Das Klischee will es so: Russen grübeln ohne Ende, Russen leiden ohne Ende. Ein Blick in die russische Zeitungs- und Romanwelt lässt vermuten: Das Rühren in unschönen Erlebnissen und den damit verbundenen negativen Gefühlen durchzieht die russische Gesellschaft. Die Novelle „Der Mantel” von Nikolai Gogol etwa beginnt düster und endet schwarz. Dostojewski ist der ungekrönte König depressiv machender Fiktion – glücklicher Ausgang ausgeschlossen. Trotzdem versinkt die russische Bevölkerung nicht häufiger in Depressionen oder anderen Störungen als die Menschen in Westeuropa oder den USA. Denn Russen grübeln anders als wir, fanden Forscher jetzt heraus: „Sie betrachten ihre negative Gefühlswelt mit einer Art innerer Distanz”, sagt Ethan Kross von der University of Michigan in Ann Arbor. Was anscheinend zu dem Effekt führt: Das notorische, schier endlose Brüten im Land von Putin und Gazprom reinigt die Seele.
Die Ergebnisse dieser und weiterer neuer Studien legen aus Sicht des US-Psychologen nahe: Beim Grübeln kommt es auf die Perspektive an. Wer wie ein Hauptdarsteller im Film seiner eigenen negativen Gefühle und Gedanken steckt, läuft Gefahr, sich in der obsessiven Eigenanalyse zu verlieren. Wer aber „einen Schritt zurücktritt”, wie Kross es ausdrückt, „als Zuschauer den Film seiner negativen Gefühle und Gedanken betrachtet und sie so reflektiert”, kann sich womöglich schneller und effektiver an den eigenen Haaren aus dem Stimmungs-Sumpf ziehen. Menschen, so die Botschaft der Forschung über das sogenannte Self-distancing, können auf zwei Arten grübeln: zerstörerisch – oder konstruktiv.
Grübeln, die – nach wissenschaftlicher Definition – „ selbst-fokussierte Aufmerksamkeit auf immer wiederkehrende Gedanken”, das kennt mehr oder minder jeder. Allerdings grübeln Frauen häufiger als Männer – immer dann, wenn es eng wird: bei Ärger mit dem Partner, bei Problemen im Beruf, bei einer unklaren Diagnose oder bei einer schweren Erkrankung eines Angehörigen oder Freundes. „Mach dir keinen Kopf”, heißt dann der gut gemeinte Rat. Vergebens: Längst rumort es bis in die tiefsten Hirnwindungen. Negative Gefühle wie Wut, Schwermut oder Angst beherrschen die endlosen Gedanken über die Ereignisse. Besonders bei dramatischen Fällen drängt einen die Frage nach dem „Warum” .
„Mich hat schon immer interessiert, wie Leute über harte emotionale Zeiten hinwegkommen”, sagt Kross. Nicht nur ihn: Seit vielen Jahren versucht die psychologische Wissenschaft in westlichen Gesellschaften zu klären, welche Strategie eine belastete Seele am effektivsten wieder ins Lot bringt – mit widersprüchlichen Ergebnissen. Auf der einen Seite zeigen Studien: Die Gefühle nicht zu verdrängen, sondern sich ihnen zu stellen, hilft bei der Bewältigung von Problemen – was vielfach mit besserer mentaler und körperlicher Gesundheit einhergeht. Aber genauso viele Untersuchungen besagen: Die Analyse der eigenen Situation mündet nicht selten in quälendes ständiges Rühren im eigenen Gefühlschaos. „Somit wird die Analyse des Problems zum Teil des Problems”, erklärt Kross, „und die Menschen fühlen sich immer mieser.” Die Folge: Nicht nur die Seele leidet. Auch die körperlichen Stressanzeichen nehmen zu – etwa erhöhter Puls und Blutdruck. Mithin steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen.
Warum der Schuss so oft nach hinten losgeht, liegt für Kross und seine Kollegin Ozlem Ayduk von der University of California in Berkeley im mangelnden Self- distancing begründet. Seit Jahren reihen sie eine Studie an die andere, um aus verschiedenen Blickwinkeln ihre Vermutung mit Fakten zu untermauern. Das Ziel: die Technik des Self-distancing in der Psychotherapie zu verankern, aber auch für die Bewältigung alltäglicher negativer Gefühle praktikabel zu machen. Dabei, räumt Kross freimütig ein, lassen sie sich auch von anderen psychologischen Techniken wie der Achtsamkeitsmeditation inspirieren. Diese Strategien setzen ebenfalls darauf, aus einer distanzierten Position die eigene Innenwelt wahrzunehmen – ohne in ihr gefangen zu werden und mit der Maßgabe, sich auf positive Werte zu fokussieren. „Wir gehen ähnlich vor”, sagt Ethan Kross, „aber mit einem entscheidenden Unterschied: Die Menschen sollen sich distanziert beobachten, um zu verstehen, was um sie herum und in ihnen passiert.” Das heißt: Distanziertes Analysieren anstelle von reinem Beobachten.
Eben das, was Russen schon lange machen, wie Kross und sein aus der Ukraine stammender Kollege Igor Grossmann erstmals nachgewiesen haben. In einem ersten Teilprojekt bekamen 85 junge Amerikaner und 83 Russen verschiedene Kurzgeschichten vorgelegt, in denen beschrieben wird, ob ein Mensch seine Wutgefühle analysiert oder nicht. Anschließend wurden die Probanden gefragt, welche der beiden vorgestellten Bewältigungsstrategien – also Grübeln oder Nicht-Grübeln – am besten ihrer eigenen entspräche. Klares Ergebnis: Fürs Grübeln entschieden sich nur 51 Prozent der Amerikaner, aber 82 Prozent der Russen. Im Gegensatz zu Westeuropäern oder Amerikanern betrachten Russen es als positiv, sich auf ihre negativen Gefühle zu konzentrieren.
In einem zweiten Teilprojekt wurde eine andere Schar amerikanischer und russischer Probanden motiviert, sich an ihre „ tiefsten Gedanken und Gefühle” bei einem jüngst erlebten zwischenmenschlichen Problem zu erinnern und es zu analysieren. Wie sich herausstellte, taten das die meisten Russen – anders als die Amerikaner – spontan aus der distanzierten Sicht eines Beobachters, einer anderen Person. „Die Distanz war verbunden mit messbar weniger Stress-Symptomen”, sagt Grossmann. Die Russen neigten auch seltener zu erneuter Wut als die amerikanischen Grübler und machten seltener andere für ihre emotionalen Unbilden verantwortlich.
Doch auch mancher westlich sozialisierte Mensch neigt zu spontaner Selbstdistanz – mit nachhaltigem Effekt. Aufgefordert von Kross und Ayduk reflektierten 56 amerikanische Probanden über ein schmerzvolles Erlebnis, bei dem sie sich in jüngster Zeit „ zurückgestoßen” gefühlt hatten. Die Psychologen ermittelten, wie stark die Teilnehmer noch immer von diesem Ereignis mitgenommen waren. Sieben Wochen später wiederholten sie die Prozedur – um zu sehen, wie sich die emotionale Welt der Probanden entwickelt hatte. Resultat: Je mehr die Befragten sich zum ersten Studienzeitpunkt von ihren Problemen distanziert hatten, desto weniger waren sie später körperlich gestresst, wie Puls- und Blutdruckmessungen zeigten. „Die distanzierten Grübler hatten ihre Gefühle aber nicht verdrängt”, sagt Kross – eine für ihn wichtige Erkenntnis: Wegschieben bringt seelische Not nicht zum Verschwinden.
Zudem haben die Forscher Paare gebeten, drei Wochen lang unabhängig voneinander Tagebuch zu führen und zu notieren, wann welche Konflikte auftraten und in welcher Art sie darüber reflektierten. Als die Paare später ins Labor kamen und über die strittigen Punkte sprechen sollten, stellte sich heraus: Nur die selbstdistanzierten Grübler blieben ruhig und sachlich, als sich die jeweiligen Partner aufregten. „Sie waren verblüffend cool”, fand Kross.
Allerdings: Erfahrungen und Gefühle in Zeiten seelischer Not als kühle Analysten zu betrachten, erscheint vielen Menschen unseres Kulturkreises mindestens so schwierig wie der Weg zur ersten Million. Doch im Labor der Forscher lassen sich viele Probanden dazu motivieren – durch eine Stimme, die sie auffordert, die Gram, Wut oder Ärger verursachende Situation detailliert zu durchleben: „Gehen Sie innerlich ein paar Schritte zurück, betrachten Sie das Erlebnis wie eine andere Person.” Kross versichert, dass das bei vielen Menschen funktioniere und laut mehreren Studien zerstörerisches Grübeln vermeiden helfe. Die Psychologin June Gruber von der Yale University hat die Distanz-Technik erstmals eingesetzt, um Patienten mit einer Bipolaren Störung zu behandeln. Diese Menschen neigen zu Depressionen, die abrupt unterbrochen werden von manischen Phasen mit unangemessen gehobener Stimmung, Antriebssteigerung und Selbstüberschätzung. Gruber instruierte eine Gruppe von Patienten in der manischen Phase, distanziert oder nicht-distanziert zu grübeln – und beobachtete ähnliche Effekte wie ihre Kollegen aus Michigan und Kalifornien in ihren Studien mit gesunden Probanden. Jetzt will die Psychologin mit bildgebenden Verfahren erkunden, was beim Self-distancing im Gehirn der Patienten passiert. In einer ersten Studie entdeckte ein Team um Ethan Kross: Wer bedrückende Ereignisse aus innerer Distanz analysiert, in dessen Gehirn sind Regionen weniger aktiv, „die eng mit klinischen Depressionen verbunden sind”.
Ungeachtet all dessen sieht Kross noch erheblichen Forschungsbedarf gerade für die Therapie psychischer Störungen und Erkrankungen. Seelisch gesunden Menschen mit zeitweiligen Alltagsproblemen rät er auf jeden Fall zum Self-distancing. Mit etwas Übung könnten viele lernen, in gefühlsmäßig brenzligen Situationen „die emotionale Temperatur herunterzufahren, um das Problem klar und rational durchdenken zu können”. ■
KLAUS WILHELM, Wissenschaftsautor in Berlin, kommt des Öfteren ins Grübeln – das Distanzieren übt er noch.
Klaus Wilhelm (Text) und Matthias Schwoerer (Illustration)
KOMPAKT
· Man kann lernen, negative Gefühle mit innerer Distanz zu betrachten.
· Wer diese Strategie beherrscht, besitzt ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen.
· Russen gelingt das nachweislich eher als Amerikanern.
DEN GANZEN TAG LITANEI
Haben Sie heute schon gegrübelt, Frau Solominski?
Natürlich. Die Russen sind geborene Grübler. Was bleibt denn, wenn man keine Hilfe zu erwarten hat? Ich glaube, dass alles, was mit Selbstauseinandersetzung zu tun hat, in Russland anders läuft als in der westlichen Welt.
Warum?
Das Volk hat jahrhundertelang physisch und psychisch gelitten, bis ins späte 20. Jahrhundert. Im Gegensatz zu westeuropäischen Ländern oder den USA, wo nach dem Zweiten Weltkrieg individuelles Leid mit Psychologen aufgearbeitet wurde, hat es das bei uns nie gegeben. So blieb jeder auf sich alleine gestellt.
Wenngleich es doch in jüngster Zeit andere Strömungen gab …
Das stimmt, etwa zu Zeiten der Perestroika. Wenn man ein Problem hatte, mussten Nachbarn, Freunde oder Kollegen herhalten. Mit denen trank man dann noch mehr als sonst. Diese gemeinsame „ Litanei” dauerte manchmal einen ganzen Tag. Doch das ist seltener geworden.
Wegen der zunehmenden Individualisierung der kapitalistischen Gesellschaft?
Ja, die junge Generation ist in diesen Dingen zurückhaltender. Hinzu kommt ein neues für Russland typisches Phä-nomen: Viele Menschen übernehmen bei Problemen stereotype Lösungen, die ihnen in den Medien vorgegaukelt werden. Nach dem Motto: Der Typ im Fernsehen ist damit durchgekommen, darüber brauche ich gar nicht mehr lange nachzudenken.
Internet
Das Labor für Emotionen und Selbst- kontrolle des Forschers Ethan Kross: selfcontrol.psych.lsa.umich.edu





