Die Wissenschaft ist schon eine seltsame Welt: Junge Forscher haben zwar meist die besten Ideen, doch im Rampenlicht stehen die älteren, oft ihre Chefs. Sicher liegt das daran, daß gute Ideen Zeit brauchen, bis sie sich als gut erweisen, manchmal ist der Grund aber auch, daß die erfahrenen Kollegen sich lange dagegen sträuben, neue Ideen als gut anzuerkennen. Kreativität ist Trumpf. Kein Wunder also, daß wichtige Institutionen der deutschen Wissenschaft die Förderung junger Forscher auf ihre Fahnen geschrieben haben. Soweit die Glaubensbekenntnisse in Festreden. Wie wenig von dem guten Willen allerdings in die Praxis übertragen wird, das schilderte vor kurzem ein kreativer junger Biologe in der Süddeutschen Zeitung. Der 29jährige hat einiges vorzuweisen im Spezialgebiet Forensische Entomologie, zu deutsch: Insektenkunde für die Kriminalistik – mehrere Fachbücher, Gutachtenaufträge aus vielen Ländern und nicht zuletzt die Lösung eines spektakulären Kriminalfalls in Niedersachsen. Er gab seinen Job in New York auf, um sein exotisches Fachgebiet in Köln heimisch zu machen. Doch so leicht, wie er hoffte, ging das nicht. Besonders die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) erregte seinen Zorn: Geräte mußten umständlich über die DFG-Zentrale bestellt werden, eine wichtige Order wurde anscheinend verschlampt, und die beantragten Fördergelder waren nach sieben Monaten immer noch nicht verabschiedet. Verständlich, daß er – nach viel unkomplizierteren Amerika-Erfahrungen – Festreden des DFG-Präsidenten zur Förderung von jungen Forschern nur noch als lächerlich empfand und seiner Enttäuschung in dem Zeitungsartikel freien Lauf ließ. Eine Woche später kam prompt im gleichen Blatt die Reaktion der Forschungsgemeinschaft: In einem offenen Brief an den „lieben Herrn” wird zunächst einmal bedauert, daß der Förderantrag vier Tage vor Erscheinen seines Artikels abgelehnt worden sei. Die DFG-Sprecherin fügt hinzu: „Es ist natürlich besonders schmerzlich, wenn ein so ausgewiesener junger Wissenschaftler wie Sie es sicher sind, in einem Exzellenzprogramm … nicht zum Zuge kommt.” Es folgt der überhebliche Hinweis: „Selbstverständlich stehen Ihnen andere Förderverfahren der DFG … offen.” Am Ende des Briefes singt sie das hohe Lied der Selbstkritik und schließt: „In diesem Sinne hoffen wir, daß Sie der DFG verbunden bleiben.” Ich will den Brief nicht weiter auf subtile Ignoranz, Arroganz oder Rechthaberei untersuchen. Wer so auf – vielleicht nicht berechtigten, aber verständlichen – Zorn eines jungen Forschers reagiert, wer junge Menschen so zynisch abkanzelt, der hat jedes Vertrauen verspielt, die Sorgen und Nöte des wissenschaftlichen Nachwuchses ernst zu nehmen. Und dies von einer Institution, die den Auftrag hat, die Forschung in Selbstverwaltung der Forscher zu fördern. Wer seine Arbeit daran mißt, daß fast alle deutschen Nobelpreisträger schon einmal Geld von der DFG bekommen haben, verkennt das Problem. Es geht nicht um einzelne Forscher, die das Glück und das Talent haben, die höchste Ehre zu erringen. Es geht um die Forschungslandschaft Deutschlands von morgen. Da nützt es wenig, den Schwarzen Peter auf andere Institutionen oder gar auf das Ausländerrecht zu schieben. Wer an dieser zentralen Stelle Defizite erkennt, muß selbst tun, was er nur tun kann. Etwa junge Forscher, die gerade aus USA zurückkommen, beraten und unterstützen. Andernfalls sorgt er dafür, daß weitere Talente nach Amerika abwandern.
Reiner Korbmann




