Freud meinte das ernst. In seiner Sicht der Dinge haben zwei Entdeckungen dem menschlichen Narzissmus eine schwere Wunde zugefügt: das heliozentrische Weltbild und die Idee der sich im Laufe von Generationen verändernden Arten. Kopernikus – so Freud – habe den Menschen gezeigt, dass sie nicht im Zentrum der Welt stehen, und Darwin habe ihnen verboten, sich als Gipfel des Tierreichs – als Krone der Schöpfung – anzusehen. Zu diesen beiden Kränkungen käme nun eine dritte hinzu: Freud machte als Vater der Psychoanalyse deutlich, dass die Menschen nicht einmal Herr im eigenen Haus seien. Ihr bewusst planendes Denken entspringt verborgenen Quellen. Und was aus diesem Dunkel strömt, entscheidet darüber, wie wir uns verhalten und wie wir handeln.
Der Abtritt der Welt
Ich will nicht danach fragen, wieso ein Arzt stolz darauf ist, keine Gesundung, sondern eine Kränkung seiner Patienten herbeigeführt zu haben. Sondern ich will prüfen, was von Freuds Sicht der Dinge zu halten ist. Denn Freuds drei Kränkungen werden häufig zitiert, so dass der Eindruck entsteht, sie wären berechtigt und würden die historische Wirklichkeit wiedergeben.
Tatsächlich könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein, denn was Freud über Kopernikus und Co. behauptet. Seine Aussagen sind derart irreführend, dass ein Nachdenken darüber lohnt, warum die Intellektuellen heute noch – trotz aller Aufklärung – nicht nur gerne und fest an diese Kränkungen glauben , sondern einige Freud sogar übertreffen wollen (siehe zum Beispiel die FAZ vom 21. Januar 2017, Seite 20). Sie führen eine vierte und fünfte Kränkung an, die der Mensch durch die Wissenschaft erfahren haben soll, etwa die digitale Kränkung – der Mensch könne die selbst erschaffene Computertechnologie und künstliche Intelligenz nicht beherrschen. Wie konnte Freud die Menschen mit seiner Trias so sehr in die Irre führen?
Es reicht schon der Blick auf das heliozentrische Weltbild: Wie Wissenschaftshistoriker schon länger publiziert haben, stellte die zentrale Position, die die Erde vor Kopernikus einnahm, keine Auszeichnung, sondern eine “Demütigung des Menschen” dar, wie der Philosoph Rémi Brague es nennt. Wie hätte das Mittelalter sie auch sonst akzeptiert? Zu jener Zeit galt Demut als gesellschaftliches Primat, und der Platz des Menschen konnte nur die tiefste Stelle sein. Zudem: Der Himmel der kugelförmigen Welt ist oben; die Erde, auf der die Menschen leben, ist unten. Sie ist der “Abtritt”, wie es Immanuel Kant bezeichnete.
Was Freud schreibt, ist somit das Gegenteil der Wahrheit. Die zentrale Stelle der Erde war nie ein Ehrenplatz. Im Bereich der Astronomie stellte das Zentrum den allerbescheidensten Platz dar, wie sogar Galileo Galilei einräumte, als er in seinen Dialogen den klugen Salviati sagen lässt: “Was die Erde betrifft, so versuchen wir, sie zu veredeln, indem wir sie zurück in den Himmel setzen.” Mit anderen Worten, als Kopernikus die Erde aus der Mitte nahm, brachte er sie – und damit uns – näher zu den Göttern. Und so wurde sein Tun auch von den Zeitgenossen verstanden.





