Was zieht Menschenmassen an?
Die Statistik zeigt, dass sich die Beliebtheit des Münchner Oktoberfests über die Jahrzehnte hinweg leicht gesteigert hat. Zählte München 1980 rund 5,1 Millionen Besucher, waren es 2019 6,3 Millionen Menschen aus aller Welt. Sie nehmen mitunter weite Reisen auf, um die Atmosphäre des Volksfestes zu erleben – und nehmen vor Ort vergleichsweise widrige Umstände wie überfüllte Zelte, große Lautstärke und lange Wartezeiten in Kauf.
Trotz der Nachteile, die große Volksfeste und Festivals mit sich bringen, bleiben sie attraktiv. Vier Aspekte helfen bei der Suche nach den Gründen:
1. Freiheit durch Anonymität
Ein starkes Argument für das Leben in der Großstadt ist die gesteigerte Anonymität. Viele Menschen wohnen nicht gerne in kleinen Ortschaften auf dem Land, weil sie den starken Fokus auf das Individuum nicht hinnehmen möchten. Große Volksfeste bieten im Vergleich zu kleinen Feiern einen ähnlichen Kontrast. Hier kann sich der Mensch in der Masse verlieren und muss nicht fürchten, von anderen bewertet oder beobachtet zu werden.
Wer im restlichen Leben oft das Gefühl hat, anders zu sein, kann auf Volksfesten schnell zu einem Teil der homogenen Masse werden. Bei vielen Anlässen ergibt sich das bereits aus traditionellen Gepflogenheiten wie beispielsweise bestimmter Kleidung heraus. Auf dem Oktoberfest und der Wasen tragen Frauen ihr Dirndl hochgeschlossen oder auch freizügig, Herren kommen in Lederhose und Hemd. Sich der Alltagskleidung zu entledigen und in eine neue Rolle zu schlüpfen, verstärkt den Effekt der Anonymität noch einmal deutlich.
Dass Anonymität auch Tücken haben kann, liegt auf der Hand. Nicht umsonst sind Polizeiwachen während großer Massenevents meist gut besetzt und dennoch überlastet. Ganz ähnlich wie bei Hass im Netz können sowohl der Schutz der Menge als auch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe negative Folgen haben.
2. Selbstdarstellung und -bestätigung
Im Kontrast zum ersten Argument steht die Motivation des Menschen, auf Volksfesten und Festivals die Gelegenheit zur Selbstdarstellung zu ergreifen und sich den eigenen Selbstwert in der sozialen Interaktion bestätigen zu lassen. Schöne Kleidung, ausgefallene Frisuren und aufwändiges Make-Up sind daher nicht selten Teil der Vorbereitungen auf einen Festtag.





