In Deutschland werden pro Jahr vier bis fünf Millionen Venenkatheter eingesetzt, mit denen Ärzte und Krankenschwestern den Patienten Nährstoffe, Blutprodukte oder lebensnotwendige Medikamente direkt in die Blutbahn injizieren. Doch durch solche Katheter werden jährlich Zehntausende von Patienten lebensbedrohlich infiziert, mehrere tausend sterben daran.
“Diese Infektionen lassen sich bisher selbst bei größter Sorgfalt kaum vermeiden”, sagt Josef-Peter Guggenbichler, Professor an der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universität Erlangen. “Bakterien und Pilze lieben das Plastik der Katheter und die angenehme Temperatur. Dazu noch die nahrhafte Infusionslösung – das sind für sie geradezu paradiesische Zustände.”
Peter Guggenbichler beschäftigt sich seit sechs Jahren intensiv damit, wie sich eine Besiedlung von Kathetern durch Keime verhindern läßt. Jetzt hat er das Ergebnis seiner Arbeit präsentiert: einen Silberkatheter.
Daß Silber antibakteriell wirkt, ist seit vielen Jahrhunderten bekannt: “Schon die Medicis und Wallenstein schworen auf ihr Silberbesteck”, sagt Guggenbichler. Sie hatten festgestellt, daß sie Durchfallerkrankungen verhindern konnten, wenn sie Silberteller, -messer und -gabeln verwendeten.
Gemeinsam mit Theo Krall, einem Spezialisten für Pulvermetallurgie und Bedampfungsanlagen, tüftelte Guggenbichler ein inzwischen patentiertes Herstellungsverfahren für Silberkatheter aus: Dabei werden 0,04 Millimeter dünne Polyurethan-Folien mit Silber bedampft und anschließend zerschnipselt. Aus den Schnipseln schmelzen die Wissenschaftler die Folien für die Katheterschläuche. Jeder Katheter enthält so nur 0,25 Gewichtsprozent Silber. Durch die geringe Konzentration des Edelmetalls sind die physikalischen Eigenschaften des Katheters gegenüber denen herkömmlicher Katheter nahezu unverändert.
Unbekannt ist, wie Silber es fertigbringt, bereits in geringsten Konzentrationen zu verhindern, daß Keime eine Oberfläche besiedeln. Eine mögliche Erklärung: Das Silber reagiert mit schwefelhaltigen Enzymen in der Zellmembran der Bakterien und Pilze. Dabei könnte es die Enzyme blockieren, so daß die Nährstoffe nicht mehr ins Innere der Zellen gelangen – die Keime verhungern. Außerdem stört Silber wahrscheinlich die Atmung der Bakterien und Pilze. Die Vorteile eines Silberkatheters sind inzwischen belegt. Im November letzten Jahres wurde der erste Teil einer großangelegten klinischen Studie abgeschlossen, an der neben der Universitätsklinik Erlangen auch die Universitätsklinik in Padua und das Allgemeine Krankenhaus in Wien beteiligt waren. Die Hälfte der insgesamt 600 Studienteilnehmer bekam einen Silberkatheter eingesetzt, die andere Hälfte einen herkömmlichen Katheter. In dieser Kontrollgruppe kam es zu 31 Infektionen, in der Silberkatheter-Gruppe hingegen nur zu 8. Das Infektionsrisiko war mit einem Silberkatheter also um das Vierfache gesenkt worden.
Anfang Mai kommt der Silberkatheter auf den Markt. Da er mit etwa 60 Mark kaum teurer ist als ein herkömmlicher Kunststoffkatheter – der je nach Durchmesser zwischen 24 und 65 Mark kostet – hat er gute Chancen, sich in kürzester Zeit durchzusetzen.
Ulrike Zechbauer




