Pascal strengt sich an. Er will das Eis besonders cremig schlagen und rührt in der Edelstahlschüssel mit dem Schneebesen energisch herum. Zwei Becher Schlagsahne, Zucker, etwas Milch und flüssige Schokolade hat Pascal in die Schüssel gefüllt. Nun soll aus dieser Mischung im Handumdrehen Schokoladeneis werden.
Eva steht neben Pascal und hat dicke Handschuhe an, die sie vor Kälte schützen. Das ist bitter nötig, weil sie mit einer sehr kalten und daher nicht ungefährlichen Substanz hantiert: mit flüssigem Stickstoff. Rund minus 200 Grad ist er kalt. Eva gibt alle zehn Sekunden einen Schuss aus einer Art Thermoskanne in die Schüssel, in der Pascal immer noch mit dem Schneebesen zu Gange ist.
Eva Brüggemann und Pascal Dumont sind Schüler – und Teilnehmer des diesjährigen nano-Camps, einer Initiative, die nach der werktäglichen Wissenschaftssendung „nano” bei 3sat benannt ist. Der Sender veranstaltet das nano-Camp seit 2002 einmal jährlich – zusammen mit der Aktion „Wissenschaft im Dialog” und „bild der wissenschaft” als Medienpartner.
Im nano-Camp, das dieses Jahr an der Ruhr-Universität Bochum stattfand, konnten zwölf Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren eine Woche lang wissenschaftlich experimentieren und eigene Versuche machen. Markus Peick, Online-Redakteur bei 3sat und Organisator des nano-Camps, hatte das Programm zusammen mit wissenschaftlichen Mitarbeitern und Hilfskräften der Universität Bochum ausgearbeitet: tagsüber experimentieren, abends Freizeit. Die Camp-Teilnehmer wurden von einem Kamerateam begleitet, das die Experimente der jungen Forscher täglich in einer kurzen Fernsehreportage für „nano” zusammenfasste.
Die Jugendlichen haben alle eines gemeinsam: Sie sind engagiert. Caroline Grau aus Schwäbisch Gmünd ist Mitglied der Debating AG, einer Arbeitsgemeinschaft ihrer Schule, in der in englischer Sprache über unterschiedlichste Themen diskutiert wird. Im Oktober 2006 hat sie sich für die „Pan American Debating Championships” in Los Angeles qualifiziert und ist dafür nach Los Angeles geflogen. Katja-Theres Marquardt aus Bünde ist in der Kirche aktiv und macht bei der Jugendgruppe von Amnesty International mit. Und Sebastian Tzschöckel aus Hahnheim tüftelt in seiner Freizeit an Rezepten für Fruchtwein und beschäftigt sich seit zehn Jahren intensiv mit Hühnern.
Die Experimente forderten die Camp-Teilnehmer – ähnlich wie ein guter Physik- oder Chemieunterricht in der Schule. Stefan Pollak, Doktorand am Lehrstuhl für verfahrenstechnische Transportprozesse an der Uni Bochum, präsentierte den jungen Forschern beispielsweise ein Phasendiagramm für Kohlendioxid. Daran konnten sie ablesen, bei welchem Druck und bei welcher Temperatur Kohlendioxid gasförmig, flüssig oder fest ist. Die Jugendlichen sollten überlegen, wie man gasförmiges Kohlendioxid verfestigen und zu Trockeneis machen kann. „Durch niedrige Temperaturen”, meinte Sebastian. „Das stimmt, aber das ist nicht sonderlich praktisch”, antwortete Stefan Pollack und sprühte sich Kühlspray so lange auf die Hand, bis die Haut auf einem kleinen Fleck gefroren war. Dadurch zeigte er, dass sich ein Gas abkühlt, wenn es unter hohem Druck in eine Umgebung mit niedrigem Druck entweicht. Genauso lässt sich Trockeneis, also gefrorenes Kohlendioxid, herstellen: Man verflüssigt Kohlendioxid unter hohem Druck und lässt es schnell in eine Umgebung mit Normaldruck entweichen. Ein Teil der Flüssigkeit verdunstet. Die dabei entstehende Verdunstungskälte kühlt die restliche Flüssigkeit so stark, dass sie gefriert – auf rund 80 Grad unter Null.
In einem anderen Experiment sollten die nano-Camper untersuchen, wie sich der Unterschied zwischen der rechten und der linken Gehirnhälfte bei Tauben bemerkbar macht. Dazu mussten sie einer Taube ein Auge verbinden und testen, ob die Taube besser mit dem rechten oder mit dem linken Auge zwischen einem Korn und einem Kieselstein unterscheiden konnte. „Das finde ich nicht so gut, Tierversuche mag ich nicht”, meinte der Berliner Max Bayer. Und bekam die Antwort: „Du musst nicht mitmachen, aber Wissenschaft ist manchmal so.”
„Wir sind froh, dass es das nano-Camp gibt”, sagt Caroline Wiedemann, die bei „Wissenschaft im Dialog” für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Aktionen wie das nano-Camp tragen dazu bei, Wissenschaft als spannendes und interessantes Arbeitsfeld publik zu machen, ist Wiechmann überzeugt. Wissenschaft im Dialog ist eine vor sieben Jahren gegründete Initiative wichtiger Wissenschaftsorganisationen. Sie wurde vor allem ins Leben gerufen, um Jugendliche in Deutschland für ein naturwissenschaftliches Studium zu begeistern.
Nach einer Woche Forschen und Experimentieren sind sich die zwölf Camper einig: Es hat Spaß gemacht, sie haben viel gelernt und sich gut verstanden. „Streit hat es nie gegeben”, bestätigt Markus Peick: „Mit denen würde ich nochmal zelten.” Tatsächlich schliefen die Jugendlichen samt ihren Betreuern in Zelten – der Name „nano-Camp” kommt nicht von ungefähr. Maike Michel aus Gera überlegt nun, ob sie Chemie oder Biologie studieren soll. Jedenfalls: „Das nano-Camp hat dazu beigetragen, dass ich Naturwissenschaftlerin werden will.” Und Anouk Firle aus Bochum sagt: „Ich habe Lust, Teil dieser Uni zu werden.” Auch die anderen zehn können sich gut vorstellen, später als Naturwissenschaftler zu arbeiten. ■
Konstantin Zurawski
COMMUNITY Internet
Zahlreiche Bilder, weitere Berichte über die Erlebnisse der diesjährigen nano-Camper sowie die im TV ausgestrahlten Filme:
www.nano.de





