Eigentlich soll in fünf Minuten die Party steigen – mit heißen Würstchen und kühlem Bier. Die 100 Schüler und Studenten im stickigen Hörsaal des Instituts für Mikroelektronik Stuttgart (IMS) werden langsam ungeduldig, aber nicht, weil sie aufs Bier warten müssen. Als Nächstes kommt nämlich ein leibhaftiger Nobelpreisträger. Klaus von Klitzing heißt der drahtige Mann, der um den Overheadprojektor tanzt wie Rumpelstilzchen. Eigentlich haben wir uns einen Nobelpreisträger anders vorgestellt, irgendwie seriöser oder arroganter, scheinen manche zu denken, die jetzt gespannt die Hälse recken.
Vielleicht kommt der berühmte Wissenschaftler deshalb so sympathisch rüber, weil er nervös ist. „Ich bin bei Vorträgen immer ein bisschen aufgeregt”, gesteht von Klitzing im Vorgespräch. Viele von Lampenfieber Geplagte würden dagegen mit einem hundert Mal bewährten Routinevortrag ankämpfen. Aber das liegt von Klitzing nicht: „Ich habe kein Manuskript und halte nie denselben Vortrag.” Trotzdem weiß der alte Fuchs, was beim Publikum ankommt – einige Highlights bringt er regelmäßig in seinen Präsentationen vor Laienpublikum. Gleich die erste Folie ist ein Knüller: Natürlich hat die Tüte Kartoffelchips nichts mit dem Thema des Vortrags „Mit Chips zum Nobelpreis” zu tun. Verlegenes Kichern.
Wenn nicht Kartoffelchips – was dann? Das nächste Bild zeigt, womit sich der junge, damals noch unbekannte Physiker vor gut 20 Jahren am Institut Laue-Langevin in Grenoble die Nächte um die Ohren schlug: Mit Mikrochips – und Rotwein nebst Käsebaguette. Vielleicht lag es am guten Tropfen, dass der Durchbruch über Nacht kam. 1980 entdeckte von Klitzing eines Abends quasi zufällig den so genannten Quanten-Hall-Effekt, der ihm fünf Jahre später den Nobelpreis einbrachte. Dass der Geniestreich gelang, während Kollegen schon schnarchten, lag nicht am unsteten Lebenswandel des heute 58-Jährigen, sondern hatte praktische Gründe: Der Stromverbrauch seiner mit riesigen Magneten bestückten Apparatur war so hoch, dass er nur den billigeren Nachtstrom nutzen durfte.
Nach fünf Minuten ist der Funke aufs Publikum übergesprungen. „ Physik macht Spaß, Physik ist spannend”, denkt mit einem Mal jeder im Saal. Und manchmal ist Forschung auch ein bisschen verrückt. Von Klitzing zeigt das Bild, auf dem er sich seine Haare vor einer spiegelnden Siliziumscheibe frisiert oder erzählt die Anekdote, wie ein DDR-Spion den Chip seiner Nobelpreisarbeit klaute, weil er dachte, es handele sich um einen neuen Transistor der Firma Siemens. Dass sein Name sogar für Werbezwecke benutzt wird, findet von Klitzing selbst lustig. Ein Hersteller von elektrischen Widerständen wirbt in seinem Prospekt für viertel, halbe und ganze Klitzings. Ein ganzer Klitzing, das sind exakt 25812,807 Ohm – ein Widerstandswert, der in den Messungen zum Quanten-Hall-Effekt immer wieder als feste Größe auftaucht und so konstant ist, dass heute weltweit die elektrische Spannung damit definiert wird.
Warum steht von Klitzing hier vor Schülern, statt im Labor, wo es immer noch so viele Geheimnisse zu entdecken gibt? „Ich bin manchmal erschüttert, wie wenig naturwissenschaftliches Verständnis bei vielen Schülern da ist.” Das klingt nach der üblichen Litanei: Die Schüler von heute sind faul und von Computerspielen verdorben. „Falsch”, sagt von Klitzing. „Auch Computerspiele können den Ehrgeiz und den Forscherdrang fördern.” Und wissbegierig sind Schüler eigentlich immer – wenn man sie richtig motiviert. Und schon ist der Starphysiker beim Knackpunkt: bei schlechten Lehrplänen und mangelhaft ausgebildeten Lehrern. „Die Naturwissenschaften werden von den Lehrplänen nicht richtig bedient”, klagt von Klitzing, der immer mal wieder gebeten wird, an Lehrplänen mitzuwirken. Ob ein gemeinsames Fach „Naturwissenschaften”, das die klassischen Fächer Physik, Chemie und Biologie umfasst, die Lösung wäre, wie manche Politiker glauben? Von Klitzing ist im Gegensatz zu den meisten Fachkollegen nicht grundsätzlich dagegen. „Das ist vielleicht langfristig sinnvoll, würde aber große Umwälzungen erfordern.” Und dann ist von Klitzing wieder ganz Anwalt seines Fachs: „Die Physik darf nicht verwässert werden.”
Kurzfristig würde eine bessere Lehrerfortbildung viel mehr bringen. Die meisten seiner Vorträge hält von Klitzing deshalb bei Lehrerseminaren – ohne Honorar, versteht sich. „Die Motivation der Lehrer, das ist die Hauptsache”, versichert er. Angebote gibt es: Lehrer bauen zum Beispiel mit ihren Schülern im Schullandheim einen Solarkocher. Da lernen nicht nur die Schüler etwas, auch die Lehrer sammeln Erfahrung, wie man Technik unterhaltsam vermitteln kann.
Von Klitzing hat auf dem Gymnasium am eigenen Leib erfahren, was ein motivierter Pauker wert ist: „In der 8. Klasse bekam ich einen guten Lehrer in Physik, da habe ich einen Sprung von zwei Noten gemacht.” Trotzdem blieb die Physik erst mal zweite Wahl. In Mathematik war der Ehrgeiz größer – wie groß, das beweist ein altes Heft, das er in seinen Schulsachen gefunden hat: Darin löste der begabte Schüler ein mathematisches Problem – freiwillig und datiert auf einen 24. Dezember. Nach einem Semester Mathematik konnte von Klitzing dann nicht mehr widerstehen: 1962 wechselte er an der TU Braunschweig zur Physik.
Auch 40 Jahre später gibt es noch Schüler, die lieber an Matheaufgaben tüfteln, anstatt auf Weihnachtsgeschenke zu warten. Einige sitzen heute im Saal und lauschen ihrem großen Vorbild, darunter auch des Nobelpreisträgers jüngster Sohn, der nächstes Jahr Abitur machen wird und dann Informatik studieren möchte. Er ist einer von 32 Schülern, die an einem zweiwöchigen Kurs teilnehmen, den das IMS seit zehn Jahren jeden Sommer für angehende Abiturienten veranstaltet.
Die beiden älteren Kinder von Klitzings haben hier auch schon ihre erste Forschungsluft geschnuppert. Auch sie sind später in den Naturwissenschaften gelandet: Die Tochter ging in die Biotechnologie, der ältere Sohn wurde Ingenieur. Hauptsache nicht Physik, sagt der stolze Vater – damit nicht der Verdacht aufkommt, der berühmte Papa wolle seine Kinder protegieren.
Der Ferienjob am IMS ist kein Zuckerschlecken: morgens Vorträge in Digital- und Schaltungstechnik, nachmittags Uhrenchips bauen und programmieren. „Ich habe in den zwei Wochen mehr gelernt als in zwei Jahren Leistungskurs”, sagt einer der ehemaligen IMS-Absolventen, die zum zehnjährigen Jubiläum der Sommerkurse eingeladen sind. Das Oberschulamt ist weniger begeistert, weil der Kurs zum großen Teil in der Schulzeit stattfindet. Man toleriert das Angebot, mehr nicht.
Unterdessen kommen Universitäten immer mehr zu der Erkenntnis, dass man auf die Schüler zugehen muss, um sie für technische oder naturwissenschaftliche Studiengänge zu begeistern. „Die Schulen werden mit Angeboten der Universitäten überschwemmt”, meint von Klitzing. Dazu tragen er und das Max-Planck-Institut für Festkörperforschung bei, das nur zwei Straßenkreuzungen vom IMS entfernt ist. Jeden Sommer kommen sechs Schüler an das Institut und arbeiten für ein paar Wochen im Labor.
Was bringt die aufwändige Aktion dem Stuttgarter Institut für Mikroelektronik? „Manche Teilnehmer machen später bei uns eine Studien- oder Diplomarbeit oder arbeiten auch noch nach dem Studium am IMS”, sagt Michael Schau, Koordinator der Sommerkurse. Doch auch Unternehmen aus der Computerbranche werfen schon früh ein Auge auf die angehenden Fachkräfte. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn gute Mitarbeiter nur allzu rasch wieder weg sind. Denn in der Industrie werden sie oft besser bezahlt als in der Grundlagenforschung. Das war schon so, als von Klitzing mit seiner Karriere begann. Viele seiner Studienkollegen sind in die Industrie abgewandert. Auch er hatte sich 1978, nach seiner Habilitation, dort beworben – wurde aber nicht genommen. Begründung: „Sie sind für diesen Job überqualifiziert.” Heute ist der Mann natürlich froh über die damalige Absage.
Dass sich Forschungspolitiker einiges einfallen lassen müssen, wenn sie junge Spitzenkräfte halten wollen, liegt für von Klitzing auf der Hand: „Man muss jungen Wissenschaftlern einen Anreiz bieten in der Grundlagenforschung zu bleiben.” Nobelpreise allein ködern nicht gut genug. Viele sehen sich zwar berufen, doch nur die wenigsten werden auserwählt. Ein bisschen darauf hoffen darf freilich jeder junge Forscher. Am Ende des Vortrags gibt von Klitzing daher seine Nobelpreismedaille ins Publikum. Prompt fällt sie einem Schüler, der das Gewicht des Metalls unterschätzt hat, klirrend aus der Hand. „Macht nichts”, lacht von Klitzing, „ist sowieso nur eine Kopie.”
Bernd Müller





