Um das Was und Wie solcher Scheidungsfolgen näher zu untersuchen, führten die Forscher ein Experiment mit 201 Freiwilligen durch, darunter 92 mittlerweile erwachsenen Scheidungskindern. Durch intensive Befragung ermittelten die Wissenschaftler zunächst, ob die elterliche Trennung einvernehmlich und harmonisch abgelaufen war und sich beide Eltern auch hinterher noch gemeinsam um die Kinder kümmerten oder ob zwischen den Eltern nach der Scheidung Streit und “Funkstille” herrschte. Bei 51 Versuchspersonen war letzteres der Fall. Dann begann der eigentliche Versuch: Alle Teilnehmer wurden nach einer sechstägigen Quarantäne einem Infektionstest unterzogen. Sie bekamen per Nasentropfen einen Erkältungsvirus verabreicht und die Forscher beobachteten, ob und wie stark die Versuchspersonen erkrankten.
Dreimal mehr Erkältungen
Dabei zeigte sich: “Die Scheidungskinder, deren Eltern nach ihrer Trennung nicht mehr miteinander redeten, entwickelten drei Mal häufiger eine Erkältung als die restlichen Versuchspersonen”, berichten Murphy und seine Kollegen. Bei Scheidungskindern, deren Eltern auch später einen guten Kontakt hielten und sich gemeinsam um die Kinder kümmerten, war dies nicht der Fall. Diese Unterschiede blieben auch dann erhalten, als die Forscher zusätzliche Einflussfaktoren wie Einkommensverhältnisse der Familie, Bildungsstand der Eltern und Lebensweise der Kinder mitberücksichtigten. Weitere Untersuchungen belegten zudem, dass die Probanden aus der “Funkstille”-Gruppe mehr entzündungsfördernde Botenstoffe in ihrem Blut hatten. Dies könnte ihre höhere Anfälligkeit gegenüber der Infektion erklären, wie die Wissenschaftler berichten. Denn ähnlich wie schon frühere Studien zu Scheidungskindern belegt haben, sei dies ein Hinweis darauf, dass das Immunsystem der betroffenen vorbelastet ist. “Unsere Ergebnisse enthüllen das Immunsystem als wichtigen Mittler der langfristigen negativen Auswirkungen früher familiärer Konflikte”, sagt Murphys Kollege Sheldon Cohen.
Nach Ansicht der Forscher bestätigt dies, dass die Art der Scheidung und der familiären Konflikte eine entscheidende Rolle dafür spielt, ob und wie stark die Kinder aus solchen Familien später unter Folgen leiden. “Kinder, deren Eltern getrennt sind und den Kontakt abgebrochen haben, sind anhaltenden Konflikten ausgesetzt, die Stress verursachen, bedrohlich wirken und eine gute Elternschaft verhindern können”, erklären die Forscher. Das beeinträchtigt die Psyche und indirekt darüber auch das Immunsystem. Im Gegensatz dazu kann eine gute Beziehung der Eltern auch nach der Scheidung offenbar einiges ausgleichen – zumindest was die Spätfolgen angeht. “Nicht jede Scheidung ist gleich – und eine anhaltende Kommunikation zwischen den Eltern puffert die negativen Effekte der Trennung auf die Gesundheit ihrer Kinder ab”, sagt Murphy. “Unsere Studie ist damit ein wichtiger Schritt vorwärts, wenn es darum geht zu verstehen, wie familiärer Stress ein Kind auch 20 bis 40 Jahre später noch prägt.”





