Hardcore-Pornos schüren Gewalt und vermitteln Jugendlichen ein falsches Bild von Sexualität. Im Internet und übers Handy sind die Filme problemlos zu kriegen.
Paul ist 16 Jahre alt. Er geht aufs Gymnasium, spielt Hockey im Verein – und konsumiert Pornos. Etwa 15 Minuten am Tag beobachtet er Menschen beim Sex. Paul kennt alle Stellungen. Und: Sein Porno-Vergnügen kostet ihn keinen Cent. Denn er nutzt dafür die Internet-Flatrate seiner Eltern. Auf einigen Internet-Seiten kann er sich Sex-Clips ansehen, ohne dafür zahlen zu müssen. Und eine Alterssperre existiert dort nicht.
Paul ist kein Einzelfall. In Deutschland gibt es noch keine konkreten Zahlen, doch eine aktuelle Studie des australischen Soziologen Michael Flood belegt: Drei von vier männlichen Kindern und Jugendlichen haben sich schon einmal Porno-Filme angeschaut – alleine oder in der Gruppe. Französische Forscher wiesen nach, dass zirka 40 Prozent aller Kinder im Alter von 11 bis 15 Jahren bereits einen Porno-Film gesehen haben – auf DVD oder im Internet. Nach amerikanischen Zahlen wird jeder vierte Jugendliche im Internet mit Sex-Bildern konfrontiert, oft per Zufall. Viele dubiose Angebote bekommen die Jugendlichen frei Haus geliefert – als Porno-Spam in ihre E-Mail-Postfächer. Unter dem Schlagwort „Sex” findet die Suchmaschine Google innerhalb einer Zehntelsekunde 790 Millionen Einträge. Hunderte Bordelle werben im World Wide Web für ihre Dienstleistungen, sodass sich jeder Minderjährige darüber informieren kann, wie teuer es ist, eine Frau zum „Happy-Hour-Preis” in einem „Sex-Discounter” zu kaufen.
In der Online-Welt „Second Life” können sich Kinder und Erwachsene sogar einen virtuellen Körper basteln, den sie dann mit einem anderen Kunstkörper kopulieren lassen. In der Scheinwelt lässt sich alles durchspielen – auch Sex mit Minderjährigen oder mit Tieren. „Die Grenze zwischen virtuell und real wird immer brüchiger”, erklärt der Sexualforscher Andreas Hill vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Auch zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt ist die Grenze fließend. Dahinter steckt der freie Markt: Internet- und Handy-Pornografie sind Wachstumsbranchen.
WIE DIE ANTIBABYPILLE
Nach Erhebungen der Geschlechterforscherin Anette Diana Sörensen von der dänischen Universität Roskilde schauen sich männliche Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren pro Tag durchschnittlich 30 Minuten lang Pornos an. Werden aus ihnen später zahlende Kunden? Fest steht: Die Porno-Industrie erwirtschaftet allein in den USA jährlich zweistellige Milliardenbeträge und ist damit ökonomisch erfolgreicher als Hollywood. Nach Ansicht des Psychologen Eric Griffin-Shelley vom Charter Fairmount Institute in Philadelphia hat das Internet eine neue „sexuelle Revolution” ausgelöst, – wie einst die Antibabypille. Die neuesten Zahlen der Psychologin Brenda Russel von der Pennsylvania State University bestätigen das: Jugendliche mit Internet-Zugang konsumieren nicht nur mehr Sex-Bilder als ihre Altersgenossen ohne Online-Account, sie haben auch früher Geschlechtsverkehr. Das Internet beschleunigt demnach die sexuelle Aktivität von jungen Menschen.
Vor allem dänische Wissenschaftler sind den nackten Tatsachen auf den Fersen. Der Sexualforscher Gert Martin Hald vom Copenhagen University Hospital hat vor Kurzem 688 Dänen im Alter von 18 bis 30 Jahren zu ihrem Porno-Konsum und des-sen Auswirkungen befragt. Ergebnis: Die meisten mögen Hardcore-Pornos und bescheinigen ihnen einen guten Einfluss auf ihr Liebesleben. Außerdem glauben viele männliche Porno-Gucker, dass sich ihre Einstellung gegenüber Frauen durch die Filme positiv verändert hat. Von der stimulierenden Wirkung der Filme sind auch die Frauen überzeugt. Halds erstaunliches Resümee: Je mehr Pornos konsumiert werden, desto positiver ist die Wirkung – zumindest aus Sicht der Befragten.
LANGEWEILER IM BETT
Das scheint den Erkenntnissen des Medienpsychologen Dolf Zillman von der Indiana University in Bloomington zu widersprechen. Er hat schon vor Längerem empirisch nachgewiesen, dass dauerhafte Porno-Konsumenten ihr Sexualleben für unbefriedigend halten – und ihren Lebenspartner für einen echten Langeweiler im Bett. Doch die Befunde von Hald und Zillman passen nur auf den ersten Blick nicht zusammen. Denn Zillman hat die tatsächliche Wirkung von Pornos erfasst, während Hald die Konsumenten über die Wirkungen der Filme spekulieren ließ, ohne deren tatsächliches Sexual- und Beziehungsleben zu erfragen. Was Gert Martin Hald zweifelsfrei belegt: In liberalen Ländern wie Dänemark gilt Porno-Konsum unter Jugendlichen als positiv. Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer mag Pornografie zu Recht für einen „Verstoß gegen die Menschenwürde der Frau” halten. Doch was hilft das, wenn viele junge Mädchen heute das nicht so sehen?
Die Warnrufe der Wissenschaftler will offenbar niemand hören: Der Soziologe Michael S. Kimmel von der Stony Brook University in New York mahnt junge Männer schon seit Langem, dass Pornos keine harmlosen Sex-Streifen sind, sondern Gewaltfilme. Und der Sozialanthropologe Graham Fordham aus Bangkok hat den Nachweis erbracht, dass sich Pornografie besonders negativ auswirkt, wenn es an sexueller Aufklärung mangelt. Fordham hatte junge Männer und Frauen in Kambodscha interviewt. Mit dem Ergebnis: Viele heranwachsende Männer orientieren sich am aggressiven Auftreten männlicher Porno-Darsteller. Die Frauen fühlen sich entsprechend von den Männern sexuell unterdrückt und beklagen deren Umgangsformen.
Porno-Konsumenten neigen dazu, erzwungenen Sex für freiwilligen Sex zu halten. Wer sich häufig Pornos ansieht, versteht Vergewaltigung als aggressive Form von Sexualität, die Frauen erregend finden. An diesen „Vergewaltigungsmythos” glauben Porno-Fans häufiger als Porno-Abstinenzler. Belegt hat das eine im Jahr 2000 veröffentlichte Meta-Analyse mit insgesamt 12 322 Probanden der Sexualforscherin Elizabeth Oddone-Paolucci von der National Foundation for Family and Education im kanadischen Calgary. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen die Kommunikationswissenschaftler Mike Allen und Keri Brezgel von der University of Wisconsin in Milwaukee: Sie hatten 33 Studien mit rund 2000 Probanden ausgewertet und festgestellt: Soft-Pornos hemmen zwar die Aggressionen von Männern gegenüber Frauen, doch Hardcore-Filme und Vergewaltigungspornos steigern sie. Sind die Konsumenten in einer gereizten Stimmung, wirken sich Gewalt-Pornos besonders schlimm aus. Nach den Erkenntnissen des Kommunikationsforschers Neil M. Malamuth von der University of California sind Porno-Fans siebenmal aggressiver als Porno-Verweigerer. Welchen Effekt das hat, zeigt eine Untersuchung von Edward Donnerstein, Psychologe an der University of Wisconsin: Nachdem männliche Testpersonen einen Gewaltporno angeschaut hatten, setzten sie vermeintlich besonders starke Stromschläge ein, um eine andere Person zu bestrafen. Dieses Experiment ist bisher der stärkste Beweis für die schädliche Wirkung von Pornografie.
Trotzdem sind Sex-Filme inzwischen sozial weitgehend akzeptiert. Zwei Drittel der 18- bis 26-jährigen Männer in den USA haben nichts gegen Pornos einzuwenden. Das stellten die Psychologen Jason S. Caroll und Laura M. Padilla-Walker von der Brigham Young University in Utah fest. Auch die Hälfte der befragten jungen Frauen finden Pornos akzeptabel. Jede Dritte von ihnen sieht sich Sexfilme im Internet an. Die Befragung des australischen Forscher-Duos Michael Flood und Clive Hamilton bestätigte: Wer Pornos anschaut, wird nicht sozial ausgegrenzt. Viele Psychologen sprechen deshalb von der „Generation P”.
DAS ZIEL IST DEMÜTIGUNG
Die Idole dieser Generation in Deutschland heißen „Bushido”, „ Frauenarzt” oder „Sido”. Ihre Songs tragen Namen wie „Ghettofotze” oder „Spreiz deine Beine”. Schüler kann man damit nicht schocken. Schon 14-Jährige chatten in Sexforen, laden Sex-Clips aus dem Netz herunter und senden sich Porno-Bilder per Handy zu. „ Häufig montieren sie die Gesichter von Mitschülerinnen auf die Körper von Porno-Darstellerinnen und verschicken das Ganze per SMS”, berichtet der Gymnasiallehrer Peter Burg. Diese Schikane sei üblich, das Lehrerkollegium ratlos. „Es geht darum, Mitschülerinnen zu demütigen”, erklärt der Lehrer. Pornos entstammen einer zynischen Kultur der Erniedrigung, predigt die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer beharrlich. In ihrer Zeitschrift Emma trat sie bereits die dritte Anti-Porno-Kampagne los. Und der Medienpsychologe Zillman erklärt: „Ein Großteil der pornografischen Medien stellt Frauen als bereitwillige Sex-Partnerinnen dar, die gewillt sind, die Wünsche jedes Mannes im Umkreis zu befriedigen.”
Die Inhaltsanalysen vieler Pornos ergaben, dass Sex und Gewalt darin meist verschmelzen. Dadurch wird der Eindruck erzeugt, Sex sei etwas Gewaltsames – und Gewalt sei sexy. Viele Jugendliche scheint das nicht zu stören. „Halbe Kinder sehen Porno-Filme auf ihren Handys, bevor sie die ersten Küsse tauschen”, meint die Publizistin Iris Radisch. Pornografie sei für die Generation P normal, Zärtlichkeit nicht. ■
NIKOLAS WESTERHOFF, promovierter Psychologe und Wissenschaftsjournalist, berichtete in bdw 2/2008 über Sexualverbrecher.
von Nikolas Westerhoff
WARUM LOCKT NACKTE HAUT?
Nackte Haut wirkt erregend – auf Bildern genauso wie in Wirklichkeit. Sie versetzt den Menschen in sexuelle Bereitschaft. Der Anblick von Brüsten und Genitalien wird als Aufforderung zur Kopulation empfunden. Evolutionsbiologen sehen darin die Botschaft: Es ist Zeit, die eigenen Gene weiterzugeben! Deshalb masturbieren Männer während des Pornokonsums oder suchen im Anschluss daran sexuelle Kontakte. Wie viele Evolutionsbiologen ist auch Donald Buss überzeugt: Männer wollen sich mit möglichst vielen Frauen paaren und ihre Gene breit streuen. Deshalb sprechen Männer stärker auf Sex-Bilder an als Frauen. Frauen schauen zwar auch Pornofilme an, legen aber im Gegensatz zu Männern Wert auf eine gefühlvolle Handlung. Laut dem amerikanischen Medienpsychologen Dolf Zillman sind Porno-Vielseher von den Sex-Streifen schnell gelangweilt. Sie gewöhnen sich an die visuellen Reize, und die Erregung sinkt. Deshalb suchen sie nach immer extremeren Filmen.
KOMPAKT
· Pornos gelten unter Jugendlichen immer weniger als Schmuddelware.
· Wer Pornos sieht, neigt dazu, erzwungenen Sex für freiwilligen Sex zu halten.
· Wer dauerhaft Pornos konsumiert, findet sein eigenes Sexualleben unbefriedigend.
· Die Pornoindustrie ist ökonomisch erfolgreicher als Hollywood.
MEHR ZUM THEMA
LESEN
Gert Martin Hald, Neil M. Malamuth SELF-PERCEIVED EFFECTS OF PORNOGRAPHY CONSUMPTION Archives of Sexual Behavior, 8/2008, Vol. 37 (4), S. 614–625
Wolfgang Büscher DEUTSCHLANDS SEXUELLE TRAGÖDIE: WENN KINDER NICHT MEHR LERNEN, WAS LIEBE IST Gerth Medien, Asslar 2008, € 14,95
INTERNET
Im Internet können Sie zum Thema Jugendliche und Pornografie eine Hör- funksendung der Redaktion SWR 2 Wissen als mp3-Datei herunterladen: Wilm Hüffer PORNOGRAFIE STATT AUFKLÄRUNG Wie das Internet die Sexualentwicklung steuert mp3.swr.de/swr2/wissen/podcast/swr2_wissen_20071013_pornographie_statt_aufklaerung.6444m.mp3





