bild der wissenschaft:Nach ihrem Ausscheiden als BDI-Chef hatten Sie sicher eine Menge attraktive Angebote. Was hat Sie veranlasst, den Präsidentenposten bei der WGL anzutreten?
Henkel: In der Tat war ich kurz davor, eine C4-Professur an der Uni Mannheim anzunehmen, als mir Frank Pobell im Namen des WGL-Präsidiums seine Nachfolge als Präsident anbot. Ich erkannte schnell, dass ich in dieser Position bessere Möglichkeiten habe, wenn es darum geht, etwas für die Wissenschaft zu tun. Zunächst gilt es natürlich, die 78 Institute zu vertreten, die der Wissenschaftsgemeinschaft angeschlossen sind. Dazu gehört auch, dass wir die guten Leistungen der Institute an die Öffentlichkeit bringen. Eine weitere interessante Aufgabe besteht darin, mich für eine bessere Forschungsinfrastruktur im Osten einzusetzen. Wir haben im Osten unter 1000 Menschen gerade mal einen Wissenschaftler, im Westen sind es immerhin vier, in Japan sogar acht. Eine besonders wichtige Aufgabe besteht allerdings darin, dass ich mich als Anwalt für die Wissenschaft einsetze.
bdw: Bei der Gentechnik und Embryoforschung scheint das keine leichte Angelegenheit zu sein.
Henkel: Ich bin weder Biologe noch Gen- oder Embryoforscher. Eines ist mir aber klar geworden: Wie schon in vielen vorhergehenden Diskussionen zu neuen Technologien geht es auch heute um Herrschaftswissen, Politik, Eitelkeiten und Ideologien. Insofern unterscheidet sich das Geschehen beim Thema Gentechnik kaum von dem bei anderen gesellschaftlichen Problemen – etwa der Arbeitslosigkeit. Sie haben grundsätzlich mit Fakten, Glauben und Erfahrungen zu tun. Mich erinnert die aktuelle Gentechnik-Debatte sehr an die Diskussion um die Kernkraft in den achtziger Jahren. Damals war auf der einen Seite der Wunsch, unabhängig von den Arabern zu sein, sowie die Möglichkeit, Energie ohne CO2-Ausstoß zu produzieren. Auf der anderen Seite standen die möglichen Gefahren, die von der Atomenergie ausgehen. Und was ist daraus geworden? Die Gefahren wurden dermaßen überzeichnet – meiner Meinung nach in völlig verantwortungsloser Weise –, dass wir uns nun dem unumkehrbaren Ausstieg aus der Kernenergie verschrieben haben, obwohl wir in Deutschland diese Technologie mit am besten beherrschen.
bdw: Ist das Ziel der Gentechnik – der Wunsch nach Perfektion – nicht weitaus kritischer zu bewerten?
Henkel: Keineswegs. Was ist denn falsch an dem Wunsch nach Perfektion? Natürlich sollten wir danach streben. Wenn das Ziel im Vordergrund steht, dem Menschen das Leben zu erleichtern oder es gar zu verlängern, dann ist der Wunsch nach Perfektion durchaus legitim.
bdw: Aber Tatsache ist doch, dass wir noch nicht einmal den Schnupfen besiegt haben, manche Forscher jedoch den Eindruck erwecken, als seien mit Hilfe der Gentechnik viele Krankheiten morgen schon kein Thema mehr.
Henkel: Ich kann natürlich nicht für alle Wissenschaftler die Hand ins Feuer legen. Es gibt sicherlich in jeder Wissenschaft auch unseriöse Forscher, die mit solchen Mitteln auf sich aufmerksam machen. Deshalb sollte man sich davor hüten, die Meinung von einzelnen Propagandisten pauschal zur Meinung der gesamten Wissenschaft zu erklären. Stattdessen gilt es, den Einfluss, den diese Wissenschaftler auf die öffentliche Meinung nehmen, zu relativieren und im Gegenzug die realistische Forschung zum Wohle des Menschen zu veranschaulichen.
bdw: Neben den großen Heilsversprechen verunsichern Spekulationen über die unabsehbaren Gefahren für Mensch und Umwelt die Bevölkerung. Stehen Sie der Mahnung zur Vorsicht ebenfalls kritisch gegenüber?
Henkel: Durchaus – deshalb habe ich mich auch über die Rede von Bundespräsident Johannes Rau sehr geärgert, als er vor den Risiken warnte, die mit der Nutzung der Gentechnik verbunden seien. Das hinterließ bei vielen Menschen den Eindruck, als würden Wissenschaftler grundsätzlich alles tun, wenn es ihnen zu Ehre und Profit verhilft. Sicherlich gibt es irgendwo auf der Welt auch einen verrückten Wissenschaftler, der fest entschlossen ist, schon bald einen zweiten Adolf Hitler zu klonen. Aber muss man deshalb die Gentechnik gleich generell verdammen, ungeachtet der Chancen, die damit verbunden sind?
bdw: Welche Auswirkungen hätte ein generelles Verbot der Embryonenforschung für die deutsche Forschungslandschaft?
Henkel: Dies hätte zur Folge, dass die deutsche pharmazeutische Industrie ihre Forschungsaktivitäten ins Ausland verlagert, um dem internationalen Wettbewerb standzuhalten.
bdw: Wie bewerten Sie generell das Vorgehen von Politikern in wissenschaftlichen Angelegenheiten?
Henkel: Wenn es um neue Technologien geht, arbeiten Politiker mit unglaublich simplen, aber wirkungsvollen Rezepten. Vor 16 Jahren habe ich als Chef von IBM Deutschland mit Oskar Lafontaine – damals Ministerpräsident des Saarlandes – über den Computer diskutiert. Der Computer war zu der Zeit das Feindbild Nummer eins in der technikfeindlichen Elite in Deutschland: Der Jobkiller, das Instrument, das sich gegen den Menschen richtet. Nach dem Unfall von Tschernobyl war das die Kernkraft. Heute geben die drohende Klimakatastrophe und die möglichen Folgen der Gentechnik der Bevölkerung Anlass zur Sorge. Dabei ist das Ganze nur ein Trick: Die Politiker schüren jedes Mal Ängste bei den Bürgern, um nachher mit einer vermeintlichen Lösung daherzukommen. Das macht sie populär.
bdw: Bestehen die Ängste nicht zu Recht, wenn es um die CO2-Problematik geht?
Henkel: Die Angst vor den Auswirkungen der Treibhausgase ist berechtigt. Was mich jedoch ärgert, sind die Rezepte. Dass die Öko-Steuer keinen Beitrag zur Verringerung der CO2-Produktion darstellt, gilt als gesichert.
bdw: Wie könnte man dem Problem Ihrer Meinung nach begegnen?
Henkel: Wir müssen erkennen, dass allein die Verringerung der weltweiten CO2-Produktion das Klimaproblem nicht lösen wird. Schließlich ist das CO2-Aufkommen, das sechs Milliarden Menschen mit jedem Atemzug erzeugen, unvermeidbar. Die einzige Möglichkeit besteht also darin, eine Technologie zu entwickeln, die mit dem CO2 fertig wird.
bdw: Immer mehr deutsche Wissenschaftler gehen ins Ausland, weil ihnen dort die Forschungsbedingungen, aber auch die Einkünfte mehr zusagen als in unserem Land. Wie wollen Sie dem Abwandern der deutschen Forschungselite entgegenwirken?
Henkel: Bereits kurz vor meiner Amtszeit als WGL-Präsident wurde ich mit so einem Fall konfrontiert, als ein führender Forscher aus dem ehemaligen Osten Deutschlands ein großzügiges Angebot aus dem Ausland erhielt. Ich setzte daraufhin alle Hebel in Bewegung, damit dieser Forscher die erforderlichen finanziellen Mittel für seine Forschung erhält, um ihn in Deutschland zu halten. Nach einem Abendessen mit ihm und dem Ministerpräsidenten habe ich große Hoffnung, dass er tatsächlich bleibt. Ich werde auch weiterhin alle Register ziehen, um vor allem Mitarbeiter der Leibniz-Gemeinschaft zu motivieren, in Deutschland zu bleiben.
bdw: Das Motto „Motivation durch Wettbewerb” wird nicht von allen Forschern geteilt. Kann man das in der Wirtschaft übliche Leistungsprinzip ohne weiteres auch auf die Forschung übertragen?
Henkel: Durchaus, denn das Prinzip des Wettbewerbs gibt es keineswegs nur in der Wirtschaft. Der Wettbewerb ist schließlich nicht das Ziel, sondern nur ein gängiges gesellschaftspolitisches Mittel, um gewünschte Ziele zu erreichen. Stellen Sie sich vor, man würde im Sport den Wettbewerb abschaffen. Das Resultat wären ziemlich langweilige Sportveranstaltungen, und die erbrachten Leistungen ließen sicherlich zu wünschen übrig. Auch im Kulturellen ist der Wettbewerb kaum wegzudenken. Oder würden Sie in eine Oper gehen, in der sich die Diva nicht über zahlreiche Gesangswettbewerbe hat qualifizieren müssen? Wer also den Wettbewerb insgesamt ablehnt, weil er so unmenschlich sei, der müsste ihn auch in diesen Bereichen abschaffen.
bdw: Sprechen Sie dabei für alle wissenschaftlichen Gebiete?
Henkel: Natürlich gibt es in der Wissenschaft Bereiche, die sich weniger für einen kurzfristigen Wettbewerb eignen. Ich meine dabei speziell die Grundlagenforschung. Selbst der größte Wirtschaftsstratege plant höchstens für fünf Jahre voraus. Die Grundlagenforschung dagegen braucht nicht selten 10 oder gar 20 Jahre für eine neue Entdeckung. Bei solchen Zeiträumen hat das Wettbewerbsprinzip einfach eine andere Bedeutung. So hat in allen wettbewerbsorientierten Gesellschaften vor allem der Staat für die Finanzierung der Grundlagenforschung zu sorgen.
bdw: Was unterscheidet Sie von Ihren Kollegen im Wissenschaftsmanagement?
Henkel: Mein persönlicher Hintergrund ist geprägt von internationaler und wettbewerbsorientierter Management- und Verbandsarbeit in der Wirtschaft. Das bringt andere Sichtweisen mit sich, möglicherweise unkonventionelle und manchmal auch unbequeme. Außerdem kann ich sehr viel unabhängiger agieren, da ich – wie schon zu BDI-Zeiten – auch für die Leibniz-Gemeinschaft rein ehrenamtlich tätig bin. Außerdem habe ich ausschließlich beratende Funktion.
bdw: Sie bekommen kein Gehalt?
Henkel: Nun ja, mein Jahreseinkommen als WGL-Präsident beträgt eine Mark.
Sie alle nennen Henkel ihren Präsidenten
• Astrophysikalisches Institut Potsdam
• Akademie für Raumforschung und Landes- planung, Hannover
• Institut für Agrartechnik Bornim, Potsdam
• Berliner Elektronenspeicherring-Gesellschaft für Synchrotronstrahlung, Berlin
• Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Hamburg
• Deutsches Bergbau-Museum, Bochum
• Deutsches Diabetes-Forschungsinstitut an der Universität Düsseldorf
• Deutsche Forschungsanstalt für Lebensmittel- chemie, Garching
• Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, Frankfurt/Main
• Deutsches Institut für Ernährungsforschung, Bergholz-Rehbrücke
• Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung; Frankfurt/Main
• Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin
• Deutsches Museum, München
• Deutsches Primatenzentrum, Göttingen
• Deutsches Schiffahrtsmuseum, Bremerhaven
• Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen, Braunschweig
• Deutsches Übersee-Institut, Hamburg
• Ferdinand-Braun-Institut für Höchstfrequenz- technik, Berlin
• Forschungsinstitut für die Biologie landwirt- schaftlicher Nutztiere, Dummerstorf
• Fachinformationszentrum Chemie, Berlin
• Forschungsinstitut und Naturmuseum Senckenberg der SNG, Frankfurt/Main
• Fachinformationszentrum Karlsruhe Gesellschaft für wissenschaftlich-technische Information, Eggenstein-Leopoldshafen
• Forschungsinstitut für Molekulare Pharma- kologie, Berlin
• Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung bei der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften, Speyer
• Forschungszentrum Borstel-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften, Borstel
• Forschungszentrum Rossendorf, Dresden
• Gesellschaft sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen, Mannheim
• Institut für Geowissenschaftliche Gemeinschaftsaufgaben, Hannover
• Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
• Heinrich-Hertz-Institut für Nachrichtentechnik, Berlin
• Herder-Institut, Marburg
• Heinrich-Pette-Institut für Experimentelle Virologie und Immunologie an der Universität Hamburg
• Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv
• Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa, Halle/Saale
• Leibniz-Institut für Atmosphärenphysik an der Universität Rostock
• Institut für Deutsche Sprache, Mannheim
• Institut für Arbeitsphysiologie an der Universität Dortmund
• Institut für Länderkunde, Leipzig
• Institut für Meereskunde an der Universität Kiel
• Leibniz-Institut für Neurobiologie, Magdeburg
• ifo Institut für Wirtschaftsforschung, München
• Institut für Troposphärenforschung, Leipzig
• Institut für Festkörper- und Werkstofforschung, Dresden
• Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel
• Institut für Zeitgeschichte, München
• Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, Berlin
• Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau, Großbeeren
• IHP-Institut für innovative Mikroelektronik, Frankfurt/Oder
• Institut für Kristallzüchtung, Berlin
• Institut für Molekulare Biotechnologie, Jena
• Institut für Neue Materialien, Saarbrücken
• Institut für Niedertemperatur-Plasmaphysik, Greifswald
• Institut für Oberflächenmodifizierung, Leipzig
• Institut für ökologische Raumentwicklung, Dresden
• Institut für Ostseeforschung Warnemünde an der Universität Rostock
• Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie, Halle/Saale
• Institut für Polymerforschung, Dresden
• Institut für Pflanzengenetik und Kultur- pflanzenforschung, Gatersleben
• Institut für die Pädagogik der Naturwissen- schaften an der Universität Kiel
• Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung, Erkner
• Institut für Spektrochemie und Angewandte Spektroskopie an der Universität Dortmund
• IWF Wissen und Medien, Göttingen
• Institut für Wirtschaftsforschung, Halle
• Institut für Wissensmedien, Tübingen
• Institut für Zoo- und Wildtierforschung, Berlin
• Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik, Freiburg
• Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie, Berlin
• Paul-Drude-Institut für Festkörperelektronik, Berlin
• Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
• Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung, Essen
• Technische Informationsbibliothek, Hannover
• Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik, Berlin
• Wissenschaftszentrum Berlin für Sozial- forschung
• Zentrum für Agrarlandschafts- und Land- nutzungsforschung, Müncheberg/Mark
• Deutsche Zentralbibliothek für Medizin, Köln
• Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschafts- wissenschaften, Kiel
• Zoologisches Forschungsinstitut und Museum Alexander König, Bonn
• Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation, Trier
Thomas Niemann





