Einen drastischen Rückgang der Ozonschicht wie im Frühjahr 1997 brauchen die Deutschen auch dieses Jahr nicht zu befürchten. Das meint jedenfalls Dr. Christoph Brühl, Atmosphärenphysiker am Mainzer Max-Planck-Institut (MPI) für Chemie – auch wenn er als vorsichtiger Wissenschaftler sofort einschränkt: Ganz sicher könne man nie sein. Schließlich hatte die Ozonschicht in der Stratosphäre über Europa, die alles Leben vor harter UV-Strahlung schützt, auch im Winter 1996/97 lange Zeit ganz normal ausgesehen. Doch dann riss ein Loch über der Arktis auf – so groß wie nie zuvor. Es klaffte weit über Europa, ganz Deutschland war betroffen. „Im März gab es damals intensivere UV-Strahlung als normalerweise im Hochsommer”, erinnert sich Brühl. Das Drehbuch des Stratosphären-Dramas war bereits damals von Wissenschaftlern wie Prof. Paul Crutzen, Direktor am Mainzer MPI und Nobelpreisträger für Chemie 1995, weit aufgeklappt worden. Chlor und Brom, bis Ende der achtziger Jahre in Spraydosen in chemisch sehr stabilen Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoff-Verbindungen (FCKW) enthalten, sind seitdem als Hauptschuldige entlarvt. Diese Gase können unzersetzt dutzende von Kilometern hoch bis in die Stratosphäre aufsteigen. Die UV-Strahlung der Sonne setzt dort aus den FCKW Radikale frei – aggressive Fragmente –, die mit den Ozonmolekülen reagieren und zum Abbau führen. Ende der siebziger Jahre maßen Forscher in der Antarktis erstmals ein „Ozonloch” über dem Südkontinent. 1990 schreckten die Europäer auf, als auch über der Nordhalbkugel die Ozonschicht den Lochfraß bekam. Internationale Vereinbarungen, die wichtigste war das Protokoll von Montreal, legten Etappen eines FCKW-Ausstiegs fest. Produktion und Verwendung der ozonschädlichen Substanzen kamen in den Industrieländern fast völlig zum Stillstand. Doch es tummelte sich bereits viel FCKW in der Atmosphäre. Das Loch über dem Südpol wurde größer und größer. 1998 war es mit mehr als 27 Millionen Quadratkilometern ausgedehnter als die Fläche Nord- und Mittelamerikas zusammen – ein Ozon-Rückgang um fast 30 Prozent gegenüber 1980. „In den nächsten zehn Jahren dürfte die Ozonschicht über der Antarktis auf dem heutigen Stand bleiben”, sagt Brühl. In etwa 50 Jahren sollte sie zum Niveau vor dem großen Schwund zurückfinden.
Für die Nordhalbkugel indes sind Vorhersagen schwieriger. Zwar bildet sich über der Arktis – zum Vorteil für die Ozonschicht – kein wochenlang stabiler Kaltluftwirbel. Doch Treibhausgase aus menschlichen Aktivitäten sorgen nicht nur für die globale Erwärmung des Erdklimas, sondern paradoxerweise gleichzeitig für eine Abkühlung der arktischen Stratosphäre. Das bei der Zersetzung von Methan entstehende Wasser erleichtert zudem die Bildung stratosphärischer Wolken, was wiederum den Ozonabbau begünstigt. Negativ – betont Mark Weber von der Universität Bremen – wirkt sich auch nach Norden strömende Luft aus den Subtropen aus. Sie führt relativ wenig Ozon mit sich und vermindert zusätzlich die Konzentration des schützenden Gases im hohen Norden. Weber, der mit seinem Team die von Satelliten wie ERS und demnächst Envisat gemessenen Ozongehalte auswertet, hält für möglich: Die subtropischen Verdünnungseffekte könnten aufgrund des Klimawandels zunehmen, vielleicht sogar den positiven Effekt des FCKW-Rückgangs aufheben. MPI-Experte Brühl wagt die Prognose: Der Zustand der Ozonschicht über der Nordhalbkugel wird sich in den nächsten zehn Jahren erst verschlechtern, bevor der Schutzschirm sich langsam wieder erholt. Mitte des Jahrhunderts, hofft der Mainzer, könnte die Genesung vollständig sein.
Paul Janositz




