von ROLF HEßBRÜGGE
Wilbur und Orville Wright galten als bodenständige Gesellen. Die beiden Brüder aus Dayton im US-Bundesstaat Ohio betrieben Ende des 19. Jahrhunderts ein Fahrradgeschäft sowie eine Druckerei. Das Backsteinhaus, in dem ihre Betriebe untergebracht waren, steht heute unter Denkmalschutz, denn die Wrights gelten als Erfinder des vollgesteuerten Motorflugs. „Sie schufen eine völlig neue Fluggerät-Auslegung – hin zum heutigen Flugzeug“, erklärt Andreas Hempfer. Der Technikhistoriker ist Kurator für Historische Luftfahrt am Deutschen Museum in München und voller Bewunderung für die legendären US-Amerikaner: „Ihren Motor hatten die beiden selbst konzipiert, ebenso die in Windkanaltests optimierten Propeller. Das war pure Pionierarbeit – systematisch, experimentell und hochinnovativ“, stellt Hempfer fest. Und dennoch hatten die Brüder Wright von zahlreichen Vordenkern und Vorreitern profitiert.
Wegweisende Ideen aus der Toskana
Die Geschichte der Luftfahrt ist fast so alt wie der Traum vom Fliegen. Schon die alten Chinesen hinterließen Aufzeichnungen von experimentellem Fluggerät, ähnlich heutigen Drachenfliegern. Wesentlich detaillierter sind die Zeichnungen von Leonardo da Vinci: Der toskanische Universalgelehrte (1452 bis 1519) versuchte, die Flugprinzipien der Natur auf den Menschen zu übertragen und entwarf unter anderem sogenannte Schlagflügel-Fluggeräte. „Diese wären jedoch zu schwer gewesen, die Flügel waren nicht so geformt, dass sie hätten Auftrieb erzeugen können, zudem fehlte eine Flugsteuerung“, erklärt Hempfer. „Da Vinci unterschätzte überdies, wie wenig Energie der menschliche Körper im Vergleich zur benötigten Leistung liefern kann.“ Dennoch waren seine Ideen wegweisend, stellt der Münchner Technikhistoriker fest. „Denn er begriff den Flug als technisch lösbares Problem, ihm fehlten nur die Grundlagen der physikalischen Gesetze.“
Das galt wohl auch für Salomon Idler, der um 1660 mit vogelähnlichen Schlagflügeln an den Armen von einem Augsburger Schuppendach sprang und letztlich nur die heutige Pilotenregel bestätigte: Runter kamen sie alle. Idler krachte in ein Holzgestell. Vier Hühner kamen dabei zu Tode. Der „Pilot“ überlebte, desillusioniert.
Doppelrotoren aus Gänsefedern
„Reine Nachahmung von Vögeln und die Übertragung ihrer Bewegungen auf den Menschen, ohne die Bewegungen physikalisch zu verstehen, führten nie zum Erfolg“, sagt Andreas Hempfer. Und doch lieferte die Natur immer wieder wichtige Anregungen auf dem Weg hin zur menschlichen Fliegerei: 1784 bauten die Franzosen Biénvenue und Launoy die ersten flugfähigen Hubschraubermodelle mit Doppelrotoren aus Gänsefedern. Inspiriert waren sie vermutlich durch Flugsamen wie jene des Bergahorns: Die einem Bumerang ähnliche Form der Samen und ihre Rotation lassen einen Luftwirbel über der oberen Kante entstehen, der den Luftdruck senkt und Auftrieb erzeugt.





