Die Studie eines Wirtschaftspsychologen der Universität Münster dürfte nicht nur Gewerkschaftlern sauer aufstoßen: Guido Hertel setzt sich dafür ein, die Lebensarbeitszeit auf 75 Jahre zu verlängern. Hertel hatte fast 40 000 Datensätze ausgewertet, die auf Interviews, Fragebögen und Tagebucheinträgen beruhten. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass ältere Arbeitnehmer stressresistenter, erfahrener und teamorientierter sind, da sie sich nicht mehr auf ihre Karriere konzentrieren müssten. Doch dies sei nur ein Grund für seine Forderung, meint Hertel: „ Verglichen mit unseren Vorfahren vor 100 Jahren haben wir durch den technischen Fortschritt im Durchschnitt 20 Lebensjahre geschenkt bekommen. Anstatt jedoch dadurch nur unseren Ruhestand zu verlängern, sollte diese zusätzliche Zeit genutzt werden.” Die Unternehmen könnten dann länger auf motivierte Mitarbeiter zurückgreifen.
Außerdem entspräche die Verlängerung der Lebensarbeitszeit den veränderten Bedürfnissen in den verschiedenen Lebensphasen. Als Beispiel führt der Forscher die mit Karrierebeginn und Familienplanung besonders belastete Zeit zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr an. Diese Lebensphase könne man entzerren, meint Hertel: „Wenn man den Berufseinstieg nach hinten verschiebt, kann man den Beginn der Familiengründung noch als Lernphase nützen. Ältere Arbeitnehmer, deren Kinder meist schon aus dem Haus sind, sind wieder flexibler und könnten wesentlich besser im Ausland eingesetzt werden, als es heute jungen Familienvätern und -müttern zugemutet wird.” Wie man jedoch ohne ausreichenden Verdienst eine Familie gründen soll – diese Antwort bleibt Hertel schuldig.





