Die Bilder schockieren noch heute. Eine aufgebrachte Menge schleift einen toten US-Soldaten durch die Straßen der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Der US-Nachrichtensender CNN strahlte das demütigende Spektakel Anfang Oktober 1993 aus. Zu diesem Zeitpunkt waren mehrere Tausend amerikanische Soldaten in Somalia stationiert. Das vom Bürgerkrieg zerrissene Land darbte unter einer Hungersnot. US- und UN-Truppen sollten die marodierenden Bürgerkriegsparteien entwaffnen und so humanitäre Hilfe ermöglichen.
Doch ihr Einsatz endete in einem Fiasko. Am 3. Oktober gerieten US-Soldaten in einen Hinterhalt. Somalische Kämpfer hatten sich auf einem Marktplatz unter Zivilisten versteckt. Aus dieser Deckung beschossen sie die US-Truppen. Die Amerikaner erwiderten das Feuer – und die Situation eskalierte. 15 Stunden lang lieferten sich Soldaten und Rebellen ein Gefecht. Zwei amerikanische Black-Hawk-Helikopter wurden abgeschossen, 18 US-Soldaten getötet, 77 verwundet. Unter den Somalis hatten sie ein Massaker angerichtet. Hunderte unbeteiligter Zivilisten waren tot. Die Empörung der Bevölkerung entlud sich schließlich an der Leiche des gefallenen GIs. Auch die öffentliche Meinung in den USA schlug um. Hatten die Amerikaner bis dahin den humanitären Einsatz ihrer Armee in Somalia unterstützt, forderte die Öffentlichkeit nun den Rückzug. Bis Ende März 1994 zogen sich die US-Truppen aus Somalia zurück, ihre Mission blieb unerfüllt.
„Diese Situation führte der Weltöffentlichkeit die Ohnmacht der Amerikaner vor Augen”, kommentiert Dr. Karl-Friedrich Ziegahn. Ziegahn ist Physiker und Wissenschaftsmanager des Fraunhofer-Instituts für Chemische Technologie (ICT) im baden-württembergischen Pfinztal. „Dieses Debakel war die Initialzündung für die Suche nach neuen militärischen Mitteln.”
Die eigenen Truppen schützen, ohne Unschuldige zu töten. Mit diesem Ziel arbeiten Forscher derzeit eifrig an so genannten nichttödlichen Waffen: Mittel, die gegnerische Truppen und Ausrüstung ausschalten, ohne bleibende körperliche Schäden zu verursachen. Vor allem in den USA und in Russland, aber auch in Frankreich, Großbritannien und Schweden hat der „CNN-Effekt” einen wahren Boom in Sachen nichttödlicher Waffen ausgelöst. Schließlich findet heute fast jeder militärische Konflikt vor laufenden Fernsehkameras statt. Und oft genug entscheidet die öffentliche Meinung über Sieg oder Niederlage.
Den Vorsprung anderer Nationen bei der Entwicklung nichttödlicher Waffen wettzumachen, hat man sich am ICT in Pfinztal bei Karlsruhe vorgenommen. Alle zwei Jahre treffen sich dort Wissenschaftler und Militärs aus aller Welt zu einem Symposium, um sich über neue Entwicklungen auszutauschen. Inzwischen wächst auch bei der Bundeswehr das Interesse an „ nichttödlichen Wirkmitteln”, wie die deutschen Militärforscher die Waffen nennen. Die Zahl der Auslandseinsätze der Bundeswehr in Friedensmissionen nimmt ständig zu. Gegenwärtig sind bereits 7500 Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz. Ihre Zahl hat sich damit seit 1997 verfünffacht. Und jeder dieser Soldaten könnte früher oder später in eine Situation wie in Somalia geraten.
An Ideen, wie sich gewaltbereite Angreifer in einer Menge von Zivilisten „sanft” ausschalten oder in die Flucht schlagen lassen, mangelt es weltweit nicht: Das Arsenal potenzieller nichttödlicher Waffen wächst rasant (siehe Kasten „Vertreiben, umwerfen, einfangen”). So arbeiten Militärs in den USA und Russland an Narkosegasen, um Gegner zu betäuben. Reizgase oder stinkende Substanzen, die Übelkeit verursachen, sollen Angreifer in die Flucht schlagen. So genannte E-Waffen strahlen elektromagnetische Wellen ab: Dadurch steigt die Körpertemperatur der Getroffenen, und ihre Haut brennt wie bei einem Sonnenbrand.
Am ICT entwickeln Wissenschaftler Druckstoß-Kanonen, die mit Druckwellen Angreifer noch in mehreren Metern Entfernung umwerfen können. Die US-amerikanische Firma Taser International produziert Elektroschocker, die kleine Metallpfeile verschießen und dadurch Menschen lähmende Stromstöße versetzen können. Und das zur Bundeswehr gehörende Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung testet spezielle Fangnetze: In Geschosshülsen verpackte Netze, die sich nach dem Abschuss in der Luft entfalten und Angreifer noch in 20 Meter Entfernung fesseln.
Inspirieren lassen sich die Erfinder nichttödlicher Waffen von Polizei und Ordnungskräften. Schließlich sind Wasserwerfer, Tränengas oder Gummiknüppel seit Jahrzehnten weltweit im Polizeieinsatz. „Friedenssichernde Maßnahmen wie im Kosovo oder in Afghanistan haben ohnehin eher Polizei- als Militärcharakter”, stellt Rainer Stuckenschmidt fest, Oberstleutnant im Generalstab der Bundeswehr. „Dabei geht es vor allem um den Schutz der eigenen Truppen und das Absichern der humanitären Aktionen.” Stuckenschmidt, im Zivilberuf Ingenieur für Nachrichtentechnik, hat drei Jahre die Koordinierungsgruppe der Bundeswehr zu nichttödlichen Waffen geleitet. Eine solche Waffe, über die die Bundeswehr auf ihren Auslandseinsätzen bereits verfügt, ist die so genannte Impulsmunition: Schaumstoffgeschosse, die beim Aufprall auf einen Menschen etwa die Wirkung eines kräftigen Faustschlags haben.
„Letztlich geht es darum, sich auf humane Weise Respekt zu verschaffen”, meint Stuckenschmidt. Für die Bundeswehr hat er Szenarien entworfen, in denen solche Waffen eine Rolle spielen könnten. Zum Beispiel bei Auslandseinsätzen: Hier erweist es sich häufig als problematisch, Kontrollposten zu sichern. Wenn sich dem Posten ein Auto nähert und der Fahrer nicht auf die Aufforderung reagiert anzuhalten, bleibt den Soldaten bisher nur ein Warnschuss, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen. „ Zivilfahrzeuge unter Beschuss zu nehmen, käme für die Bundeswehr keinesfalls in Frage”, betont Stuckenschmidt. Deshalb erforschen Wissenschaftler des ICT derzeit im Auftrag des Bundesverteidigungsministeriums künstliche Barrieren: Airbags, die sich in Sekundenbruchteilen zu unüberwindbaren Hindernissen aufblähen und die Straße abriegeln. Sie funktionieren im Prinzip wie die Airbags in einem Auto. Zwei chemische Substanzen sind in getrennten Kammern des Airbags eingeschlossen. Wird er gezündet, kommen sie miteinander in Kontakt und reagieren explosionsartig. Dabei entsteht sehr schnell sehr viel Gas, das den Airbag aufbläst.
Ein anderes Mittel, um Fahrzeuge zu stoppen, sind Hochleistungsmikrowellen (HPM): elektromagnetische Wellen, wie sie ein gewöhnlicher Mikrowellenherd abstrahlt, jedoch gepulst und mit Leistungsspitzen bis zu einem Gigawatt. Diese Strahlung kann die elektronische Steuerung von Fahrzeugen lahm legen. Derzeit wird weltweit an solchen Mikrowellen-Generatoren geforscht, ein lukrativer Markt – auch für deutsche Firmen. „Die Erwartungen der Industrie sind sehr groß”, sagt Herbert Scholles, Leiter für Entwicklung beim Wehrtechnikunternehmen Rheinmetall W&M GmbH, das heute bereits ein Drittel seines Entwicklungsbudgets in nichttödliche Wirkmittel investiert.
Ende des Jahres 2002 haben Rheinmetall W&M und das Rüstungsunternehmen Diehl Munitionssysteme die gemeinsame Entwicklung von Hochleistungs-Mikrowellen-Waffen vereinbart. Prototypen, die in einen gewöhnlichen Aktenkoffer passen und im Umkreis von 20 Metern sämtliche elektronischen Geräte ausschalten, gibt es bereits. Die Mikrowellen induzieren in den bestrahlten Geräten elektrische Ströme, die zu Kurzschlüssen führen. Das stoppt nicht nur Autos, sondern zerstört auch Kommunikations- und Informationsnetze: Telefone, Fernseher und Computer des militärischen Gegners fallen aus.
So bestechend die Idee von der humanen Konfliktlösung ist – messen lassen muss sie sich an der Wirklichkeit. Moskau, 26. Oktober 2002: Seit gut 60 Stunden sind die fast 800 Besucher des Musicaltheaters Nord-Ost in der Hand von etwa 50 tschetschenischen Kämpfern. Es ist gegen fünf Uhr morgens. Die Geiseln sind geschwächt, durstig, übermüdet. Plötzlich steigt weißer Rauch auf, es riecht nach Qualm. Binnen weniger Minuten verlieren Geiseln wie Geiselnehmer das Bewusstsein. Russische Spezialeinheiten stürmen das Gebäude und erschießen die von Narkosegas betäubten Terroristen. Nach offiziellen Angaben haben sie Fentanyl benutzt.
Fentanyl ist ein schnell wirksames Betäubungsmittel, das den Schmerz lindert und die Atmung schwächt. Normalerweise wird es in der Schmerztherapie oder als Narkosemittel bei Operationen eingesetzt. Da es so schnell wirkt, gilt Fentanyl als eines der meist versprechenden nichttödlichen Wirkmittel – nicht nur in Russland. Auch das amerikanische Verteidigungsministerium versucht sich an Betäubungsmitteln, insbesondere an Fentanyl.
In Moskau erwies sich das eingesetzte Gas aber nur bedingt als nicht tödlich. Die Bilanz der Befreiungsaktion: 129 tote Geiseln. Die meisten von ihnen starben im Krankenhaus oder auf dem Weg dorthin. „Bei der Rettungsaktion sind gravierende Fehler gemacht worden”, sagt Karl-Friedrich Ziegahn. „Die Rettungskräfte waren überhaupt nicht auf die Situation vorbereitet. Die befreiten Geiseln saßen viel zu lange unbetreut in Bussen, ehe sie ins Krankenhaus gebracht wurden.”
Doch ob alle Opfer bei sofortiger medizinischer Versorgung gerettet worden wären, bleibt fraglich. Eine Modellrechnung von Forschern der Federation of American Scientists lässt zweifeln. Der Biologe Mark Wheelis, Professor an der University of California, und seine Kollegin Lynn Klotz warnen: Wer Betäubungsmittel einsetzt, um Geiseln zu befreien, muss immer mit vielen Toten rechnen. Der kritische Punkt ist die Dosierung des Narkosemittels. Anders als unter den streng kontrollierten Bedingungen in einem Operationssaal beeinflussen viele Faktoren die Wirkung einer Substanz: wie und vor allem wo sie eingesetzt wird, ob zum Beispiel im Freien oder in geschlossenen Räumen.
Außerdem spielt der Gesundheitszustand der betreffenden Personen eine entscheidende Rolle. Dosiert man das Narkosemittel so, dass es alle Geiselnehmer betäubt, kann das für viele Geiseln bereits tödlich sein – selbst bei sehr sicheren Betäubungsmitteln. Diese Sicherheitsspanne beschreiben Experten mit dem „therapeutischen Index”. Er besagt, um wie viel höher die tödliche Dosis als die wirksame Dosis liegt. Als sicher gelten Substanzen mit einem therapeutischen Index von 1000. Viele der gängigen Narkosemittel haben dagegen einen Index von weniger als 100. Ein großes Problem: Dosis und Wirkung hängen nicht linear zusammen. Bei einer geringen Menge passiert kaum etwas, aber ab einer bestimmten Konzentration tritt die Wirkung fast schlagartig auf und wird dann rasch stärker und bedrohlicher. Wird eine Substanz mit dem therapeutischen Index von 100 so dosiert, dass sie 99 Prozent der Personen betäubt, liegt der Anteil der zu erwartenden Toten daher bei 17 Prozent. Der therapeutische Index von Fentanyl beträgt, je nach Präparat, zwischen 277 und 730. Es gibt zwar Betäubungsmittel mit höherer Sicherheitsspanne, die sich aber nur für den Operationssaal und nicht für den Großeinsatz eignen.
Für Dominique Loye, Experte für Völkerrecht beim Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) in Genf, ist die Bezeichnung „nichttödliche Waffen” für Narkosegase schlichtweg Etikettenschwindel. „Es gibt keine nichttödlichen Waffen”, sagt der Physiker. Ende der neunziger Jahre hatten Mediziner des ICRC die Daten von mehr als 26 000 Patienten mit Kriegsverletzungen dokumentiert und ausgewertet. Die statistische Untersuchung umfasste Art und Schweregrad der Verletzungen sowie deren Heilungsverlauf. Demnach liegt die Sterblichkeitsrate beim Einsatz konventioneller Schusswaffen in militärischen Konflikten zwischen 20 und 30 Prozent. „Von den Moskauer Geiseln starben mehr als 15 Prozent. Dieses Beispiel zeigt, wie problematisch eine Unterscheidung in ‚tödliche‘ und ‚nichttödliche‘ Waffen ist” , sagt Loye.
Kritiker befürchten Risiken für Leib und Leben auch beim Gebrauch anderer als nichttödlich eingestufter Waffen, zum Beispiel bei Mikrowellen-Strahlern, die Hitzeschmerzen auf der Haut erzeugen sollen. „Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch verursachen sie lediglich Hautrötungen”, sagt Jan van Aken, Biologe und Leiter des Sunshine-Projects Deutschland. „Doch wer garantiert, dass diese Waffen im Ernstfall immer ‚ bestimmungsgemäß‘ gebraucht werden?” Van Akens Sunshine-Project ist eine gemeinnützige Organisation, die sich für die weltweite Ächtung biologischer Waffen einsetzt, auch nichttödlicher Biowaffen wie Pflanzengiften.
Einem Bericht des Bundesamtes für Strahlenschutz in Salzgitter zufolge haben Mikrowellen vielfältige Effekte auf den menschlichen Organismus. Die Strahlung wird vom Körper aufgenommen und erwärmt das Gewebe. Geschieht das nur an einer Stelle, führt der Blutstrom die zusätzliche Wärme problemlos ab. Erwärmt sich dagegen der ganze Körper über einen längeren Zeitraum um mehr als ein Grad Celsius, drohen massive Stoffwechselstörungen wie Blutdruckabfall bis hin zum Kreislaufkollaps. Bei Organen oder Geweben, die nur schwach durchblutet sind, kann allerdings bereits eine lokale Erwärmung bleibende Schäden verursachen, weil dort die zugeführte Wärme schlechter abgeleitet wird. Besonders gefährdet sind die Augen: Linsentrübungen wie der Graue Star können entstehen.
„Diese Tatsache allein stellt derartige Waffen schon in Frage. Hinzu kommt, dass nichttödliche Waffen in militärischen Konflikten gar nicht sinnvoll eingesetzt werden können”, ist van Aken überzeugt. „Anders als bei einem polizeilichen Einsatz, bei dem nichttödliche Waffen wie Tränengas das obere Ende der Gewaltskala sind, muss man bei einem militärischen Einsatz davon ausgehen, dass die gegnerische Partei auch über tödliche Waffensysteme verfügt, in der Regel über Schusswaffen. Hier könnte ein Konflikt über die nichttödlichen Waffen sogar aufgeschaukelt werden.”
Das meint auch der US-Soziologe Donald Lund, Professor am Institut für Politik und Sozialwissenschaftliche Forschung der University of New Hampshire in Durham. Lund leitet das so genannte Atlas-Projekt, abgekürzt von „Advanced Technologies in Law and Society”. Lund und seine Kollegen sammeln Daten über Einsätze nichttödlicher Waffen und ihre Folgen. „Tränengas macht, abhängig davon, wie und wie oft es eingesetzt wird, eine Menschenmenge aggressiv”, nennt Lund als Beispiel für die Probleme vieler nichttödlicher Waffen. „Einmal versprüht, ist Tränengas nicht mehr zu kontrollieren. Oft wird es zu den Kontrollkräften zurückgeweht und macht sie handlungsunfähig. Oder es erreicht völlig unspezifisch Angreifer und dabeistehende Personen.”
Das internationale Völkerrecht verbietet den Einsatz von Waffen in militärischen Konflikten, die nicht zwischen militärischen und zivilen Zielen unterscheiden. Auch Waffen, die unnötiges Leiden hervorrufen, sind laut Völkerrecht verboten. „ Diese Verbote gelten für alle Waffen, egal ob tödlich oder nicht” , sagt Dominique Loye. „Die als nichttödlich ausgewiesenen Blendlaser sind ebenso wie Landminen auf dieser Rechtsgrundlage seit 1996 international geächtet.”
Doch nicht nur beim Einsatz, auch bei der Erforschung und Entwicklung von nichttödlichen Waffen bewegen sich Militärs und Wissenschaftler rechtlich auf dünnem Eis. So verbietet die Chemiewaffenkonvention, die außer den USA und Nordkorea fast alle Länder der Welt unterzeichnet haben, den Vertragsstaaten, „ chemische Waffen” – etwa Narkose- oder Reizgase – „zu entwickeln, zu produzieren, zu erwerben, zu lagern und mit chemischen Waffen zu handeln”. Toxische Chemikalien, die zum Zweck der „ Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung einschließlich innerstaatlicher Unruhen” dienen, sind vom Verbot ausgenommen. „ Diese Ausnahme wird von einzelnen Staaten sehr unterschiedlich ausgelegt”, sagt Jan van Aken. Während beispielsweise in Deutschland und Großbritannien derartige Mittel bei Auslandseinsätzen klar verboten sind, erlauben die USA chemische nichttödliche Waffen bei allen militärischen Operationen, außer beim erklärten Krieg zwischen zwei Staaten. Für die russische Regierung ist der Krieg in Tschetschenien eine „innerstaatliche Unruhe” und gestattet folglich den Einsatz von solchen chemischen Kampfstoffen zur „Terrorbekämpfung”.
Obwohl die Bundeswehr chemische Substanzen wie Narkosemittel oder Reizgase nicht einsetzt, kann die unterschiedliche Auslegung der Chemiewaffenkonvention für deutsche Soldaten im Ausland handfeste Konsequenzen haben. Gehen beispielsweise ein italienischer und ein deutscher Blauhelm-Soldat gemeinsam auf Streife und werden von Zivilisten angegriffen, so hat der Italiener Pfefferspray zu seiner Verteidigung dabei. Der Deutsche darf das aufgrund der bestehenden deutschen Rechtslage nicht. Wird der Italiener während der Aktion handlungsunfähig, hat der deutsche Soldat zwei Möglichkeiten. Er kann zu seiner Verteidigung das Pfefferspray des Italieners benutzen. Damit handelt er zwar nach dem Gebot der Verhältnismäßigkeit von Zweck und Mittel, verstößt aber gegen geltendes deutsches Recht. Benutzt er dagegen zu seiner Verteidigung scharfe Munition, hat er das deutsche Recht auf seiner Seite, denn er handelt in Notwehr. Er läuft aber Gefahr, vor dem Internationalen Gerichtshof angeklagt zu werden, da er gegen elementares Kriegsvölkerrecht verstoßen habe. „Dieser konstruierte Fall macht den Mangel an Rechtsicherheit hinsichtlich chemischer nichttödlicher Waffen für deutsche Soldaten im Ausland deutlich”, sagt Stuckenschmidt.
Deshalb fordert die Internationale Gesellschaft für Wehr- und Kriegsvölkerrecht in Brüssel die Anpassung der Rechtsgrundlagen an den Einsatz von nichttödlichen Waffen. Sie schlägt eine völlig neue Waffenkonvention vor. Diese „Convention on Non-Lethal Weapons” sollte den Gebrauch von nichttödlichen Waffen zur Pflicht machen, bevor konventionelle Waffen eingesetzt werden dürfen. Ob und wann es eine derartige Übereinkunft geben wird, ist allerdings fraglich.
Unstrittig ist dagegen eines: Nicht- tödliche Wirkmittel werden konventionelle Waffen niemals ersetzen, höchstens ergänzen. So heißt es in einem 1999 veröffentlichten Statement der NATO beispielsweise: „Nichttödliche Waffen können in Verbindung mit tödlichen Waffen eingesetzt werden, um die Effektivität letzterer sowie die Effizienz des gesamten Spektrums militärischer Operationen zu steigern.” Denn schließlich, so Rainer Stuckenschmidt, verfolge noch jede Armee das Ziel, militärisch erfolgreich zu sein. ■
Ute Schönfelder
Ohne Titel
Elektroschock-pistolen
So genannte TASER verschießen kleine Pfeile, die dem Getroffenen einen Stromstoß versetzen und ihn lähmen. Beispiel: Der „Advanced Taser M26″ mit 26 Watt Leistung gibt Stromstöße von 162 Milliampere ab. Derartige Pistolen sind bereits im Einsatz, beispielsweise bei der Ohio State Police. Die Rheinmetall W&M GmbH entwickelt derzeit Elektroschock-Pistolen, die anstelle der Pfeile eine Kohlenstoff-Wolke verschießen, über die elektrische Ladung transportiert wird. Dadurch, so der Hersteller, sinke das Verletzungsrisiko. Diese „Plasma Taser” sollen zukünftig auch in Form von Spraydosen für die Handtasche erhältlich sein – für den zivilen Einsatz.
Mikrowellenstrahler
Gebündelte Mikrowellenstrahlen erzeugen Hitzeschmerzen auf der Haut. Die „Active Denial”-Technologie, entwickelt am Air Force Research Laboratory im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums, steht kurz vor der Einsatzreife. Die Mikrowellen-Quellen können auf Fahrzeugen montiert und dadurch mobil eingesetzt werden. In den letzten zehn Jahren sind bereits 40 Millionen US- Dollar in das Projekt geflossen. Derzeit werden Mikrowellenstrahler an Tieren und Menschen getestet.
Drogen
In Russland und den USA werden neben Beruhigungs- und Betäubungsmitteln verschiedenste Psychopharmaka als nichttödliche Waffen erforscht: Benzodiazepine (Valium), Opioide (Fentanyl, Carfentanil), Neuroleptika und Muskelrelaxanzien. Ende 2002 legte der US-amerikanische National Research Council (NRC) im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums einen Bericht vor, in dem Entwicklungsstand und Potenzial verschiedener nichttödlicher Waffen beurteilt wurden. Darin empfiehlt das Gremium insbesondere die Erforschung von Betäubungsmitteln als nichttödliche Waffen zu intensivieren.
DruckstoSS-Kanonen Auch „Wirbelring-Kanonen” genannt. Sie erzeugen Gaswirbel, deren Druckwellen Menschen in etlichen Meter Entfernung umstoßen können. Sie lassen sich nicht nur mit Luft, sondern auch mit Reiz- oder Narkosegas betreiben. Zusätzlich können sie feste oder flüssige Wirkstoffe in Aerosole verwandeln und diese über einige Meter Entfernung transportieren. Sie sind noch im Forschungsstadium.
Kunststoff-Schäume
Mithilfe von Spezialgewehren lassen sich Polyurethan-Schäume verschießen, die sich dabei bis zum 50fachen ihres ursprünglichen Volumens ausdehnen. Der Schaum trocknet sehr schnell und wird hart. Mit ihm lassen sich Hände und Beine von feindlichen Personen verkleben, um sie an der Flucht zu hindern. Auch zum Versiegeln von Türen und Fenstern, zum Schutz vor Eindringlingen, ist er geeignet. In den USA ist die Entwicklung der klebrigen Polyurethan-Schäume als Waffen offiziell eingestellt, da es zu tödlichen Unfällen kommen könnte, wenn Nase und Mund der Opfer verkleben. Geforscht wird aber weiterhin.
Mikrokapseln Die nur einige tausendstel Millimeter großen Polymerkugeln können mit reizenden oder übel riechenden Flüssigkeiten gefüllt werden. Die Kapseln werden auf feindliche Personen geschossen oder über einer Menschenmenge von einem unbemannten Flugzeug aus abgeworfen. Beim Kontakt mit Wasser – der Schweiß auf der Hautoberfläche reicht schon aus – lösen sich die Kapseln aus Gelatine und Glycerin auf und setzen ihre Inhaltstoffe frei. Sie befinden sich im Forschungsstadium, zum Beispiel am Advanced Polymer Laboratory der University of New Hampshire.
COMMUNITY Internet
Europäische Arbeitsgruppe zu nichttödlichen Waffen:
www.non-lethal-weapons.com/
Das für nichttödliche Waffen zuständige „Joint non-lethal weapons directorate” des US-Verteidigungsministeriums: www.jnlwd.usmc.mil/
Dokumentation des Sunshine-Projects: www.sunshine-project.org/incapacitants/
Umfassende Informationen der Vereinigung Amerikanischer Wissenschaftler (FAS) mit Dokumenten, Presseberichten und Links:
www.fas.org/bwc/nonlethal.htm





