruntergeschraubt. Mehr noch: Der Wissenschaftsrat bemängelte bei seiner Begutachtung 2001 vieles und empfahl im Schlusssatz seiner zusammenfassenden Bewertung: „Für eine erfolgreiche Zukunft wird eine Neukonzipierung des WI vorgeschlagen.”
Nach innen war das ein hilfreicher Ruck. Er hat dazu geführt, dass wir unsere Drittmittelaktivitäten deutlich ausgeweitet haben, unsere Arbeit also deutlich stärker an Fragen orientieren, die Politik, Unternehmen und NGOs dringend beschäftigen. Unsere generelle Ausrichtung, transdisziplinäre Forschung zu betreiben – also Wissenschaft über die Grenzen einer Disziplin hinaus –, haben wir beibehalten. Aber wir sind inzwischen besser mit dem klassischen Wissenschaftssystem vernetzt. Der kommenden Begutachtung durch den Wissenschaftsrat, der das Wuppertal Institut Ende dieses Jahres wieder auf seine Qualität prüfen wird, sehen wir hoffnungsvoll entgegen.
Wie positioniert sich das Wuppertal Institut international?
Bei den Rankings der führenden globalen Think Tanks im Bereich Nachhaltigkeit rangieren wir immer in der Spitzengruppe. Unsere Stärke ist der integrative und sehr breite Ansatz: Wenn wir über den Klimawandel und seine politischen Handlungsstränge nachdenken, integrieren wir Strategien zu globalen Klimaverhandlungen ebenso, wie Fragen zum Verhalten einzelner Konsumenten.
Nach welchen Gesichtspunkten planen Sie Forschungsprojekte?
Gegenwärtig finanzieren wir das Institut zu 80 Prozent aus auftragsgebundenen Drittmitteln. Die übrigen 20 Prozent sind durch das Land Nordrhein-Westfalen grundfinanziert. 2010 waren das 2,2 Millionen Euro. Bis zum Jahr 2012 wird die Grundfinanzierung auf 4 Millionen Euro aufgestockt. Das hat die Vorgängerregierung unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) avisiert und die jetzige Regierung unter Hannelore Kraft (SPD) bestätigt. Mit den Landesmitteln können wir vielversprechende Projekte anschieben, für die es heute noch keinen Drittmittelmarkt gibt. Grundsätzlich gilt allerdings auch bei unseren Drittmittelprojekten, dass die Forschung einen innovativen Charakter haben muss: Das klassische Beratungsgeschäft verträgt sich nicht mit unserem Verständnis von Forschung.
Wodurch ergeben sich denn neue Projekte?
Ein schönes Beispiel ist unsere Studie zur Klimaneutralität von München. Zum 850-jährigen Stadtjubiläum 2008 schenkte die Siemens AG der Stadt eine Studie, die zeigen sollte, durch welche Maßnahmen München beim 900-jährigen Jubiläum im Jahr 2058 weitgehend klimaneutral sein könnte. Für die Stadt war das ein tolles Geschenk. Und der Auftraggeber Siemens bekam durch die Arbeit des Wuppertal Institut einen tiefen Einblick, welche Technologien für das Thema in Frage kommen. Die Studie stieß auch bei anderen Kommunen auf Interesse und brachte Folgeaufträge. Etwa den Wettbewerb „Innovation City Ruhr”, dessen Gewinner – die Stadt Bottrop – wir jetzt bei ihren Klimaschutzmaßnahmen wissenschaftlich begleiten. Das heißt: Aus einem Leuchtturmprojekt können ganze Projektfamilien entstehen.
Wo steht Deutschland in Sachen Nachhaltigkeit in zehn Jahren?
Gerade auch durch die politisch mutigen Entscheidungen der letzten Monate glaube ich, dass Deutschland seine weltweite Vorreiterrolle weiter ausbauen wird. Das Land kann so zum weltweiten Maßstab werden, in welcher Form ein ökologischer Umbau einer Gesellschaft bei gleichzeitigem ökonomischen Erfolg möglich ist. Für das Wuppertal Institut ist es ein Geschenk, in einer Vorreiternation an so prominenter Stelle tätig sein zu dürfen. ■





