In sozialen Netzwerken tun Millionen von Menschen ihre Ansichten, Gefühle und individuellen Erfahrungen kund. Während sich Gerüchte und Falschmeldungen schnell verbreiten, haben es Fakten und rationale Argumente oft schwer. Besonders ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist dieses Phänomen seit der Amtszeit des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, der auf Twitter seine subjektiven Überzeugungen verbreitete, die in vielen Fällen wissenschaftlich belegten Fakten widersprachen.
Von Logik zu Gefühl
Doch der Trend weg von rationalen Argumenten hin zu persönlichen Ansichten begann schon deutlich eher, zeigt nun eine Analyse. „Um herauszufinden, wie Fakten und Gefühle jeweils historisch gewichtet wurden, haben wir den Wortgebrauch in Millionen von Büchern in englischer und spanischer Sprache aus der Zeit von 1850 bis 2019 systematisch analysiert“, berichtet ein Team um Marten Scheffer von der Universität Wageningen in den Niederlanden. „Die Printkultur kann zwar nicht als unmittelbares Spiegelbild der Kultur interpretiert werden, doch Häufigkeitsveränderungen bei großen Wortmengen geben bis zu einem gewissen Grad Aufschluss darüber, wie die Menschen die Welt sehen und woran sie zu der Zeit Interesse hatten.“
Als Datengrundlage nutzten die Forscher das Programm Google Ngram, das auf der Basis von Google Books ermöglicht, Millionen von Büchern computergestützt zu analysieren. Die Analysen zeigten: Zwischen 1850 und 1980 nahmen in den analysierten englischen und spanischen Publikationen Wörter zu, die mit logischem Denken in Verbindung gebracht werden, etwa „feststellen“, „Schlussfolgerung“, und „Analyse“. Wörter dagegen, die mit menschlicher Erfahrung in Zusammenhang stehen, etwa „fühlen“, „glauben“ und „Hoffnung“, gingen in dieser Zeit zurück. Ab 1980 jedoch kehrte sich dieser Trend um – mit einem steilen Anstieg emotionsgeladener Begriffe und einem Rückgang solcher, die den Fokus auf Rationalität legen.

Trends in Fachliteratur, Belletristik und Presse
Um auszuschließen, dass diese Veränderung lediglich darauf zurückgeht, dass es sich bei den älteren in Google Books aufgenommenen Publikationen vorwiegend um Fachliteratur handelte, während in neueren Zeiten mehr fiktionale Werke hinzugekommen sind, die naturgemäß emotionsbetonter sind, analysierten die Forscher zum einen fiktionale und nicht-fiktionale Literatur noch einmal getrennt – mit dem gleichen Ergebnis. Zum anderen führten sie die gleiche Untersuchung mit Artikeln der “New York Times” seit 1850 durch. Auch hier zeigte sich das gleiche Muster. Zudem beobachteten die Forscher, dass in der neuen Literatur häufiger „ich“ statt „wir“ verwendet wird – eine Verschiebung von einem kollektivistischen zu einem individualistischen Schwerpunkt.





