Keine überfüllten Hörsäle mehr, keine stickige Luft, keine unbequemen Klappsitze aus Holz. Stattdessen verfolgt der Student die Vorlesung von seinem Lieblingsplatz aus: am eigenen Schreibtisch, auf der Wiese im Park – oder im Bett. Solch idyllische Bilder riefen die Prognosen hervor, die Hans Peter Großmann 1996 im bdw-Interview machte (bild der wissenschaft 9/1996, „Frischzellenkur durch das Internet”). „Teleteaching in Realzeit wird kommen”, verkündete der Informationsexperte, damals Professor am Universitätsrechenzentrum Ulm.
2004 allerdings musste Großmann feststellen, dass Vorlesungen in Echtzeit noch kaum verbreitet waren (bild der wissenschaft 6/2004, „Uni im Internet”). Und heute? „E-Learning ist angekommen und fest in den Uni-Alltag integriert”, sagt die Psychologin Ulrike Cress, stellvertretende Direktorin des Tübinger Leibniz Instituts für Wissensmedien.
Dabei fasst Cress den Begriff „E-Learning” allerdings viel weiter als Großmann. Sie versteht darunter auch interaktive Portale und simple Download-Angebote für Powerpoint-Folien, die der Dozent zur Verfügung stellt. „Das haben vor zehn Jahren nur die Pioniere gemacht. Heute tun das beinahe alle Professoren, einfach weil die Studenten es fordern”, sagt Cress’ Kollegin Anne Thillosen. Sie leitet das E-Learning-Informationsportal e-teaching.org.
Der Austausch von Materialien läuft beispielsweise über sogenannte Learning-Management-Systeme (LMS). Hier können die Dozenten für jeden Kurs und jede Vorlesung Skripte bereitstellen, aber auch Studenten reichen auf diesem Weg ihre Arbeiten ein. Fast jede Hochschule hierzulande verfügt darüber – von den 91 staatlichen Universitäten in Deutschland hat als Einzige die Universität des Saarlandes keines.
Die LMS sollen jedoch nicht nur Unterrichtsmaterialien bieten. Als wesentlichen weiteren Aspekt von E-Learning bezeichnet Thillosen „die Gelegenheit zum Austausch mit Kommilitonen, zur Aktivierung von Studierenden und zur gemeinsamen Konstruktion von Wissen”. Wie intensiv die Potenziale dieser Systeme tatsächlich genutzt werden, ist allerdings nur schwer zu erfassen.
In einem anderen Bereich ist die Entwicklung jedoch unstrittig: Unter dem Stichwort „Digitalisierung der Hochschule” schaffen Universitäten neue Gesamtkonzepte – zum Beispiel die RWTH Aachen. Im Dezember 2014 beschloss sie die Einführung eines innovativen Campus-Management-Systems. Es bezieht alle Vorgänge im Studentenleben mit ein – vom Bewerben über das Einschreiben, den Zugang zur Bibliothek und die Nutzung weiterer Materialien bis zur Prüfungsverwaltung funktioniert alles digital über ein einziges System. „Es geht darum, die Lehre insgesamt studentenfreundlicher zu machen”, erklärt Ulrike Cress.
Vorlesungen vom Sofa aus verfolgen zu können, ist indes eine Randerscheinung geblieben. Teleteaching und Videokonferenzen für Studenten sind allenfalls für Fernuniversitäten interessant, oder in Einzelfällen für Menschen mit körperlicher Behinderung. Auch 2015 sitzen junge Menschen dicht gedrängt auf hölzernen Klappsitzen und hören Professoren zu, die oft noch mit Kreide an grüne Schiefertafeln kritzeln.
Der Student kann das dann auf einem Papierblock oder auf seinem Tablet mitschreiben. Oder er fotografiert die Tafel mit dem Smartphone. Henrike Wiemker





