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Reisen zu Dunklen Orten
Die verseuchte Ruine der Nuklearkatastrophe von Fukushima, das Haus des „Hollywood-Mörders“ Charles Manson, die Killing Fields von Kambodscha – düstere Stätten aller Art üben eine große Faszination auf Besucher aus. Und sie wächst, wie ein Blick auf die Besucherzahlen zeigt. Die Gedenkstätte Auschwitz etwa meldete…
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von MANUELA RASSAUS
Die verseuchte Ruine der Nuklearkatastrophe von Fukushima, das Haus des „Hollywood-Mörders“ Charles Manson, die Killing Fields von Kambodscha – düstere Stätten aller Art üben eine große Faszination auf Besucher aus. Und sie wächst, wie ein Blick auf die Besucherzahlen zeigt. Die Gedenkstätte Auschwitz etwa meldete für das Jahr 2019 mit 2,3 Millionen Besuchern einen neuen Rekord, eine Steigerung von 170.000 gegenüber dem Vorjahr.
Was steckt dahinter – Geschichtsbewusstsein und Wissbegier? Oder ist es nur der vordergründige Schauder, der Touristen an die Orte furchtbaren Schreckens und Sterbens zieht?
Die beiden britischen Tourismusforscher J. John Lennon und Malcolm Foley beschrieben das Phänomen erstmals Mitte der 1990er-Jahre und gaben ihm den Namen „Dark Tourism“. Anfangs wurde solchen Touristen meist simpler Voyeurismus unterstellt, und sie wurden auf eine Stufe mit schaulustigen Unfallgaffern auf der Autobahn gestellt.
Doch die Erforscher des Phänomens – allen voran Sterbeforscher Philip Stone und Tourismusforscher Richard Sharpley von der University of Central Lancashire im englischen Preston – kamen zu dem Schluss, dass das Phänomen viel komplexer ist und die Gründe tief in der menschlichen Psyche wurzeln.
Nur eine Minderheit der Dunklen Touristen sucht bewusst und zielgerichtet den erregenden Kick. Sie wandern etwa mit der Handykamera durch den japanischen Aokigahara-Wald am Hang des Fujiyama, der als Ort häufiger Suizide weltweit immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Dieser Typ Tourist will Tote sehen, zumindest sich dem Tod weitmöglichst nähern. Solche Schaulustige reisen in syrische Kriegsgebiete oder steigen ins Auto oder Flugzeug, wenn sie von Naturkatastrophen oder Attentaten hören.
Doch die meisten Dunklen Touristen, so Stone und Sharpley, haben mehrere und individuell unterschiedliche Motive, die auch von den jeweiligen Orten abhängen. Bislang sind allerdings nur wenige Stätten hinsichtlich der Besuchsmotive Dunkler Touristen untersucht worden. Und es wird noch diskutiert, welche Orte überhaupt als „dunkel“ zählen sollen.
Fünf Kategorien Dunkler Orte
Sharpley unterteilt die Orte des Dunklen Tourismus in fünf Kategorien. Zur hellsten Kategorie fünf am Ende der Skala gehören Aktivitäten mit harmlosem Unterhaltungswert wie Besichtigungstouren durch angebliche Spukhäuser oder der Besuch nachgestellter historischer Ereignisse wie Ritterturniere. Hier wird zwar von Mord erzählt oder der Tod simuliert, das Geschehen ist jedoch irreal oder liegt weit in der Vergangenheit. Je länger das Grauen her ist, desto weniger ergreift es uns, sagt Heinz-Dieter Quack, Professor an der Ostfalia Hochschule in Salzgitter und Leiter des Kompetenzzentrums Tourismus des Bundes. Stattdessen kann ein Effekt der Romantisierung eintreten – etwa wenn Burgen nur noch als Geisterorte schöner Burgfräulein erscheinen und vergessen wird, dass in den Verliesen einst gefoltert wurde.
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In Kategorie vier fallen Museen mit Dokumenten und Objekten zum Thema Sterben oder Krieg, die sich nicht am ehemaligen Ort des Todes befinden.
Kategorie drei rückt dem Tod näher – zu ihr gehören alte Friedhöfe und Orte wie die Katakomben in Palermo mit an den Wänden drapierten Mumien.
Die noch dunklere Kategorie zwei umfasst Sterbeorte. Dazu gehören Schauplätze wie die Straße, auf der das Attentat auf John F. Kennedy stattfand sowie Stätten technischer Unglücksfälle oder Naturkatastrophen. Diese müssen sich laut Sharpleys Definition jedoch vor deutlich längerer Zeit ereignet haben als jene der Kategorie eins.
Diese dunkelste und erschreckendste erste Kategorie umfasst Orte wie Aokigahara oder Syrien, wo das Sterben hautnah erlebt werden kann oder wo erst vor Kurzem Menschen starben. Die Anwesenheit am Ort des Geschehens verschafft den Sensationsgierigen das angestrebte wohlige Gänsehautgefühl.
In der Regel besuchen Dunkle Touristen Orte der Kategorien zwei bis vier. Der Mehrheit geht es nicht um die reine Unterhaltung der Klasse fünf, und auch die Gruppe der Sensationsgierigen von Kategorie eins ist klein. Dass die Motive oft unbewusst sind, verkompliziert die Forschung, trotzdem sind die wichtigsten Reisegründe heute benannt.
Den aktuellen Kenntnisstand über Dunkle Touristen beschreiben Wissenschaftler diverser Fachrichtungen im 2018 erschienenen „Palgrave Handbook of Dark Tourism Studies“, Herausgeber ist der Sterbeforscher Philip Stone. Laut Stone ist das menschliche Interesse am Tod nicht zwingend makabrer Natur. Er verweist darauf, dass der Tod in der westlichen Kultur immer mehr aus dem Leben ausgegliedert wurde. Gestorben wird hinter Mauern von Kliniken und Altersheimen, zu Hause Verstorbene werden nicht mehr tagelang aufgebahrt, wie früher üblich. Dies nehme den Menschen die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit dem Tod. Doch da der Tod und die existenzielle Angst davor ein natürlicher Teil des Lebens sind, muss die Psyche den Umgang damit erlernen. Wer in der heutigen jugendfixierten Anti-Aging-Kultur tatsächliche oder symbolische Begegnungen mit dem Tod sucht, findet sie fast nur noch in der Unterhaltungskultur.
Geschichten von Mördern und Opfern
Um die Jahrtausendwende entstand der „True Crime“-Trend in Form von Romanen und Filmen über reale Mörder und ihre Opfer. Parallel dazu wurden Horrorfilme im Pseudo-Dokumentationsstil gedreht, angeblich basierend auf echten Filmaufnahmen („Found Footage“). Seit dem Überraschungserfolg des Films „Blair Witch Project“ im Jahr 1999, der drei Studenten zeigt, die bei einer mysteriösen Hexenjagd im Wald immer mehr die Orientierung verlieren, in Panik geraten und schließlich verschwinden, überbieten solche Filme und Videos einander in vorgetäuschter Authentizität.
Solche virtuellen Begegnungen sind jedoch nicht immer und für jeden real genug, um den Tod überzeugend ins Leben zu integrieren. Gunther von Hagensʼ umstrittene Ausstellung „Körperwelten“, die das Innenleben anatomisch präparierter Menschen zeigt, gelingt das schon eher. Bis November 2019 kamen 50 Millionen Besucher. Hinterher sind die Menschen, wie Stone sagt, „nachdenklicher über ihr Leben, ihren unvermeidlichen Tod, und sie sorgen sich mehr um die Verwundbarkeit des eigenen Körpers“. Angesichts der Plastinate wachse die intensive Empfindung, selbst noch am Leben zu sein. Auch andere Dunkle Orte, so Stone, „versichern die Besucher ihrer Existenz“. Dadurch könne die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit nachlassen – paradoxerweise gerade durch die Beschäftigung mit ihr.
Der Soziologe Tony Walter von der britischen University of Bath führt aus: „Es war typisch für das westliche 20. Jahrhundert, dass Trauernde die Toten gehen lassen und ihr eigenes Leben fortführen sollten.“ Sich über Gebete, einige Trauermonate und die notwenige Grabpflege hinaus noch regelmäßig mit den Verstorbenen zu befassen oder eine starke innere Verbindung zu pflegen, wurde oft pathologisiert. Dies änderte sich laut Walter erst Mitte der 1990er-Jahre, als Soziologen und Psychologen immer mehr erkannt hätten, „wie viel besser sich Trauernde fühlen, wenn sie quasi mit ihren Toten weiterleben dürfen statt sie innerlich loslassen zu müssen“. Nach Walters These erlebt unsere Gesellschaft derzeit eine Wiederkehr des barocken Mottos „Memento Mori“ („Gedenke des Todes“).
Spiegelt sich darin ein normales menschliches Bedürfnis, das die westliche Welt unterdrückt hatte? Einiges spricht dafür. So interagieren die Menschen in vielen Kulturen weltweit intensiv mit ihren Toten. Japaner etwa errichten traditionell einen hauseigenen Altar für Verstorbene. „Sie reden mit den Toten und fühlen sich von ihnen geleitet“, so Walter. In Japan empfindet man Tote so, als wären sie in ein anderes Zimmer getreten. In der westlichen Vorstellung haben sie die Welt dagegen verlassen.
Heute versuchen Nordamerikaner und Europäer, ihren Toten wieder näher zu kommen. So stoßen die Lebensumstände Verstorbener laut Walter auf zunehmendes Interesse. Ahnenforschung galt lange als verstaubtes Hobby gelangweilter Rentner, heute ist sie im Mainstream angekommen. Und der Wissensdurst umfasst dabei nicht nur die engere Familiengeschichte, sondern auch Zeitzeugnisse wie Kriegsdenkmäler oder Gedenkstätten.
Die Suche nach Identität und Sinn
Weil Religion im europäischen Westen an Bedeutung verliert, gehen Menschen anderweitig auf Sinnsuche. Laut Stone können Dunkle Orte zum Religionsersatz werden. Denn es sind Plätze, die zwischen Tod und Leben, Dies- und Jenseits vermitteln, was sie mit Sinn auflädt. Stone vergleicht Touristen auf der Suche nach Transzendenz-Erfahrung mit den Pilgern des Mittelalters.
Neben der Säkularisierung gilt auch die heutige Individualisierung als Motiv für den Dunklen Tourismus. Stone sieht einen Zusammenhang damit, dass soziale Kontexte heute zunehmend zerfallen: Familien lösen sich auf, Berufs- und Arbeitsplatzwechsel verstärken den Effekt, Ländergrenzen verschwimmen durch die Globalisierung, Traditionen schwinden. Viele Menschen fragen sich: Wohin gehöre ich?
Große Ereignisse, auch tragische, können ein Gemeinschaftsgefühl wecken. Ein Beispiel ist Ground Zero: US-Amerikaner empfinden den Platz als Ankerpunkt im kollektiven Gedächtnis ihres Landes. Vor Ort wird das nationale Trauma aufgearbeitet, die Menschen artikulieren Trauer, Wut oder Patriotismus. Dadurch fühlt sich der Einzelne etwas Größerem zugehörig – einer Nation und Geschichte. Aber auch das unmittelbare Gruppengefühl durch ein gemeinsames hochemotionales Erleben gilt als Motiv. Ein Beispiel ist Lady Dianas Beerdigung, bei der der Unfalltod der englischen Prinzessin kollektiv betrauert wurde.
Dunkle Orte können auch identitätsstiftend wirken, ist Tourismusforscher Duncan Light von der britischen Bournemouth University überzeugt. Beispielsweise suchen Menschen mit Brüchen in der eigenen Biografie häufig Orte auf, die ebenfalls „Narben“ aufweisen“ – mit möglicherweise therapeutischem Effekt.
Laut Duncan Light besuchen Menschen Dunkle Orte manchmal auch nur, weil sie zufällig in der Nähe dieser historisch bedeutenden Stätten sind. Dies bestätigt eine 2018 in der KZ-Gedenkstätte Dachau durchgeführte Besucherstudie. 66 Prozent erklärten darin, dass die günstige Lage ein Grund für ihren Besuch war. 82 Prozent nannten Bildung als Motiv. 34 Prozent gaben an, Mitgefühl ausdrücken und die Erinnerung wach halten zu wollen. Nur wenige nannten anderes: 8 Prozent suchten Erklärungsansätze für Tod und Sterben, 6 Prozent hatten religiöse Motive oder waren auf Sinnsuche.
Um die Erinnerung geht es auch vielen Touristen, die in China den Tianʼanmen-Platz aufsuchen, wo 1989 demokratische Massenproteste blutig niedergeschlagen wurden. Nach dem Willen der Parteiführung soll nichts an dieses Ereignis erinnern. Doch die Dunklen Touristen setzen Zeichen gegen das Vergessen. Ähnlich ist es bei einem der brutalsten Massaker an amerikanischen Ureinwohnern, das im Jahr 1864 in Sand Creek/Colorado stattfand. Auch die Erinnerung daran sollte verblassen. Doch heute steht in Sand Creek eine Gedenkstätte.
Und hierzulande ist es nicht anders: Während im Deutschland der Nachkriegszeit kaum jemand an der Aufarbeitung des Holocausts interessiert war, wurde mittlerweile eine vielschichtige Erinnerungskultur geschaffen. In Auschwitz etwa werden regelmäßig die Schuhe von Opfern mit Benzol eingerieben und Gebäude repariert, damit sie nicht zerfallen. Selbst Kritiker des Dunklen Tourismus halten das Reisemotiv „Erinnerung“ für wichtig.
Doch diese Erinnerungskultur könnte auch wieder verschwinden. Ein solcher Prozess unterliege „erinnerungspolitischen Konjunkturen“, erklärt der Kölner Historiker Habbo Knoch. Der heutige Zeitgeist betont Moral und Mitgefühl. Doch beides stand nicht immer im Fokus, wie die Berliner Historikerin Ute Frevert in ihrem Buch „Vergängliche Gefühle“ schreibt. Während für unsere Großeltern Empathie weniger zählte als Ehre und Scham, sei es heute umgekehrt.
Dunkler Tourismus als Reisemarkt
Deutschlands Tourismusbranche wird beim Besuch Dunkler Orte von Anbietern geprägt, die sich der Bildung und Erinnerung verpflichtet fühlen. Ein offener Markt für Sensationstouristen wie früher existiert nicht mehr. Doch wer den Kick sucht, findet ihn immer noch. Im Osten etwa locken Veranstalter mit Abenteuern wie „die Realität der Katastrophe spüren“. Angepriesen wird eine Tour in die Sperrzone von Tschernobyl, in den Kontrollraum von Reaktorblock 4 des 1986 explodierten Atomkraftwerks. So etwas reizt vor allem manche jungen Männer, die damit ihre Männlichkeit beweisen wollen. Die Strahlungsgefahr gilt als Mutprobe, deren Höhepunkt erreicht ist, wenn der mitgebrachte Geigerzähler ausschlägt. Solche Touristen nutzen Dunkle Orte zur Profilierung, und sie posten ihre Beweisfotos in sozialen Medien.
Ein solches Phänomen der Selbstdarstellung ist selbst in Auschwitz zu beobachten, wie viele Selfies belegen. Mitarbeiter der Gedenkstätte beklagen, dass sich häufig lächelnde Touristen unter dem zynischen Schriftzug „Arbeit macht frei“ am Eingangstor ablichten. Gedankenlos? Oder gefühllos? In den meisten Fällen trifft beides nicht zu, so die Einschätzung der niederländischen Tourismusforscherin Nitasha Sharma. Die wenigsten seien schlicht gefühlskalt, schrieb sie im Jahr 2020 im internationalen Journal „Tourism Geographies“. Vielmehr würden diese Menschen ihre Moral „abschalten“. Sie würden als Touristen ihren Alltag verlassen und die räumliche Distanz führe zu einer inneren Distanz. Diese erleichtere ein Abweichen vom gewohnten Verhalten und könne auch zum Regelbruch führen.
Damit es dadurch zu keinem „moralisches Dilemma“ kommt, so Sharma weiter, treten spezielle Mechanismen in Gang: Rechtfertigung („Ich habe Eintritt gezahlt und mir so mein Foto verdient“), Abtreten von Verantwortung („Alle anderen fotografieren auch“) oder Beschönigen („Ein Foto tut keinem weh“). Sharmas Forschungsmotivation: Sie will die soziopsychologischen Gründe dieses Fehlverhaltens verstehen, um Gedenkstätten beim Umgang mit solchen Touristen zu unterstützen – damit die Würde aller gewahrt bleibt.
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