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Schon Babys können schummeln
Gesellschaft & Psychologie

Schon Babys können schummeln

Sie naschen heimlich Schokolade, überhören absichtlich Anweisungen der Eltern oder verstecken Spielzeuge vor anderen: Im Laufe ihrer ersten Lebensjahre entwickeln Kinder verschiedene Strategien, um sich Vorteile zu erschleichen. Lange ging die Wissenschaft davon aus, dass die Fähigkeit, Täuschungen zu verstehen und selbst anzuwenden, ein fortgeschrittenes Verständnis der Gedanken anderer erfordert. Doch nun zeigt eine Studie anhand von Elternbefragungen, dass einige Babys schon mit etwa zehn Monaten versuchen, andere hinters Licht zu führen, und durchschauen, wenn sie selbst getäuscht werden sollen.
Autor
Elena Bernard
17. März 2026
Lesezeit
4 Minuten
Rubrik
Gesellschaft & Psychologie

Mit etwa drei Jahren entwickeln Kinder die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Sie verstehen, dass andere Menschen nicht das gleiche Wissen und nicht die gleichen Gedanken und Gefühle haben wie sie selbst. Lange Zeit galt diese sogenannte Theory of Mind als eine Voraussetzung dafür, bewusste Täuschungen anzuwenden. Kleinkinder, so glaubte man, hätten noch nicht die kognitiven Grundlagen zum Lügen und Täuschen.

Einfacher als gedacht

Dieser Sichtweise widerspricht nun ein Team um Elena Hoicka von der University of Bristol in Großbritannien. „Frühere Forschungen haben Täuschung oft als etwas sehr Komplexes betrachtet, das ausgeprägte Sprachfähigkeiten und ein fortgeschrittenes Verständnis für die Gedanken anderer erfordert“, sagt Hoicka. Doch Studien an Tieren wie Schimpansen, Kapuzineräffchen, Antilopen und Vögeln zeigen, dass auch diese ihre Artgenossen hinters Licht führen, indem sie beispielsweise Futter vor ihnen verbergen. „Das deutet darauf hin, dass Täuschung weder Sprache noch eine ausgeprägte Theorie des Geistes erfordert“, folgern die Forschenden.

Inspiriert von tierischen Schwindlern entwickelten Hoicka und ihre Kollegen einen Fragenkatalog, der 16 verschiedene rudimentäre Formen der Täuschung enthält und für Babys und Kleinkinder anwendbar ist. „Als Mutter von drei Kindern kann ich bestätigen, wie raffiniert und schlau sie sein können“, erzählt Hoicka. „Einer ihrer gängigen Tricks ist, sich unter dem Tisch oder im Badezimmer zu verstecken, um Süßigkeiten zu essen.“ Weitere der aufgenommenen Verhaltensweisen umfassen das absichtliche Überhören von unliebsamen Anweisungen, das Verstecken von Gegenständen vor anderen oder das Verleugnen eigener Schuld.

Kleine Schwindler

In mehreren Erhebungsrunden ließ das Forschungsteam die Eltern von mehr als 750 unter Vierjährigen den Fragebogen ausfüllen. Dabei gaben die Befragten jeweils an, ab welchem Alter ihr Nachwuchs die entsprechenden Verhaltensweisen zeigte und ab welchem Alter das Kind durchschauen konnte, wenn es selbst auf diese Weise getäuscht werden sollte. Das Ergebnis: Rund ein Viertel der Kinder begann bereits im Alter von zehn Monaten, Täuschungen zu verstehen und anzuwenden. Eine der frühesten Verhaltensweisen besteht demnach darin, ein Spielzeug zu verbergen, um es nicht mit anderen teilen zu müssen. Mit etwa elf Monaten begannen einige Kinder, verbotene Dinge heimlich zu tun und mit zwölf Monaten schüttelten die ersten wahrheitswidrig den Kopf, wenn sie beispielsweise gefragt wurden, ob sie von der Schokolade genascht haben.

„Es war faszinierend aufzudecken, wie sich das Verständnis und die Anwendung von Täuschung bei Kindern bereits in überraschend jungem Alter entwickelt und sich in ihren ersten Lebensjahren festigt, sodass sie zu recht geschickten ‚kleinen Lügnern‘ werden“, sagt Hoicka. Ab etwa drei Jahren erweitern die Kinder ihr Täuschungsrepertoire, nutzen Über- oder Untertreibungen zu ihren Gunsten oder erfinden Lügen. „Sie fangen auch an, Informationen zurückzuhalten, indem sie ihren Eltern zum Beispiel erzählen, dass ihr Geschwisterkind sie geschlagen hat, dabei aber die Tatsache auslassen, dass sie ihr Geschwisterkind zuerst geschlagen haben“, berichtet Hoicka. „Dreijährige beginnen auch, Ablenkungsmanöver einzusetzen, etwa indem sie jemandem sagen: ‚Schau mal da drüben!‘, wenn sie etwas tun wollen, was sie nicht dürfen.“

Nützliche Fähigkeit

Die Täuschungsfähigkeiten der Kinder entwickelten sich besonders schnell, wenn die Eltern selbst ihre Kinder regelmäßig hereinlegten oder sie zu kleinen Schwindeleien gegenüber anderen ermutigten. Auch wenn die meisten befragten Eltern Täuschungen nicht für erstrebenswert halten, erklärt das Forschungsteam, dass diese Fähigkeit ein wichtiger Bestandteil in der Entwicklung der Kinder ist. „Es handelt sich um eine gängige Form der Kommunikation, mit der Kinder umgehen lernen müssen, um nicht von anderen in die Irre geführt zu werden“, so die Forschenden. „Es ist zudem eine Strategie, die es einem weniger durchsetzungsfähigen Kind ermöglicht, ein Machtgefälle auszugleichen, und stellt somit eine Schlüsselkompetenz dar, die Kinder benötigen, um ihre Interessen im Umgang mit Erwachsenen oder anderen Kindern durchzusetzen.“

Aus Sicht von Hoicka und ihren Kollegen kann die Studie Eltern und Erziehern helfen, Schwindeleien bei Kindern besser einzuordnen. „Eltern können beruhigt sein, dass Täuschung in der Entwicklung von Kleinkindern völlig normal ist“, sagt Hoicka. „Sie können sich auch unsere Ergebnisse ansehen, um zu erfahren, welche Arten von Täuschung je nach Alter zu erwarten sind, damit sie ihre Kinder besser verstehen und mit ihnen kommunizieren können, um ihren Täuschungsversuchen immer einen Schritt voraus zu sein.“

Quelle: Elena Hoicka (University of Bristol, UK) et al., Cognitive Development, doi: 10.1016/j.cogdev.2026.101677

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