Vom 3. Juli an treten sie wieder in die Pedale. Das größte Radsportereignis der Welt – die Tour de France – beginnt. Mehr als 3680 Kilometer werden die Athleten zurücklegen, steile Bergstraßen hinauf, durch Hitze und Hagel. Ohne wissenschaftliche Unterstützung kann längst keiner mehr gewinnen. Aber – der bis heute nachwirkende Skandal des letzten Jahres hat es gezeigt – manche Sportler benutzen biowissenschaftliche Erkenntnisse, um ihre Leistung illegal zu manipulieren. Nicht nur im Radsport. Manchmal drängt sich der Eindruck auf, es gebe eine Art Wettlauf zwischen Wissenschaftlern, die neue unerlaubte Methoden zur Leistungssteigerung ersinnen, und Kontrolleuren, die Verbotenes aufdecken wollen. Aber der Verdacht, die Biowissenschaften würden systematische Dopingforschung betreiben, ist falsch.
Forschung für’s Doping? Jedes der hauptsächlich eingesetzten Dopingmittel hat eine medizinische Vorgeschichte. In den sechziger und siebziger Jahren waren es die anabolen Steroide, in den achtziger Jahren Wachstumshormone, in den neunziger Jahren Erythropoietin (EPO), die in den Sport Einzug hielten. Diese Wirkstoffe sind alle Hormone oder Hormon-abkömmlinge. Anabolika werden eingesetzt bei Krankheiten, die mit Eiweißabbau – und damit Muskelschwund – einhergehen, Wachstumshormon zum Ausgleich von Hormondefiziten bei kleinwüchsigen Menschen und EPO zur Behandlung der Blutarmut bei Nierenkranken. Der Sport entdeckte die Medikamente für seine Zwecke, und fortan machten sie eine unrühmliche Karriere als Dopingmittel. Aber weder Ressourcen noch Manpower der Sportmedizin reichen aus, um neue Mittel und Methoden zur ausschließlichen Leistungsmanipulation im Sport zu finden und bis zur Serienreife zu entwickeln.
Auch künftig wird man nicht vermeiden können, daß Entwicklungen und Erkenntnisse, die die medizinische Diagnostik und Therapie verbessern, von Sportlern mißbraucht werden. Vor allem Genetik und Molekularbiologie gewinnen an Bedeutung. Die Manipulation des Erbguts zur Leistungsoptimierung ist denkbar geworden. Die Medizin arbeitet zur Zeit an einer Gentherapie gegen fortschreitende Muskelschwäche. Die Wissenschaftler selbst haben darauf hingewiesen, daß die Methode auch zum Aufbau von Muskelmasse bei gesunden Menschen mißbraucht werden könnte.
Eine Gentherapie zum Muskelaufbau Von einer systematischen Dopingforschung kann aber keine Rede sein. Sport jedweder Art braucht eine wissenschaftliche Begleitung, die es dem Athleten ermöglicht, sein Leistungsvermögen im Training optimal zu entwickeln und im Wettkampf abzurufen, ohne seiner Gesundheit auf Dauer zu schaden. Die zunehmende Kommerzialisierung des Spitzensports führt zu immer mehr Wettkämpfen, die Erholungszeiten werden immer kürzer. Um so wichtiger ist es zu wissen, was man dem Körper zumuten kann. Gesundheitliche Standards müssen eingehalten werden. Belastbarkeit und Trainierbarkeit des Herzens standen in den vergangenen Jahrzehnten im Mittelpunkt sportmedizinischer Forschung. Nun ermöglichen immunologische Studien auch Aussagen über belastungsabhängige Erkrankungen des Abwehrsystems. Die Ergebnisse dieser Forschung liefern wichtige Argumente zur Einforderung notwendiger Pausen, um den Organismus vor Überlastungen oder gar Schäden zu bewahren.
Sportmedizin dient auch der Gesundheitsvorsorge Darüber hinaus versteht sich die wissenschaftliche Begleitung des Sports und des Sportlers auch als Anti-Dopingforschung. Die Versuchung für einen Sportler ist vielleicht geringer, vermeintliche Nachteile gegenüber dopenden Sportlern seinerseits mit Medikamenten zu kompensieren, wenn er weiß, daß die wissenschaftliche Trainingsgestaltung ihm hilft, seine körpereigenen Fähigkeiten optimal zu nutzen.
Vieles, was sich im Leistungssport bewährt hat, konnte zudem in den Gesundheitssport übertragen werden, besonders bei Prävention und Rehabilitation. Überspitzt formuliert: So mancher Kranke profitiert von einem Olympiasieger. Bewegungs- und Trainingsprogramme für Patienten oder zur Gesunderhaltung basieren zum Teil auf den Ergebnissen wissenschaftlicher Studien an Leistungssportlern. Die Kenntnis, wie sich der Körper von Hochleistungssportlern an extreme Belastungen anpaßt, erleichtert die Einschätzung und Therapie von Krankheiten an Organen, Knochen und Gelenken beim Nichtsportler. Die vor Jahrzehnten als revolutionär bezeichnete Frühmobilisierung und Bewegungstherapie von Herzinfarktpatienten ist nicht zuletzt eine Folge der Erkenntnisse aus dem Leistungssport.
Der Sport braucht die Wissenschaft, und auch die Medizin profitiert davon. Neue experimentelle Techniken werfen aber die Frage auf, ob alles erlaubt werden kann, was machbar ist. Diese Problematik betrifft jedoch nicht nur den Sport und darf nicht Veranlassung sein, innovative Forschung einzuschränken.
Wilfried Kindermann




