Absolutes Gehör An meine Schulzeit denke ich mit gemischten Gefühlen zurück. Das Klassenziel habe ich zwar stets erreicht. Doch es gab immer wieder Situationen, die wochenlanges Bauchgrimmen bei mir auslösten – das herannahende Vorsingen im Musikunterricht zum Beispiel. Ich selber traute mir nicht zu, laut und vernehmlich zu intonieren, weil ich glaubte, nur selten den richtigen Ton zu treffen. Folglich fristete ich mein Dasein als anerkannter Brummer – unmusikalisch eben. Nun entnehme ich dem Beitrag von Wolfram Knapp, meinem früheren bdw-Kollegen, in unserer Titelgeschichte, dass jeder Mensch zunächst einmal mit dem absoluten Gehör ausgestattet ist, das es ihm ermöglicht, einen beliebigen Ton zu identifizieren oder singen zu können. Offenbar habe ich also etwas verloren, was mir in die Wiege gelegt worden ist. Zu meiner Überraschung befinde ich mich im Einklang mit Musikern: Selbst in dieser Berufsgruppe ist nur jeder Zwanzigste in der Lage, die Tonhöhe ohne Vorgabe zu treffen.
„Das Gehirn giert nach Musik”, heißt es auf dem Titelbild. Warum das so ist und welch unglaubliche Verschaltungsleistung unsere 1,5 Kilogramm schwere Steuerungszentrale erbringt, können Sie auf den Seiten 24 bis 41 ebenso nachlesen wie den beeindruckenden Erfolg der Parkinson-Patientin Alice, die ihre Glieder durch Musik aus dem Walkman stimulieren lernte und nun wieder sicheren Schrittes über die Straße gehen kann. Faszinierende Forschungsergebnisse – vorgestellt durch hervorragende Wissenschaftsjournalisten. Neben Wolfram Knapp sind das die Neu-Ulmer Biologin Dr. Karin Hollricher sowie der Berliner Mediziner Dr. Martin Lindner.
Übrigens: Selbst mein Gehirn verlangt nach Musik – und die Gier wird mit dem Alter größer. Angesichts meiner schulischen Phobie beobachte ich diese Entwicklung mit größter Freude. Ohne je darin unterrichtet worden zu sein, was den Unterschied ausmacht, gelingt es mir heute, einigermaßen treffsicher herauszuhören, welche Soli von einem Alt- und welche von einem Tenorsaxofonisten stammen. Wenn das keine Karriere ist für einen Brummer!
Wolfgang Hess





