Auf der indonesischen Insel Borneo steht das Care Centre der Orang Utan Foundation International am Rande des Tanjung Puting Nationalparks. 170 verletzte oder als Haustiere gehaltene Orangs werden hier auf ein Leben in der Wildnis vorbereitet – ein oft jahrelanger Prozess. „Zunächst wird möglichst jedes Orang-Baby von einer menschlichen ,Pflegemutter‘ versorgt”, erzählt Projektkoordinatorin Lisa Brooker. Die Frauen achten darauf, dass ihr Schützling spielt, isst, trinkt und sich wohl fühlt – manchmal rund um die Uhr. Die Orangs lernen, was ein Affe zum selbstständigen Überleben in der Wildnis braucht: Klettern, Schlafnester bauen und geeignetes Futter suchen. „Dabei imitieren sie ihre Artgenossen, mit denen sie im Care Centre spielen”, sagt Lisa Brooker. Aber auch „Learning by doing” hilft den Orangs, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Schließlich werden die Affen im Lamandau-Reservat des Tanjung Puting Nationalparks freigelassen. Die bisherige Bilanz: 16 Tiere haben seit 1998 den Weg in die Wildnis geschafft. Orang-Utans zählen zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten – ebenso wie ihre nächsten Verwandten, die im afrikanischen Dschungel lebenden Gorillas, Schimpansen und Bonobos. Zahlreiche Initiativen wurden gegründet, um die großen Menschenaffen vor dem Aussterben zu bewahren – angefangen von Auswilderungsstationen bis hin zu Entwicklungshilfeprojekten für die einheimische Bevölkerung. Das Überleben der Orang-Utans ist vor allem durch die zunehmende Zerstörung ihres Lebensraums gefährdet. Allein zwischen 1985 und 1997 wurde ein Viertel des indonesischen Regenwalds gerodet, um das Holz zu verkaufen, Plantagen mit Ölpalmen zu pflanzen und nach Gold zu schürfen. Bei den Großbränden, die 1997 und 1998 auf Borneo wüteten, wurde in manchen Gegenden mehr als die Hälfte des noch verbliebenen Lebensraums der Orang-Utans zerstört. Die auf immer kleinere Gebiete zusammengedrängten friedfertigen Orang-Utans sind leichte Jagdbeute. Davon profitieren Tierhändler. Vor allem in Taiwan sind die Menschenaffen begehrte Haustiere. Etwa 1000 Orangs wurden dorthin verkauft, zu einem Preis von bis zu 10000 US-Dollar für ein Orang-Utan-Baby. Die Besitzer halten die Orangs meist aus falsch verstandener Affenliebe. Kommen die Tiere in das fortpflanzungsfähige Alter, ist es mit der Tierliebe schnell vorbei. „Viele Orang-Utans werden dann aggressiv und hauen ab”, berichten Nilofer Ghaffer und Ashley Leiman von der Orang-Utan-Foundation-International. Manche von ihnen landen in einer der Auswilderungsstationen auf Borneo oder Sumatra. „Es mangelt aber noch an wissenschaftlichen Daten, die Erfolg und Misserfolg von Auswilderungsprojekten belegen könnten”, sagt Christof Schenck, Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, die Anfang der siebziger Jahre ein Auswilderungszentrum auf Sumatra ins Leben rief und ab Januar nächsten Jahres im dortigen Nationalpark Bukit Tigapuluh Orang-Utans auswildern wird. Eine der wenigen Studien über den Erfolg von Orang-Auswilderungen stammt von Carey Yeager, Biologin an der Fordham University in New York. Sie analysierte den Verbleib von 27 Tieren, die Biruté Galdikas, Gründerin der Orang-Utan-Foundation-International zwischen 1980 und 1982 in der Nähe der Forschungsstation Camp Leakey auf der Insel Borneo ausgewildert hatte. Die Bilanz: 1994 waren 14 Orangs nicht mehr aufzufinden. Ihr Schicksal ist ungewiss. 11 Orangs lebten noch in der Nähe des Camps. Sie hatten schnell das Interesse der wild lebenden Artgenossen auf sich gezogen: Das Ergebnis: 29 Kinder und Kindeskinder. Galdikas’ Auswilderungsprojekt war also ein großer Fortpflanzungserfolg. Dennoch gelten seit 1995 in Indonesien neue Regeln für die Auswilderung: Orang-Utans dürfen nur noch in Gebieten ausgesetzt werden, in denen keine wilden Artgenossen leben – wie zum Beispiel im Nationalpark Bukit Tigapuluh auf Sumatra. Christof Schenck nennt die Gründe: „Aus der Gefangenschaft stammende Orang-Utans könnten leicht ihre wild lebenden Artgenossen mit menschlichen Krankheiten anstecken, zum Beispiel mit Hepatitis, Polio oder Tuberkulose.” Außerdem seien ausgewilderte Orangs durch ihr dominantes Verhalten gegenüber wild geborenen Orangs aufgefallen. Zum Beispiel hätten sie versucht, ihnen das Futter streitig zu machen. Auch Biruté Galdikas sieht in der Auswilderung von Orang-Utans eher einen Akt der Fürsorge als eine geeignete Maßnahmen zur Arterhaltung. In den letzten Jahren hat sie sich daher verstärkt für den Erhalt des Lebensraums der Orang-Utans eingesetzt. Ein Beispiel: Nachdem vor zwei Jahren Eindringlinge das Gebäude der Parkverwaltung zerstört hatten, und kurz darauf in der Nähe von Camp Leakey aufgetaucht waren, organisierte sie Polizei- und Einheimischenpatrouillen, die etwa 1000 illegale Holzfäller vertrieben. Bis heute überwachen diese Truppen vier Flussmündungen, um eine weitere Zerstörung des Regenwalds zu verhindern. Sie sichern so das Überleben der dort beheimateten Orang-Utan-Population. Auch der Lebensraum der in mehreren Staaten Afrikas beheimateten Gorillas wird immer knapper. Zudem ist das Fleisch der Tiere eine beliebte Delikatesse (siehe nächster Beitrag „Die Menschaffen-Fresser”). „Wenn sich die Gelegenheit bietet, erschießen die Jäger gleich die ganze Gorillafamilie und verkaufen die Babys als Haustiere”, sagt Angela Meder von der Berggorilla und Regenwald Direkthilfe. Für in Gefangenschaft geratene Gorilla-Waisen bietet ein Projekt in der Republik Kongo Hoffnung: Seit Mitte der neunziger Jahre werden „Haus-Gorillas” konfisziert und in Gruppen im Lesio-Louna-Reservat ausgewildert. Heute leben dort drei Gorilla-Gruppen – zwei sind bereits unabhängig von menschlichen Fütterungen. Andernorts setzt man auf Ökotourismus, um die Gorillas zu schützen – zum Beispiel in den Virunga-Nationalparks, die im Dreiländereck zwischen Ruanda, der Demokratischen Republik Kongo und Uganda liegen. Seit 1979 können hier Besuchergruppen zusammen mit Wildhütern der ruandischen Nationalparkbehörde auf steilen Pfaden durch die nebelverhangenen Wälder der Vulkane wandern, um Gruppen von Berggorillas zu beobachten. Durch den Tourismus stieg die Zahl der Berggorillas Mitte der achtziger Jahre erstmals seit 30 Jahren wieder an. Denn durch ihre täglichen Exkursionen zu den Gorillas halten die Ranger Wilderer von den Menschenaffen fern. Die Ironie dabei: Das Risiko, sich bei den Touristen mit menschlichen Krankheiten anzustecken, zählt zu den größten Bedrohungen für das Überleben der Berggorillas. Zu diesem Schluss kommt der Mediziner Jaco Homsy. Er hatte im Auftrag des International Gorilla Conservation Programme die Gesundheitsrisiken für die Tiere untersucht. Jaco Homsy verschärfte die Richtlinien für den Gorilla-Tourismus: Die Besuchszeit beschränkt sich nun auf eine Stunde täglich, keiner der Besucher darf sich näher als sieben Meter an die Tiere heranwagen, und Besuchergruppen mit mehr als acht Teilnehmern werden nicht mehr zugelassen. Wegen der seit 1994 zunächst in Ruanda und dann vor allem im Ostkongo wütenden Bürgerkriege ging der Gorilla-Tourismus jedoch zurück. Verschiedene Rebellengruppen nutzten die Wälder auf den Virunga-Vulkanen als Basis für Angriffe in die Nachbarländer. Flüchtlinge zogen sich dorthin zurück und lebten von Feldern, die sie im Wald anlegten, und von der Jagd. Trotzdem ist die Gorilla-Population in den Virunga-Vulkanen in den letzten elf Jahren von 320 Tieren auf 355 Tiere angestiegen. „Wir haben die Wildhüter weiterbezahlt und sie haben weitergearbeitet”, begründet Eugène Rutagarama vom International Gorilla Conservation Programme diesen Erfolg. Südwestlich des Virunga-Nationalparks, im Osten der Demokratischen Republik Kongo liegt der Kahuzi-Biega-Nationalpark. Wildhüter-Patrouillen waren hier während des Krieges kaum möglich, zumal sich schwer bewaffnete Milizen im Park aufhielten. Die Folge: Von 1999 bis 2001 wurden nach Schätzungen von Naturschützern dort bis zu 7000 Gorillas abgeschlachtet. Heute leben vermutlich nur noch 1000 Grauergorillas in dem zum Weltkulturerbe der UNESCO zählenden Park. „Wir müssen den Einheimischen Alternativen für ihren Lebensunterhalt bieten”, sagt Angela Meder. In Khauzi Biega engagiert sich dafür die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Sie verschafft Menschen, die vorher ihren Lebensunterhalt durch Wilderei verdient hatten, Arbeit im Naturschutz. Nun soll für die östlich des Parks siedelnden Pygmäen Ackerland gekauft werden. Außerdem betreibt die GTZ eine Aufklärungskampagne über den Schaden, der im Nationalpark angerichtet wird – mit der zwei Mal jährlich erscheinenden Zeitschrift „Le Gorille” und lokalen Radiosendungen. Ebenso wie die Gorillas sind auch Schimpansen und Bonobos nicht nur durch den Wildfleischhandel, sondern vor allem auch durch die Vernichtung ihres Lebensraums bedroht. Die einst undurchdringlichen Tropenwälder auf den Hügeln entlang des östlichen Ufers des Tanganjikasees in Tansania sind heute fast kahl geschlagen. Der Tanganjikasee begrenzt den Gombe-Nationalpark, wo Jane Goodall mit ihrem Team seit mehr als 40 Jahren das Verhalten wild lebender Schimpansen erforscht. 1994 startete das Jane Goodall Institute ein Projekt, um die Lebensumstände der in den Dörfern am See wohnenden Menschen zu verbessern und gleichzeitig die Heimat der Schimpansen zu schützen. Heute verdienen viele Dorfbewohner in mehr als 50 Baumschulen ihren Lebensunterhalt. Sie bauen Gemüse an und bepflanzen die kahlen Hügel mit Obstbäumen und Bäumen zur Brennholzgewinnung. Auf die Zahl der Schimpansen hat sich das Aufforstungsprogramm bislang nicht ausgewirkt. Lebten vor 40 Jahren mehr als 150 Schimpansen in und um den Gombe-Nationalpark, so sind es heute nur noch etwa 100 im Inneren des Parks. „Wir hoffen aber, dass in 30 Jahren ein großer Teil der Hänge am Tanganjikasee wieder bewaldet ist”, sagt Peter Hammelsbeck vom Jane Goodall Institute in München. „Vielleicht kommen dann auch die Menschenaffen wieder zurück.” Am anderen Ende des Kontinents, im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste, untersucht seit 1979 Christophe Boesch, Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, das Verhalten von Schimpansen. Er gründete die Wild Chimpanzee Foundation – eine Initiative zur Erhaltung der Schimpansen und Bonobos sowie der afrikanischen Wälder. „Wir wollen etwa 25 überlebensfähige Schimpansen-Populationen unter besonderen Schutz stellen”, nennt Boesch die Strategie des Projekts. Mit Hilfe von Satellitenbildern sollen die Tiere ausfindig gemacht werden. Für jede der ausgewählten Populationen und ihren Lebensraum wird ein individuelles Schutzkonzept entwickelt – von Impfungen für die Anwohner, um Infektionen der Tiere zu vermeiden, bis hin zur Ausbildung von Wildhütern, die den Bestand regelmäßig kontrollieren. Aufklärungskampagnen stehen auch auf der Agenda der Wild Chimpanzee Foundation. Die Menschen sollen ihre Mitbewohner, die Menschenaffen, besser kennen lernen – am besten schon von Kindesbeinen an. „Wir wollen ein internationales Netz von Schulen gründen”, sagt Boesch. Im Internet sollen Unterrichtsmaterialien bereit gestellt werden, Informationen sollen zwischen den Schulen ausgetauscht werden, außerdem könnten Schulen bestimmte Schimpansen-Projekte unterstützen. An der Elfenbeinküste hat Boesch seine Sympathie-Kampagne für die Schimpansen und den Dschungel bereits begonnen. „Eine Theatergruppe vor Ort probt gerade ein Theaterstück, das wir im kommenden Mai in Abidjan aufführen werden”, erzählt er. Thema des Stücks: Wie kann man die Zerstörung des Regenwalds und die Ausrottung der Schimpansen verhindern?
Kompakt
Es existieren vermutlich nur noch etwa 23000 Orang-Utans und jeweils etwa 100000 Gorillas und Schimpansen. Das Hauptziel der Affenschutzorganisationen ist es, das Überleben der Menschenaffen wirtschaftlich attraktiv zu machen.
Monika Wimmer




