Religiöse Riten helfen, die Kooperation in einer Gruppe vor Ausbeutung abzusichern. Das könnte ein entscheidender Vorteil in der Evolution des Menschen gewesen sein.
„Man traue keinem erhabenen Motiv für eine Handlung, wenn sich auch ein niedriges finden lässt”, riet der britische Historiker Edward Gibbon schon im 18. Jahrhundert. Doch viele Menschen handeln scheinbar selbstlos. Gegenseitige Unterstützung, Kooperation und Arbeitsteilung sind sogar grundlegend für menschliche Gemeinschaften und ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Ausbreitung des Homo sapiens über den gesamten Planeten Erde. Religionen, so die These, haben hierbei einen förderlichen Effekt. Denn Rituale mit ihrem großen Aufwand gewährleisten, dass Mitglieder einer Gemeinschaft vertrauensvoll kooperieren können und minimieren die Risiken einer Ausbeutung durch „ Sozialschmarotzer”. Für diese These, die auf den ersten Blick ziemlich abwegig klingt, gibt es wissenschaftliche Indizien. Das macht sie zu einer der bislang besten Hypothesen zur Erklärung menschlicher Religiosität.
Evolutionsbiologen unterscheiden zwei Arten von Altruismus bei Tieren und Menschen: den genetischen (Verwandtenselektion, als „ Vetternwirtschaft” auch beim Menschen weit verbreitet) und den reziproken, also die wechselseitige Unterstützung.
• Der genetische Altruismus hat in der Natur beispielsweise zur Entstehung von Arbeiterinnen bei Ameisen und Bienen geführt: Sie können sich zwar nicht selbst fortpflanzen, aber aufgrund ihrer engen Verwandtschaft mit ihren Königinnen ist der gesamte biologische Nutzen, gemessen an der Zahl der eigenen Gene in der nächsten Generation, dennoch größer als die Kosten.
• Der reziproke Altruismus hingegen basiert auf gegenseitiger Hilfe zwischen Nichtverwandten, also einem Leistungstausch. Dabei kann im Extremfall dem Empfänger sogar das Leben gerettet werden, selbst wenn der Geber dafür relativ wenig leisten muss. Ein bekanntes Beispiel ist die Nahrungsteilung bei Vampirfledermäusen: Auch die erfolgreichsten Tiere gehen bei der Blutbeschaffung manchmal leer aus und werden dann von Gruppenmitgliedern gefüttert – andernfalls würden sie nach wenigen Tagen verhungern.
Das Grundproblem beim reziproken Altruismus sind Schmarotzer: Sie nutzen die gutwillig Kooperierenden aus, ohne selbst zu helfen, und unterlaufen somit das Unterstützungssystem. Im Tierreich ist dieser Altruismus daher selten, denn dafür sind kognitiv anspruchsvolle Fähigkeiten erforderlich – etwa das Erkennen der verschiedenen Gruppenmitglieder, die Erinnerung an ihre sozialen Interaktionen und eigene Vorleistungen, emotionale Bindungen sowie der Wille zur Bestrafung von Übel- tätern. Alle menschlichen Gruppen und Kulturen sind dagegen von einem hohen Grad an altruistischem Verhalten geprägt, und durch diese Kooperationen haben die meisten Individuen mehr Vor- als Nachteile. Insofern ist der Altruismus durchaus egoistisch – aber eben zu wechselseitigem Nutzen. Damit freilich die reinen Egoisten nicht einen noch größeren Nutzen hätten, muss sichergestellt sein, dass sie damit möglichst selten durchkommen.
Dieses Problem ist als „Tragedy of the Commons” bekannt (auf deutsch: „Öffentliches-Gut-Dilemma”). Die Bezeichnung geht auf einen Artikel des amerikanischen Ökologen Garrett Hardin zurück, der 1968 in der Fachzeitschrift „Science” publiziert wurde und sich auf eine 1833 veröffentlichte Parabel des Oxforder Ökonomen William Forster Lloyd stützt: Farmer, die ihr Vieh auf einer öffentlichen Weide fressen lassen, neigen dazu, möglichst viele Tiere auf die Weide zu treiben, um ihren persönlichen Gewinn zu maximieren, obwohl die Überweidung das öffentliche Gut schädigt oder gar zerstört. „Die Freiheit in einer Gemeinschaft bringt den Ruin für alle”, schrieb Hardin. Er verwendete das Wort „tragedy” nicht im literarischen oder moralischen Sinn, sondern in der von dem englischen Mathematiker und Philosophen Alfred North Whitehead geprägten Bedeutung des „gewissenlosen Wirkens der Dinge”. Solche „Tragödien” lassen sich häufig beobachten: bei der Verschmutzung und Ausbeutung von Land, Wasser und Luft, der Zerstörung von Lebensraum, bei verstopften Straßen und im Internet bei den Fluten von Werbe-Mails („Spam”). Wie sich die radikale Ausbeutung von öffentlichen Gütern verhindern lässt – durch Privatisierung, Steuern, Strafen und so weiter –, zählt zu den größten Herausforderungen überhaupt.
Durch Religiosität – so argumentieren einige Anthropologen nun – wird der reziproke Altruismus stabilisiert und mancher Trittbrettfahrer abgeschreckt. Denn gemeinsame Glaubensüberzeugungen und Rituale verbinden. Die These stammt von William Irons von der Northwestern University in Evanston. Religiöse Rituale drücken eine Verpflichtung aus, so der Verhaltensökologe. „Die Verpflichtung zu einer bestimmten Lebensweise und einer Gemeinschaft ist sehr viel überzeugender, wenn sie sich auf den starken Glauben stützt, dass die moralischen Regeln irgendwie von den Grundgesetzen der Natur oder den Geboten eines Gottes diktiert werden, statt bloß eine Vereinbarung zwischen Menschen zu sein.” Diese Verpflichtungen spiegeln sich Irons zufolge in den Lehren der verschiedenen Religionen. „Gesellschaften, die den unbedingten Gehorsam gegenüber einer Autorität fordern, haben mit großer Wahrscheinlichkeit auch einen Gott, der unbedingten Gehorsam fordert. Demokratischere Gesellschaften setzen andere Akzente, etwa eine Liebe zu Gott. Die Religionen hierarchischer Gesellschaften behaupten die Existenz einer stärker hierarchisch strukturierten übernatürlichen Welt als egalitärere Gesellschaften.”
Freilich könnten Egoisten ihre Religiosität nur vortäuschen, um von den Vorteilen der Gemeinschaft zu profitieren. Aber: Die Wahrscheinlichkeit dafür wird geringer, wenn der religiöse Aufwand groß ist. Hier kommt ein durch verhaltensbiologische Forschungen gut untermauertes Prinzip ins Spiel, das der Ökonom Robert Frank von der Cornell University „costly-to-fake principle” genannt hat. Im Deutschen spricht man von „teuren Signalen”. Sie sind nicht einfach zu fälschen, sonst wären sie wirkungslos. So machen beispielsweise gesunde Springböcke, wenn sie einen Fressfeind entdecken, hohe Luftsprünge statt schleunigst zu verschwinden. Was auf den ersten Blick wie Energieverschwendung aussieht, ist für das Raubtier eine Demonstration der Kraft seiner vermeintlichen Beute. Es jagt daher lieber Springböcke, die alt oder krank sind und sich die erschöpfende „Angeberei” nicht leisten können. Teure Signale sind also auch eine Art Handicap und Fitness-Indikator (siehe voriger Beitrag „Lohnender Luxus”).
Religiosität zeichnet sich ebenfalls durch teure Signale aus – durch vielfältige Formen von Verzicht und Anstrengungen: exzessives Beten, Nahrungstabus, Fasten, Askese, Pilgerzüge, Abgaben, Arbeitsleistungen, Zeit, Erlernen von Geboten, Beschneidungen, körperliche Exerzitien bis hin zu Geißelungen. Diese Signale werden hauptsächlich durch Rituale tradiert und bekräftigt – vor allem durch Initiationsrituale, und zwar meist in den besonders prägenden Jugendjahren. Das erklärt auch die Verbreitung scheinbar unsinniger oder sogar schädigender – also für die natürliche Selektion eigentlich nachteiliger – Verhaltensweisen, etwa körperlicher Verletzungen und Verstümmelungen.
„Teuer” ist aber relativ: Wer an den religiösen Signalen nur partizipiert, um den sozialen Nutzen abzuschöpfen, für den erscheinen die Kosten subjektiv viel höher als für jene, die „im Glauben leben”. Ein bloßes Mitmachen um der sozialen Vorteile willen scheint daher als zu aufwendig und wird folglich unterlassen – außer von jenen, die glauben und sich für die kurzfristigen Nachteile langfristige Vorteile versprechen – und sei es ein paradiesisches Leben nach dem Tod. Daher gilt der „ teure” Glaube eines Kooperationspartners auch als Indiz für dessen Zuverlässigkeit. Überdies propagieren die meisten Religionsgemeinschaften den Wert des Altruismus (bis hin zum Gebot der Nächstenliebe), wobei dieser vor allem gruppenintern gepredigt und praktiziert wird. Nach außen herrscht oft eine andere Moral.
Tatsächlich gibt es inzwischen einige gute Belege für die Hypothese der teuren Signale. Sie stammen vor allem von Richard Sosis, einem Anthropologen an der University of Connecticut. Seine Experimente ergaben, dass Menschen ähnlicher religiöser Überzeugungen effektiver zusammenarbeiten (siehe Kasten „ Kooperation im Kibbuz”). Außerdem hat er mit Eric Bressler von der McMaster University in Hamilton, Ontario, nachgewiesen, dass bis in historische Zeit religiöse Gemeinschaften langlebiger sind als weltliche – und zwar sind sie umso beständiger, desto restriktivere Regeln sie haben (siehe Kasten „Religiöse Überlegenheit”).
Das könnte erklären, warum religiöse Gemeinschaften, die ihren Anhängern besonders viel abverlangen, einen stärkeren Zulauf oder geringeren Mitgliederschwund haben als weniger autoritäre. So wachsen in den USA die Gruppierungen der Mormonen, Zeugen Jehovas und Siebenten-Tags-Adventisten, während liberalere protestantische Gemeinschaften wie die Presbyterianer und Episkopalkirchen Anhänger verlieren. Liberalisierungsforderungen unterlaufen also die „soziobiologische Logik” des religiösen Altruismus. Das könnte auch den starken Rückgang von Besuchern katholischer Messen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962) erklären, bei dem viele Vorschriften gelockert und einige Verbote aufgehoben wurden.
„Religion diente wahrscheinlich schon immer dazu, ihre Anhänger zu einen”, sagt Sosis. „Doch leider hat die Solidarität auch ihre Schattenseiten – davon zeugen die vielen religiös motivierten Konflikte auf der Welt.” Zusammen mit Candace S. Alcorta hat Sosis kürzlich untersucht, inwiefern auch der Terrorismus religiöser Prägung mit der soziobiologischen „Logik” vereinbar ist – Selbstmordattentäter wären als Extremform des Altruismus durchaus von Nutzen, wenn sie ihren Verwandten und der ganzen Gruppe Vorteile verschaffen. ■
Rüdiger Vaas
Ohne Titel
Menschen mit ähnlicher religiöser Überzeugung kooperieren effektiver als andere. Das wiesen der Anthropologe Richard Sosis von der University of Connecticut und der Ökonom Bradley Ruffle von der israelischen Ben-Gurion-Universität in Beer-Sheva bei Experimenten mit israelischen Kibbuz-Bewohnern nach.
Die vertrauensvolle Zusammenarbeit wurde mit einem Spiel gemessen. Zwei Personen A und B bekommen zusammen 100 Schekel (rund 18 Euro) angeboten – mit folgenden Regeln: Jeder kann nehmen, so viel er will, und das Geld behalten. Übersteigt der von beiden genommene Betrag die 100 Schekel, bekommt keiner etwas. Bleibt Geld übrig, wird der Betrag um 50 Prozent erhöht, und jeder erhält davon die Hälfte zusätzlich zum selbst entnommenen Betrag. Die beiden Personen wissen nichts von der Wahl des anderen und können sich auch nicht absprechen.
Nehmen A und B beispielsweise jeweils 40 Schekel, bleiben 20 übrig, sodass jeder am Schluss 55 Schekel hat. Will A 60 und B 50 Schekel, gehen beide leer aus – ein Beispiel für die Ressourcen-Ausbeutung durch Überkonsum. Verzichten beide, erhält jeder 75 Schekel. Diese Kooperation wäre also das Optimum für beide und zugleich fair – ein reziproker Altruismus par excellence. Doch wenn einer verzichtet und der andere 100 Schekel nimmt, hat er das individuelle Maximum herausgeholt – freilich mit dem Risiko, dass der andere vielleicht doch mindestens einen Schekel möchte und so beide nichts bekommen. Resultat der Tests: Die Zahl der gewählten Schekel variierte stark (von 0 bis 60). Die Experimente ergaben aber, dass Männer aus religiösen israelischen Kibbuzim signifikant vertrauensvoller zusammenarbeiteten und dabei höhere Risiken eingingen als solche aus säkularen Kibbuzim oder auch Frauen in religiösen oder säkularen Kibbuzim. Dies korreliert damit , dass die religiösen Männer täglich bis zu zwei Stunden öffentlich in Synagogen beten, also ein „teures Signal” aussenden, während weibliche Kibbuzniks, wenn sie religiös sind, ihre Rituale nur im privaten Raum abhalten (Baden, Brotbacken, Kerzen anzünden). Tatsächlich stehen die meisten religiösen Kibbuzim ökonomisch wesentlich besser da als die nach gleichen sozialistischen Prinzipien organisierten säkularen, teilweise sogar explizit atheistischen. Bei diesen scheint die Kooperation anscheinend schlechter zu funktionieren und das wechselseitige Vertrauen geringer, der Egoismus hingegen stärker ausgeprägt zu sein. Das erklärt auch, warum Ende der Achtzigerjahre die 270 weltlichen Kibbuzim einen Schuldenberg von über vier Milliarden Euro aufgehäuft hatten, während die knapp 20 religiösen Kommunen in keiner ökonomischen Krise steckten und anscheinend ihr „öffentliches Gut” besser und kooperativer bewirtschaftet hatten.
Weitere Experimente ergaben, dass Kibbuzniks untereinander kooperativer sind als im Spiel mit Stadtbewohnern, und dass die Kooperation zwischen Kibbuzniks umso vertrauensvoller verläuft, je kürzer ihre Mitgliedschaft ist: Wer erst kurz dabei ist, will sich wohl besonders bewähren.
Ohne Titel
• Öffentliche religiöse Rituale könnten entstanden sein, weil sie den wechselseitigen Altruismus fördern.
• Das würde auch erklären, warum Menschen auf vieles verzichten, an langen Gebeten oder Liturgien teilnehmen und sich manchmal sogar verstümmeln.
Ohne Titel
Gemessen an ihrer Existenzdauer sind religiöse Gemeinschaften erfolgreicher als weltliche. Das ergab eine Auswertung von Daten und Berichten zu 83 US-amerikanischen Gemeinschaften des 19. Jahrhunderts. Die religiösen Gemeinschaften hatten im Durchschnitt eine vierfach höhere „Überlebenswahrscheinlichkeit” als die säkularen. Und sie währten umso länger, je strenger die Regeln waren, die sie ihren Mitgliedern auferlegten. Das spricht dafür, dass das Einhalten dieser Regeln – schwer fälschbare, weil öffentliche Signale – den Zusammenhalt und die Kooperation unter den Mitgliedern förderten. Dazu gehörten beispielsweise das Verbot von Kaffee, Alkohol, Tabak oder Fleisch, der Verzicht auf den Besitz von Fotos, Schmuck oder Eigentum, auf Kritik und Kommunikation mit der Außenwelt oder auf Familienleben sowie die Forderung einer bestimmten Kleidung, Haartracht oder des Besuchs von Schulungen. Die Grafik links vergleicht die Existenzdauer der religiösen und weltlichen Gemeinschaften, die Grafik rechts zeigt die Abhängigkeit der Existenzdauer von der Zahl der Einschränkungen und Anforderungen.




