Die letzte Blüte keltischer Ornamentik steckt zwischen zwei Buchdeckeln. Der Codex 51 ist ein lateinisches Manuskript der vier Evangelien aus dem 8. Jahrhun- dert n.Chr. mit zwölf ganzseitigen Illustrationen. Das Bild des Evangelisten wird von keltischen und germanischen Motiven eingerahmt. „Die Flechtwerk-Ornamentik, die häufig in esoterischen Kreisen für keltisch gehalten wird, ist germanisch”, be-tont Thomas Hoppe. Wirklich keltisch sind die Spiralen- und Trompetenmuster. Sie stammen ursprünglich vom Festland, wurden aber in Großbritannien weiterentwickelt. Vor allem das Trompetenmotiv (in den beiden Kreisen) ist typisch „inselkeltisch”. Obwohl der Codex 51 in der Stiftsbibliothek im schweizerischen St. Gallen steht, stammt die Buchmalerei eindeutig aus Irland. „Man hat lange überlegt, ob das Buch nicht auch in St. Gallen hätte hergestellt sein können – immerhin hatte die Bibliothek eine leistungsfähige Schreibstube”, sagt Hoppe. „Es gibt jedoch Indizien dafür, dass irische Wandermönche im 9. Jahrhundert St. Gallen besucht und mehrere Bücher mitgebracht haben.”




