Erkenntnisse eines Soziologen Anlässlich der Ereignisse um den 11. September 2001 führte bild der wissenschaft ein weithin beachtetes Interview mit dem Soziologie-Professor Dirk Kaesler. Er vertrat darin die Auffassung, dass es sich bei den Terroristen „aus der Akteurperspektive um Selbstverteidigung handelt”. Der Marburger Wissenschaftler forderte damals vom Westen: „Wir müssen es ernst meinen mit dem Dialog zwischen den Kulturen… Wir müs-sen unsere wirtschaftliche Expansion überdenken.” In diesem Heft ist Kaesler wieder bdw-Gesprächspartner. Die Entwicklung seither ist für ihn Beleg, dass die USA ihren Expansionsdrang noch beschleunigt haben und alles daran setzen, um ihre Position „ als einzige Macht, die in der Welt für Frieden, Ordnung und Recht unter den Bedingungen des Kapitalismus sorgt” zu zementieren – sodass sich selbst China eher in die bestehende Weltordnung einpasst, als eine Alternative zu entwickeln.
Sicher werden sich viele Leser an Kaeslers Argumenten und Thesen reiben. Am 2. September stellt sich der Soziologe deshalb im Internet Ihren Fragen, Ansichten und Gegenargumenten. Näheres über den Chat erfahren Sie auf Seite 74.
Seit nunmehr drei Jahren berichtet bild der wissenschaft regelmäßig und in großem Umfang über Erkenntnisse der Kultur- und Gesellschaftswissenschaften. Als ich damals externen Kollegen dieses Vorhaben vorstellte, reagierten manche kritisch: Solche Themen kämen nicht an bei Leuten, die in ers-ter Linie naturwissenschaftlich interessiert sind. Es freut mich, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Unken zum Schweigen gebracht haben. Die Akzeptanz des „grauen Buchs” in bild der wissenschaft, das jeden Monat unter der Federführung von Michael Zick mit allerhöchstem Engagement produziert wird, ist enorm. Dies beweisen uns die vielen Reaktionen und Anregungen. Die große Akzeptanz zeigt auch, dass der Blick über den Tellerrand, durch den sich bild der wissenschaft-Leser auszeichnen, viel weiter reicht als bis zur Grenze, die naturwissenschaftliche Regeln ziehen.
Wolfgang Hess





