Nicht nur Horst Schlämmer, die Kunstfigur des Komikers Hape Kerkeling, „hat Rücken”, auch die meisten realen Deutschen zwickt und drückt es an diesem empfindlichen Körperteil. Das zeigen zahlreiche Umfragen. Als zum Beispiel 2008 das Meinungsforschungs-Institut TNS Healthcare im Auftrag des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen 6000 Menschen am Telefon befragte, gaben sage und schreibe zwei Drittel an, sich gerade mit Rückenschmerzen zu plagen. Doch bei den meisten verschwinden die Schmerzen zum Glück nach einigen Tagen bis Wochen wieder. Die schlechte Nachricht: Bei rund 15 Prozent kommen sie immer wieder. Wer länger als drei Monate unter Kreuz-, Hals- oder Lendenschmerzen leidet, dessen Zustand ist chronisch geworden.
Häufiger Grund für Frühverrentung
Für das Gesundheitssystem hat die Rückenplage gravierende Folgen: Muskel- und Skeletterkrankungen verursachen in Deutschland fast 18 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage und sind bei Männern und Frauen der zweithäufigste Grund für eine Frühverrentung. Vielerorts behelfen sich Orthopäden mit Schmerzmitteln und Spritzen und verschreiben Krankengymnastik. Aber welche Therapien helfen wirklich? „Einzelne Therapien sind beim chronischen Schmerz in der Regel unzureichend”, sagt Michael Pfingsten, leitender Psychologe der Schmerztagesklinik am Universitätsklinikum Göttingen. Wer längerfristig ohne Schmerzen leben will, der versucht es am besten mit einer „multimodalen Schmerztherapie”. Zu ihr gehören psychologische, medikamentöse und physiotherapeutische Behandlungen genauso wie Kraft- und Koordinationstraining. In der Göttinger Schmerzambulanz kümmern sich Ärzte und Therapeuten jährlich um etwa 300 bis 350 Rückenpatienten. Die meisten sind chronisch Kranke, die eine lange und erfolglose Behandlungskarriere hinter sich haben.
Mehrere Studien zeigen, dass einige Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine multimodale Therapie gelingen kann. „Es sind mindestens 100 Behandlungen nötig und auch ein festes Therapeutenteam. Die Therapeuten dürfen nicht jeden Tag wechseln. Und die Patientengruppe darf nicht mehr als acht Personen umfassen”, erklärt Michael Pfingsten. Außerdem sollten die Ärzte, Psychologen und Physiotherapeuten eines Teams, die sich regelmäßig besprechen, eine qualifizierte Schmerzausbildung absolviert haben.
WÜNSCHE BEEINFLUSSEN DEN SCHMERZ
Oberstes Ziel ist es, den Kranken die Angst vor dem Schmerz zu nehmen und Muskeln, Bänder und Sehnen intensiv zu trainieren – „ Functional Restoration” heißt das Zauberwort in der Fachsprache. Zwar kommen Rückenkranke auch in einer Reha-Maßnahme in den Genuss verschiedener Therapien. Allerdings mit mäßigem Erfolg, wie Pfingsten meint. Drei Wochen Reha würden keinesfalls genügen, um die erforderliche Behandlungsintensität zu erreichen. „Eine multimodale Behandlung ist weit entfernt von dem Potpourri an unterschiedlichen Maßnahmen, wie es dort üblicherweise angeboten wird.”
Sowohl Studien als auch Erfahrungen beweisen: Patienten, die in Bewegung bleiben, sind auf dem besten Weg zur Heilung. Das gilt bei chronischen Schmerzen genauso wie bei akuten. Programme, die Bewegungstherapie mit Verhaltenstherapie kombinieren, beschleunigen den Weg zurück an den Arbeitsplatz. Unter den Psychotherapien sind besonders die kognitiv-behavioralen Verfahren wirksam: Schmerzen werden nämlich auch durch Kognitionen – also durch Meinungen, Wünsche und Vorstellungen – beeinflusst und lassen sich sowohl verstärken als auch abschwächen. In der Verhaltenstherapie geht es darum, negative Einstellungen aufzuspüren und zu lernen, was dem eigenen Rücken gut tut.
Beim Kampf gegen Rückenschmerzen spielt die Physiotherapie eine Hauptrolle. Welche Griffe, Dehnungen und Drehungen wie und wann wirken, war bisher dem Können des Physiotherapeuten überlassen. Einen direkten Vergleich der Behandlungstechniken gibt es nicht. „Die Zahl der Studien nimmt langsam zu, aber leider ist dabei oft nicht ausreichend erklärt, welche Methode genau angewandt wurde”, meint der Physiotherapeut Joachim Dries vom DRK-Schmerzzentrum in Mainz. Fest steht: Die immer noch weit verbreitete Rückenschule hilft kaum. Keine Wirksamkeit zeigt auch die Bobath-Methode, mit der Patienten lernen, ihren Muskeltonus zu beeinflussen. Die manuelle Therapie – mit der Gelenke, Muskeln und Sehnen mobilisiert werden – ist dagegen zu Recht sehr beliebt bei Therapeuten und Kranken, als alleinige Therapie aber ebenfalls überfordert.
Was können Therapeuten tun, um zu verhindern, dass aus akuten Rückenschmerzen chronische werden? 2008 wertete eine Forschergruppe der Universität Nijmegen, Niederlande, 24 Studien dazu aus. Das Fazit der Wissenschaftler: Wenn sich Ärzte mehr als zwei Stunden Zeit nehmen, um ihre Patienten zu beraten, kehren akut von Schmerzen Geplagte schneller wieder an ihren Arbeitsplatz zurück. Bettruhe ist Gift – Rückenkranke brauchen stattdessen Muskeltraining sowie Belastungs- und Bewegungsübungen. Denn die langen Muskelstränge am Rücken müssen genauso trainiert werden wie die tiefen kurzen Bauch- und Rückenmuskeln. ■
von Angelika Friedl
INTERNET
Informationen zu Schmerzzentren auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie: www.stk-ev.de
Informationen für Patienten von der Deutschen Schmerzliga e.V.: www.schmerzliga.de
Patientenleitlinie des Medizinischen Wissensnetzwerks evidence.de der Universität Witten/Herdecke: www.patientenleitlinien.de/ Rueckenschmerz/rueckenschmerzen.html
LESEN
B. Arnold u.a. MULTIMODALE SCHMERZTHERAPIE in: Der Schmerz, Ausgabe 2009/1 Springer Medizin
Engers A. u.a. Individual patient education for low back pain Cochrane Database of Systematic Reviews 2008; (1):CD004057
Birgit Kröner-Herwig RATGEBER RÜCKENSCHMERZ Informationen für Betroffene und Angehörige Hogrefe, Göttingen 2004, € 7,95





