Mit etwa drei Jahren entwickeln Kinder die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Sie verstehen, dass andere Menschen nicht das gleiche Wissen und nicht die gleichen Gedanken und Gefühle haben wie sie selbst. Lange Zeit galt diese sogenannte Theory of Mind als eine Voraussetzung dafür, bewusste Täuschungen anzuwenden. Kleinkinder, so glaubte man, hätten noch nicht die kognitiven Grundlagen zum Lügen und Täuschen.
Einfacher als gedacht
Dieser Sichtweise widerspricht nun ein Team um Elena Hoicka von der University of Bristol in Großbritannien. „Frühere Forschungen haben Täuschung oft als etwas sehr Komplexes betrachtet, das ausgeprägte Sprachfähigkeiten und ein fortgeschrittenes Verständnis für die Gedanken anderer erfordert“, sagt Hoicka. Doch Studien an Tieren wie Schimpansen, Kapuzineräffchen, Antilopen und Vögeln zeigen, dass auch diese ihre Artgenossen hinters Licht führen, indem sie beispielsweise Futter vor ihnen verbergen. „Das deutet darauf hin, dass Täuschung weder Sprache noch eine ausgeprägte Theorie des Geistes erfordert“, folgern die Forschenden.
Inspiriert von tierischen Schwindlern entwickelten Hoicka und ihre Kollegen einen Fragenkatalog, der 16 verschiedene rudimentäre Formen der Täuschung enthält und für Babys und Kleinkinder anwendbar ist. „Als Mutter von drei Kindern kann ich bestätigen, wie raffiniert und schlau sie sein können“, erzählt Hoicka. „Einer ihrer gängigen Tricks ist, sich unter dem Tisch oder im Badezimmer zu verstecken, um Süßigkeiten zu essen.“ Weitere der aufgenommenen Verhaltensweisen umfassen das absichtliche Überhören von unliebsamen Anweisungen, das Verstecken von Gegenständen vor anderen oder das Verleugnen eigener Schuld.
Kleine Schwindler
In mehreren Erhebungsrunden ließ das Forschungsteam die Eltern von mehr als 750 unter Vierjährigen den Fragebogen ausfüllen. Dabei gaben die Befragten jeweils an, ab welchem Alter ihr Nachwuchs die entsprechenden Verhaltensweisen zeigte und ab welchem Alter das Kind durchschauen konnte, wenn es selbst auf diese Weise getäuscht werden sollte. Das Ergebnis: Rund ein Viertel der Kinder begann bereits im Alter von zehn Monaten, Täuschungen zu verstehen und anzuwenden. Eine der frühesten Verhaltensweisen besteht demnach darin, ein Spielzeug zu verbergen, um es nicht mit anderen teilen zu müssen. Mit etwa elf Monaten begannen einige Kinder, verbotene Dinge heimlich zu tun und mit zwölf Monaten schüttelten die ersten wahrheitswidrig den Kopf, wenn sie beispielsweise gefragt wurden, ob sie von der Schokolade genascht haben.





